Der mit dem Bus fährt

Das nenne ich Öffentlichkeitsarbeit. Weltweit auf Platz eins der Nachrichten, obwohl sich die Organisation ebenfalls weltweit auf dem absteigenden Ast befindet. „2000 Jahre Erfahrung im Eventmanagement. Das macht sich bezahlt.“ Noch nicht einmal in Südamerika kann man mehr ohne weiteres davon ausgehen, daß man es überwiegend mit Katholiken zu tun habe. Überraschung: „Es ist ein Junge!“ Und von den Schattenseiten schreibt wieder nur die Sammelmappe, denn wo viel Licht ist, ist eben auch viel Schatten. Ist es möglich: Er „fährt sogar mit dem Bus“. Und auch während der Diktatur stand er auf der falschen Seite – heißt es. Oder auf der richtigen, wenn man seinen Aufstieg als Erfolg beschreiben wollte. Auch die taz versagt: Er wirke „wie ein Landpfarrer“, schreiben sie. Jubelt Ihr nur. „Buona sera“, hat er gesagt. Mich friert es bei soviel Strickjacke heut abend vor Gemütlichkeit.

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Wutbürger to go

Wolfgang Michal hat sich bei Carta gefragt, warum die neueren sozialen Bewegungen so kurzatmig sind. Er hat acht Gründe ausgemacht, die einer längeren Formierung des Protests entgegenstehen, und meint zum Ende: „Die älteren, stabileren Protestbewegungen positionierten sich stärker (und optimistischer) als Gegenmodelle bzw. alternative Lebensformen, während die kurzatmigen Empörungsbewegungen von heute nur ihre momentane Unzufriedenheit ‚ausleben‘ und sich weniger über langfristige Gesellschaftsentwürfe definieren. Ohne solche Gegenentwürfe fehlt den Empörten aber der Haltegriff …, der sie davor bewahrt, mit der nächsten Empörungswelle ins Meer der Gleichgültigkeit zurückgerissen zu werden.“

Volle Zustimmung. Aber grundlegend scheint mir doch zu sein, daß „die Empörten“ gar keine längere Dauer ihrer Bewegungen haben möchten. Ich glaube, das Interesse an größeren Gesellschaftsentwürfen hat insgesamt abgenommen, man fühlt sich ganz wohl damit, wieder auseinanderzugehen, wenn die Kampagne vorbei ist. Es gibt auch kein gemeinsames Lebensgefühl zwischen den „Wutbürgern“: Jeder kann sich dem anschließen, von den Linken bis zu den evangelischen Posaunenchören haben sie vor dem Stuttgarter Bahnhof demonstriert. So eine Allianz ist von vornherein rein sachbezogen und hat notwendigerweise weder ein gemeinsames Milieu zur Grundlage noch eine gemeinsame Zukunft vor sich. Was bleibt, ist aber die Haltung, etwas gemeinsames tun zu können und das Know-how darum, bei nächster Gelegenheit wieder so eine bunte Truppe zusammenzutrommeln. Das ist ja für sich genommen auch nicht ohne. Vor allem ist es politisch schwerer zu berechnen. Gefällt mir eigentlich ganz gut. Wenn auch die Revolution auf diese Weise (auch) nicht zustandekommen wird. ;)

Ich stimme in vielem zu, glaube aber trotzdem, der wichtigste Punkt ist, daß man politische Bewegungen weder anleiten noch planen oder sonst gestalten kann. Sie bilden sich konkret – oder eben nicht. Ich schaue derzeit mehr auf das Gute. Aus den alten politischen und gesellschaftlichen Institutionen Parteien, NGOs, Gewerkschaften, Kirchen usw. gehen überhaupt keine konstruktiven Impulse mehr hervor. Die sind mausetot. Ich bin bescheiden, und ich bin, ehrlich gesagt, froh, daß sich überhaupt noch etwas von unten tut. Diese Ansätze sind ebenfalls – im besten Sinne – bescheiden: Keine großen Entwürfe, und shitstorm-tauglich müssen sie sein. Mehr geht bis auf weiteres nicht. Früher war die Linke gespalten, heute ist die Gesellschaft insgesamt zersplittert, einschließlich der bürgerlichen Lager und der Konservativen. Deshalb ist ja auch die Idee, es könne noch so etwas wie eine „Volkspartei“ oder eine „Einheitsgewerkschaft“ geben, antiquiert und absurd. Mit anderen Worten: Wenn soziale Bewegungen sich auf ein bestimmtes Thema beschränken und relativ zügig wieder zerfallen, liegt das m.E. daran, daß eine Basis, die länger tragfähig wäre, fehlt. Beratung kann das nicht ändern, denn sie kann die Basis nicht verändern. Ich glaube auch nicht, daß die heutigen Bewegungen völlig folgenlos bleiben oder daß die früheren schlagkräftiger gewesen wären. Vergleich: Stuttgart21 vs. Wackersdorf. Lag es an den Demonstranten, daß Wackersdorf nicht zustandekam? Damals kam vieles zusammen, die Demos waren auch damals nur ein Teil des ganzen. Auch wenn das alte Lagerfeuer heute immer noch wärmt, sollte man nicht fordern, daß politischer Protest heute so wie früher funktionieren könnte.

