Old politics?

Robin Meyer-Lucht zitiert heute einen Beitrag von Michael Seemann zur Guttenberg-Copy-Paste-Affäre. Seemann spitzt zu: „Das, was wir derzeit zu sehen bekommen, ist das letzte Aufbäumen einer Art Klasse, deren Macht sich auf BILD, BAMS und Glotze stützte, wie es Gerhard Schröder mal so schön formulierte. Aber das stimmt natürlich nicht. Die Macht stützt sich auf so viel mehr: institutionelle Bildung, Wertekanon, Aufstiegsversprechen, Autofetisch, Bausparvertrag, Eigenheim, Urlaubsbedürfnisse, Lohnarbeit, Leistungsgedanke, Ehegattensplitting, Kunst-Museen, Theater und auch Doktortitel – und natürlich Habitus.“

Ja. Aber doch: „Stützte“? Die Ansicht, die bürgerliche Gesellschaft sei Vergangenheit und „Bild, BAMS und Glotze“ folge etwas anderes nach, ist in der Netzgemeinde ganz sicherlich weit verbreitet. Dem liegt aber einerseits eine gehörige Selbstüberschätzung zugrunde, denn worauf sonst sollte sich politische Macht in einer Massendemokratie stützen, wenn nicht auf Massenmedien? Ganz bestimmt nicht auf zehn tapfere Blogger, die ihre jeweiligen Minderheiten bedienen. Andererseits liegt dem ein Denken zugrunde, das trennt zwischen der „alten Welt“ aus politischen Parteien, Massenmedien und Bürgertum und einer neuen Welt, die individualisiert, modern und vor allem online daherkommt.

Alles verkehrt. Alles ist beim alten. Es gab zuletzt im Sommer 2010 den Versuch, einen diesbezüglichen Mythos zu begründen, „das Netz“ habe den Bundespräsidenten Köhler zum Rücktritt veranlasst, und es wäre heute genauso falsch zu glauben, die Internetgemeinde könne zu Guttenberg zu Fall bringen. Der fiel über seine eigenen Füße, scheibchenweise kommt immer mehr heraus von der Fassade, die beim modernen Politiker den „Habitus“ ersetzt. Demontage des Politischen, aber was fehlt, wäre eine Rekonstruktion. Immerhin, den Rest, insoweit ist Seemann zuzustimmen, wird dann die bürgerliche Gesellschaft erledigen. Auch das jedoch nicht durch das Netz, sondern mit den ihr eigenen Instanzen. Das Netz wäre hierzu als individualisiertes und individualisierendes Minderheitenmedium gar nicht geeignet. Der virtuelle Raum ist zwar politisch nicht mehr ganz bedeutungslos, er ist aber auch nicht spielentscheidend.

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10 Antworten zu Old politics?

  1. dirk franke schreibt:

    Ich würde ja einfach sagen, Michael Seemann hängt einer religiösen Heilslehre an, deren ersten Grundsatz es ist, dass Fakten sich verflüchtigt haben und alles irgendwie schwebt.

  2. dirk franke schreibt:

    Was ihn dann natürlich auch fröhlich einer faktengestützten Argumentation entbindet.

  3. Mathies schreibt:

    Wahre Worte.
    Ein Freund fragte mich vor Kurzem, wie ich überhaupt gewisse Blogs finde. Ich habe lange gegrübelt und muss gestehen, dass es mehr Zufall als irgendetwas anderes war. Selbst wenn man sich mit Drittmeinungen im Netz versorgen will, ist es nicht leicht, überhaupt einen Einstiegspunkt zu finden.
    Und wenn ich “normalen” Leuten von Blogs erzählen will, muss ich meistens erst einmal erklären, was Blogs eigentlich sind.

  4. jfenn schreibt:

    @Mathies: Nicht nur Blogs. Das gilt genauso für Twitter und dergleichen. Fast reine Insidermedien. Die umgekehrt zur Exklusion der Outsider führen.

  5. jfenn schreibt:

    @Dirk: Mspro schreibt wohl absichtlich nicht „faktengestützt“, sondern eher feuilletonistisch (man könnte auch sagen: geschwätzig) …

  6. Stefan schreibt:

    Das Guttenberg-Wiki allerdings würde ich in seiner Rolle nicht unterschätzen. Ich kenne einige Leute, die weder Twitter noch Blogs kennen, aber sich das Wiki angeguckt haben und über den Umfang des Plagiats überrascht waren. Auch die sonstigen Medien konnten sich dort sehr bequem bedienen. Der Versuch, die Sache kleinzureden, ist meines Erachtens auch daran gescheitert.

  7. jfenn schreibt:

    @Stefan: Das lag aber daran, daß von Anfang an die Massenmedien darüber berichtet hatten. Die Tagesschau war vom ersten Tag an dabei. Danach wollte es jeder mitlesen.

  8. jfenn schreibt:

    Man muß nur lange genug warten, dann kommen die vorhergesagten Schlagzeilen schon: „zu Guttenberg: Der erste Minister, den das Internet gestürzt hat. GuttenPlag Wiki sticht Bild.“

  9. jfenn schreibt:

    Habs kommentiert: „Wenn der Begriff nicht schon anderweitig besetzt wäre, müßte man sagen, die Idee, ‚das Internet‘ könne einen Politiker stürzen, sei abstrus. Das ist eine erhebliche Verengung des Blickwinkels auf das politische Geschäft. Gerade das GuttenPlagWiki war so erfolgreich, weil von Anfang an die Massenmedien eingestiegen sind. Es ist so populär geworden, weil jeder es daraufhin lesen wollte. Ansonsten war es eine politische Affäre, wie es schon viele gegeben hat. Erst seit der Spiegel aufgehört hat, investigativ zu arbeiten, sind es weniger geworden, seitdem fällt es gegebenenfalls etwas mehr auf, wenn ein Politiker über seine eigenen Füße stolpert. Über ein Blog oder über ein Wiki aber ist noch keiner gestürzt. Und wird es auch nicht, denn die Netzgemeinde nimmt sich wieder einmal viel zu wichtig.“

  10. radiomensch schreibt:

    Die Behauptung, das “Netz” habe KTzG gestürzt ist in der Tat abstrus.

    Auf die Schliche gekommen ist dem Minister a. D. Andreas Fischer-Lescano. Der wollte zunächst einfach nur die Arbeit für eine juristische Fachzeitschrift rezensieren, so wie es auch schon im prädigitalen Zeitalter praktiziert wurde.

    Von diesem Zeitpunkt an war das ganze ein Selbstgänger. In der Dokumentationsabteilung des Spiegel arbeiten genügend Leute, die genauso in der Lage sind, so einen Text systematisch und abschließend zu durchleuchten wie jeder andere auch. Ein Wiki und einen begleitenden IRC-Chat braucht es nicht.

    Nur den Anfangsverdacht muss man erstmal haben. Das ist ja dem bedauernswerten Prof. Häberle nicht anders gegangen: Wenn man einen Menschen grundsätzlich als seriös und vertrauenswürdig einschätzt, kommt man gar nicht erst auf die Idee, so eine Handlungsweise zu vermuten. Meinen langjährigen Nachbarn kenne ich als grundehrlichen Menschen. Der würde mir morgens nicht die Zeitung aus dem Briefkasten klauen.

    Mit dem Internet hat das alles nichts zu tun.

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