Ich frage mich schon länger, wie die Wikimedia Foundation eigentlich langfristig mit dem Demokratiedefizit in der „Bewegung“ umgehen wird? Credo- und Highbeam- und JSTOR-Accounts werden nur in der englischen Wikipedia angekündigt und verteilt. Und auf Meta diskutieren sie unter Ausschluß aller übrigen Projekte ausschließlich auf Englisch vor sich hin. Übersetzungen werden nicht erstellt. In einer der letzten Office-Hours wurde mir ziemlich kühl entgegengeschmettert, nein das gehe nun wirklich nicht, müsse alles auf Englisch sein, wir müssen leider draußen bleiben. Ja, dann…
Jürgen Fenn
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Das hört sich beinahe so an wie das Gehabe eines amerikanischen Unternehmens. Die sind meiner eigenen Erfahrung nach auch sehr sehr amerikanisch geprägt. Dort rührt es natürlich daher, dass der Hauptmarkt für die Unternehmen oft der inneramerikanische ist. Und nur dort, wo die Hauptumsätze generiert werden, soll auch Macht und Einfluss verteilt werden. Oft reicht auch schlicht die gedankliche Reichweite nicht aus. Als ich in meinem letzten Unternehmen ein europaweites Intranet-Projekt aufsetzte (genauer gesagt sogar EMEA weit, also Europa mit den Mittelmeeranrainern inklusive Nordafrika), kam in einer Telefonkonferenz irgendwann der Spruch, der Sinnbild ist: “There are the U.S. and the rest of the world ..”. In einer späteren Telko musste ich einem anderen Manager erklären, dass Wien nicht zu Deutschland gehört. Noch Fragen?
Die Wikipedia ist nun eigentlich kein amerikanisches Unternehmen, aber vielleicht ist der Horizont eurer amerikanischen Kollegen ähnlich “weit”.
Was das Englische angeht, so kann man das ja noch begründen, denn wenn man nun auch noch damit anfangen täte, ein babylonisches Sprachengewirr zu leben, dann würde es doch arg aufwendig. Das kann ich also zumindest nachvollziehen, dass man da bei Englisch bleiben will.
Na ja, in diesem Fall ist der „Hauptmarkt“ ja „die Welt“ mit gut 290 Sprachversionen, aber es ist schon richtig: Zumindest seit Sue Gardner Geschäftsführerin der Foundation geworden ist, so hört man, sei die Konzentration auf enwiki schlimmer geworden. Man könnte eine Art Betriebsblindheit annehmen. Und natürlich kann man für die sprachliche Beschränkung praktische Gesichtspunkte anführen – das trägt aber letztlich alles nicht, denn es führt zu einem systematischen Ausschluß aller übrigen Communities. Umgekehrt machen aber auch die übrigen (Sprach-/Projekt-)Communities ihre Interessen nach Teilhabe nicht genügend deutlich geltend. Wenn die Verteilung von Datenbankaccounts für die Artikelarbeit an eine Begründung gebunden wird, wäre es schon ein Zeichen, wenn sich da mal zwanzig Wikipedianer auf Deutsch oder auf Französisch eintragen würden. Um dem allem entgegenzuwirken erstellen wir mittlerweile die Wikimedia:Woche, um wenigstens auf die wichtigsten Entwicklungen hinzuweisen – was aber auch nicht die zugrundeliegenden Probleme beseitigt (Sprache und Ort von Diskussionen). Honni soit qui mal y pense.
Wir hatten mal eine amerikanische Austauschschülerin an der Schule. Sie erzählte uns im Englisch-Unterricht, wie sie sich auf die Reise nach Frankfurt vorbereitet hatte: “I took a class in European history.” Insoweit ist es klar, daß Paris und Wien “nearby” sind…
Naja, nearby wäre ja okay, aber für viele Amerikaner ist Europa vor allem weit weg, entfernungsmäßig, vor allem aber auch weit weg von ihrem Alltag.
Gerechterweise müssen wir aber sagen: Amerika ist ja für uns umgekehrt gesehen auch sehr weit weg. Wir merken es nur meist erst viel zu spät.
Stimmt! Wo liegt das nochmal? Das ist doch da irgendwo gleich neben Transsilvanien, oder?
Die mangelhaften Geographie-Kenntnisse der Amerikaner sind ja seit jeher ein beliebtes Thema.
Ich werfe bei so einer Diskussion immer gerne Wissensfragen wie diese ein: Wer ist in der Lage, aus dem Stegreif und ohne Hilfsmittel auf einer unbeschrifteten Weltkarte zu markieren, wo sich die Millionen-Städte (a) Chicago, (b) Kuala Lumpur, (c) Guangdong und (d) Lagos befinden?
Und selbst unter gebildeten und belesenen Zeitgenossen in Deutschland findet man erstaunlich wenige, die ohne zu zögern anzugeben wüssten, wie die Namen der derzeitigen Regierungschefs von (a) Indien, (b) Portugal, (c) Japan und (d) China lauten.
Dieselben Leute mokieren sich aber, wenn ein Student aus Texas den Namen Angela Merkel nicht zuordnen kann.
Haste wahr.
Ungefähr das meinte ich damit, als ich schrieb, daß wir uns viel zu wenig darüber bewußt sind, wie weit die USA (oder irgendein anderes entfernteres Land) tatsächlich von uns entfernt liegen. Das globale Dorf (heute noch mehr als früher, durch Internet mit Zeitungswebsites und Livestreams) rückt zwar zusammen, aber die Distanz bleibt. Früher, als der Rundfunk auf Kurzwelle noch sehr viel aktiver war, hörte man die Distanz buchstäblich durch das Knacken im Radio…