Kommentar[1][2] bei: Carta.info. 11. März 2013.

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Alles bio

Gegen die Käufer[1] kann man nichts machen. Aber gegen die Gekauften. Die Mischung ist überall vorhanden, gedruckt wie digital. Die Geschäftemacher mischen sich gnadenlos mit den Gleichgültigen und mit den guten Hirten. Wen man liest, ist letztlich das Ergebnis eines Lernvorgangs. Unglaubwürdige Quellen verfolgt man nicht weiter. Auch hier ist eine Auswahl angesagt. Alles bio.

Mit Dank an V. für den Link.

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Ponader geht

Johannes Ponader hat eine Meldung von Spiegel online auf Nachfrage bestätig, daß er sich im übernächsten Monat nicht mehr für das Amt des politischen Geschäftsführers der Piratenpartei bewerben werde. Die innerparteilichen Querelen sind eine Sache. An denen wird er wahrscheinlich auch seinen Anteil gehabt haben, denn dazu gehören zwei, mindestens. Ebenso die völlig unfähige programmatische Arbeit der Partei im ganzen, die beispielsweise zu dieser unsäglichen Renten-FAQ geführt hat. Die öffentliche Figur Ponader und der Umgang mit ihm aber ist die andere Seite.

Johannes Ponader war der erste Politiker in einer herausgehobenen Position in Deutschland, der von Hartz-IV-Leistungen lebte. Und der Umgang mit ihm war dementsprechend. Fast keine Talkshow ohne Bezugnahme auf seine persönliche prekäre Lage. Dabei hätte es sich angeboten, anhand seines Beispiels über die Lage von Künstlern in Deutschland zu sprechen. Über politisches Engagement von hilfebedürftigen Menschen überhaupt. Aber auch das hätte seine politischen Wirkungsmöglichkeiten wiederum eingeschränkt – was auch nicht wünschenswert gewesen wäre. Dabei ist Ponader nicht allein. Vorher hatte auch die Linke in Hessen vor mehreren Jahren schon einen Bewerber um das Amt des Vorsitzenden, der von Hartz-IV-Leistungen lebte, gemobbt und dessen Wahl damit verhindert. Der Hartz-IV-Bezieher als Paria. Anscheinend geht es nicht anders.

Das wirft ein Licht auf die Diskriminierung von armen Menschen hierzulande. Und das am Tag der Bekanntgabe des „Armuts- und Reichtumsberichts“, der noch in der frisierten Fassung eine immer größere Schere zwischen Arm und Reich konstatiert und den FDP-Wirtschaftsminister Rösler in den Tagesthemen jubeln läßt: „Deutschland ging es nie so gut wie heute“. Ach, so ist das.

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„#aufschrei. Zur aktuellen Sexismus-Debatte“. Diskussion der Heinrich-Böll-Stiftung im Frankfurter „Haus am Dom“

Die Heinrich-Böll-Stiftung Hessen hatte am 1. März 2013 ins Haus am Dom zur Diskussion über den #aufschrei geladen. Bereits im Januar 2013 hatte die Journalistin Laura Himmelreich im Stern einen Artikel über den FDP-Politiker Brüderle geschrieben, von dem sie ein Jahr vorher sexuell belästigt worden war. Der Artikel war als Kampagne gegen die FDP angelegt, löste aber gleichwohl von feministischer Seite einen bis heute andauernden Shitstorm auf Twitter aus, indem Frauen unter dem Hashtag #aufschrei über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt im Alltag berichten und diskutieren. Was als plattes Wahlkampfstück begonnen hatte, endete als eine Diskussion über alltäglichen Sexismus und Gewalt zwischen den Geschlechtern.

