Wenn ich nach wenigen Tagen Abwesenheit fast 200 Kommentare aus dem Spamfilter meines Blogs lösche und wenn mir „OnlinePRAgentur“ auf Twitter folgen möchte („5647 folge ich“), weiß ich sicher, daß es noch mehr Gründe gibt, nicht Teil eines Hypes zu sein.
Jürgen Fenn
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Ein anderer Reiz und (m)eine Reaktion darauf. Wir waren gestern in Frankfurt. Ein wenig Bummeln, dann aufs Museumsuferfest. Und immer und überall diese lauten, ekelhaften Plakate zur KOONS Ausstellung. Ich fühle Ekel und vieles in mir will eine solche Kunst nicht. Wir gehen über den Holbein-Steg, meine Blicke können sich auch hier großformatigen Plakaten nicht entziehen und ich wundere mich wirklich über meine starke Abneigung. Hm ..
Wundert mich nicht, kenne ich. Ist, glaube ich, ein kulturelles Phänomen. Es stößt einen einfach ab – und zieht die Geldgeber dafür umso stärker an, und gerade das ist das Ziel, denn davon lebt der „Künstler“. Solche Effekte werden immer wieder ausgenutzt um zu polarisieren und um dafür zu sorgen, daß man unter sich bleibt. Zum Beispiel bei der Gestaltung von Einkaufszentren oder auch in neuerer Zeit von Unis: Da verirrt sich garantiert kein Unterschichtler oder Obdachloser hinein, wir sind unter uns, sagt die Mittelschicht, und das wollen wir auch bleiben. Und das ist die Kälte, die davon ausgeht – in diesem Fall ganz offen mitfinanziert aus öffentlichen Kassen. Da fand ich Riedel ganz anders. Den finde ich umso besser, je länger ich ihn auf mich wirken lasse. Und ich war laut Ticketnummer der 77. Besucher in der Ausstellung!
Sehe ich ähnlich mit den Effekten. Zu den Effekten gehört aber auch, dass eine gute Wirkung nur kurz anhält. Wenn man böse ist, dann denkt man sich: (Werbe)Lügen haben kurze Beine. Wer das stattdessen anders angeht, langfristiger, ehrlicher, gewinnt sein Publikum zwar langsam, dafür aber endgültig. Diese Koonsschen Dörfer sind auch nicht im Sinne des “Künstlers”. Riedel bewegt sich da in einer komplett anderen Umlaufbahn, wie mir scheint.
Riedel ist Künstler, Koons ist Unternehmer. Und wohin laufen die Leut? Zum Koons. Und ich fand es ärgerlich, daß sie in der Ausstellung von Riedel keinen Katalog bereitstellen, denn ohne die Erläuterungen zum Hintergrund versteht man die Werke gar nicht.
Künstler vs. Unternehmer: Absolut! Aber genau das ist am Ende die traurige Begründung, warum es für die eine Ausstellung einen Katalog gibt und für die andere nicht. Als Unternehmer lohnen sich halt Ausgaben fürs Marketing. Für Riedel denkt man erst gar nicht nach über so was. Kostet doch nur!
Verlassen wir mal das Amüsante an diesem Gedankenspiel und geben Raum für einen anderen, einen ernsteren Gedanken, der aber mit dem oben genannten zusammenhängt: Museen schaffen so ihre Daseinsberechtigung ab. Wenn Museen nicht mehr Zugang gewähren für die Allgemeinheit, wieso soll sich diese Allgemeinheit finanziell daran beteiligen, dass man bessere Geschäfte macht? Ein gefährliches Spiel und ich glaube, dass den so agierenden Kunst-Machern (klingt ein wenig nach Jahrmarkt, etwa wie Regen-Machern) noch gar nicht klar ist, welche Büchse der Pandora sie da aufmachen.
Zur Klarstellung, damit das richtig rüberkommt: Es gibt freilich einen Katalog zu Riedels „Texte zur Kunst“ – es lag bloß keiner in der Ausstellung, was ganz ungewöhnlich ist, aber auch die Aufsicht fand nichts dabei, als ich danach fragte, weil ich ihn vermißt habe. Es gab auch keine Erläuterungen in der Ausstellung, abgesehen von etwas Text am Eingang vor dem kleinen Ausstellungsraum. Unten an der Kasse lag ein Musterexemplar des Katalogs zum Reinschauen.
Das Problem sehe ich in der Boulevardisierung des Ausstellungsbetriebs. Das ist ein großes Business, und wenn man die internationalen Kunstzeitschriften anschaue, sieht man, daß mittlerweile Formate „kuratiert“ werden, die länderübergreifend verwendbar sind – Munch von Paris über Frankfurt, und dann weiter nach London, etwa. Koons ist sowieso überall derselbe. Als nächstes ist die Romantik im Städel dran, siehe den Presseverteiler – hab leider in der Regel keine Zeit am Dienstagmittag ab elf, vier Wochen im voraus festzulegen… Dieser Tendenz entziehe ich mich zunehmend, indem ich begonnen habe, mich sehr viel mehr für Sammlungen zu interessieren als für die Show-Ausstellungen. Niemand braucht die große, teure Show, sie macht die Kunst kaputt und entzieht ihr letztlich den Boden – und damit auch dem Sinn, sie öffentlich zu fördern, da hast Du absolut Recht.