Zu Beginn der Diskussion stellte die Moderatorin Mechthild Veil die Frage, was bei alledem verlorengegangen sei, was angesichts einer deutlich fünfstelligen Zahl von Tweets aus dem Blick geraten sei. Julia Voss von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vertrat daraufhin die Ansicht, Himmelreich habe sich in einer Machtposition gegenüber Brüderle befunden, sie sei kein Opfer, was atypisch sei für Frauen in einer vergleichbaren Lage. Nadine Lantzsch vom Blog Mädchenmannschaft wies darauf hin, daß die Möglichkeit, an einer solchen Debatte auf sozialen Netzwerken teilzunehmen, von vornherein ungleich verteilt ist. Wer keinen Zugriff auf das Internet oder überhaupt auf einen Computer hat, habe hier keine Stimme. Ludwig Greven von der Zeit erkannte einen „Mittelschichtdiskurs im Internet“ und beschrieb die Debatte insgesamt nicht nur als ein Problem der Etikette, sondern auch als „eine Machtfrage“.

Etwas grundsätzlicher beschrieb im folgenden Angela Dorn (Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen) die Mechanismen alltäglicher Diskriminierung und Grenzüberschreitungen, denen auch sie zu oft mit Humor begegne. Das sei kontraproduktiv. Frau müsse sich ernster nehmen. Eine klare Ansage gegen solche Übergriffe sei angesagt, dazu sollten Frauen ggf. auch in speziellen Kursen angeleitet werden, um zu lernen, wie man sich besser wehren könne. Dem stellte Ludwig Greven die Verunsicherung vieler Männer aus seiner und aus älteren Generationen gegenüber, die sich mittlerweile fragten, was sie noch tun dürften? Es gebe tatsächlich eine große Unsicherheit beim Flirten. Demgegenüber sah Nadine Lantzsch, aus der Tradition der Genderstudien sprechend, die eigentliche Ursache für Geschlechterkonflikte in der Beschreibung bzw. der Einteilung der Gesellschaft nach Kategorien des Geschlechts. Lantzsch kritisierte, daß durch die Diskussion um die Probleme mancher Männer, eigene Grenzüberschreitungen zu erkennen, im Verlauf der Debatte der Fokus von den Frauen wieder auf die Männer verschoben worden ist.

Geteilter Ansicht war das Podium bei der Frage, warum es gerade jetzt zu dem #aufschrei gekommen ist. Während Julia Voss in einer Geschlechterquote – auf Nachfragen: auch in den Betrieben – einen wichtigen Beitrag sah, um Diskriminierung zu begegnen, berichtete Angela Dorn von ihren Erfahrungen als Landtagsabgeordnete, wo sie mehrheitlich mit älteren männlichen Kollegen zusammensitze, die sie als jüngere Politikerin oft herablassend behandelten als wollten sie sagen: „Was will denn das Mädchen hier eigentlich?“ Und: Auch wenn es bei den Grünen von Anfang an eine Quote gegeben habe, müsse man sich immer wieder fragen, was „echte Frauenförderung“ letztlich sei? Ludwig Greven war sich unschlüssig, warum gerade dieser Artikel über Brüderle so viel ins Rollen gebracht hatte. Die Anzüglichkeiten Brüderles seien weithin schon vorher bekannt gewesen. Er sah in alledem am ehesten noch eine „Symboldiskussion“, in der es um weit verbreitete Strukturen und um Entwürdigung von Frauen ging, in deren Verlauf sich aber niemand ernsthaft auf Brüderles Seite geschlagen habe. Greven erinnerte auch an Waltraud Schoppe, die noch 1983 in einer Rede im Bundestag eine offen verachtende Reaktion der patricharchalisch geprägten Regierungspolitiker geerntet hatte. Damals wurde öffentlich im Parlament gefeixt, als feministische Positionen zur Sprache kamen. Die taz beschrieb damals einen „johlenden, grölenden Männermob“. Diese Zeiten sind vorbei. Etwas deplaziert erschien nichtsdestotrotz der Ansatz Julia Voss’, die Quote im Vorstand des Verlags Gruner + Jahr habe sich auch in dieser Affäre ausgewirkt und die ursprüngliche Veröffentlichung im Stern begünstigt. Es war schlicht ein Aufmacher im Bundestagswahlkampf. Zudem ging es dem Stern zu keinem Zeitpunkt um Frauenrechte. Er wird nicht zögern, bei passender Gelegenheit wieder ein nacktes Model auf den Titel zu heben, zum Amüsement der Herrenwitzler.

Das Publikum war bei aller Sympathie für den Ansatz doch überwiegend skeptisch hinsichtlich des Nutzens der Geschlechterquote. Sie reiche im Ergebnis alleine nicht aus. Vor allem gegenseitiger Respekt sei vonnöten. „Wir leben nicht in einer achtungsvollen Gesellschaft“, sagte eine Diskutantin. Zum Geschlechterverhältnis wurde aber auch die Diskussion um Jungen als „Bildungsverlierer“ aufgegriffen. Die These werde ideologisch verwendet, für diesen „Backlash“ in der Debatte gebe es keinen empirischen Beleg, hieß es in der Diskussion entgegen Teilen des Podiums.

Zusammenfassend ist Angela Dorn insoweit zuzustimmen, daß es letztlich trotz der großen Zahl an Tweets zum #aufschrei nur relativ wenige Stimmen waren, die sich in die Diskussion eingebracht haben. Die feministische Szene diskutiert weiterhin vorwiegend selbstreferentiell. Sie ist sich ihrer geringen Größe kaum bewußt – obwohl gerade diese Außenseiterposition eines ihrer wichtigsten Themen ist. Das war vor allem an den Beiträgen von Nadine Lantzsch zu sehen, die sich als langjährige Aktivistin abgeklärt und vielleicht auch etwas gelangweilt zu der Aussage durchstieg, es habe sich bei dem #aufschrei um keine neue und selbständige soziale Bewegung gehandelt, eine solche gebe es vielmehr seit hundert Jahren. Man ist sich nicht bewußt, daß es sich bei der feministischen Szene um eine Subkultur handelt, die in diesem Fall einen Impuls aus dem Mainstream aufgegriffen und zum Anlaß für eine eigene Aktion genommen hatte, die spontan auf ein latentes Bedürfnis reagiert hatte und sich über einen sehr langen Zeitraum erhalten ließ. Genausowenig wie man den #aufschrei hätte triggern können, wird man ihn wahrscheinlich am Laufen halten können. Auch wenn Massenmedien über ihn berichtet haben, bleibt er letztlich in der Szene und auf Twitter beschränkt. Er ist nicht mehrheitsfähig, weder was das Thema angeht noch hinsichtlich des Minderheitenmediums Twitter. Trotzdem ist mit dem Protestpotential, das er zutage gebracht hat, auch weiterhin zu rechnen. Offen bleibt allerdings, inwieweit?

Trotz der differenzierten Diskussion, hatte das Podium Anregungen aus dem Publikum leider nur unzureichend aufgegriffen. Zudem hat der überwiegende Teil des Panels den Nutzen der Geschlechterquote ganz sicherlich überbewertet. Eine Änderung und buntere Zusammensetzung von Gremien ändert das Gremium und seine Rolle selbst noch nicht und erst recht nicht die Spielregeln des Systems im ganzen. Letztlich geht es nicht um eine Geschlechter-, sondern um eine Machtfrage. Die Ausübung von Macht durch die einen Menschen über die anderen. Endlich eine Demokratisierung der Gesellschaft dürfte angezeigt sein und eine gemeinsame Selbstverwaltung, in der die Geschlechter gleichberechtigt zum Zuge kommen.

Nach meiner Erfahrung fehlt es zudem gerade bei den jüngeren Frauen am Bewußtsein um ihre Rechte. Als ich in meinen juristischen Tutorien für BWL-Studenten die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts zur Zölibatsklausel für Lufthansa-Stewardessen diskutierte, war in zwei Semestern nicht eine einzige Studentin der Meinung, eine solche 50er-Jahre-Klausel verstoße gegen die guten Sitten. Alle gingen davon aus, daß es selbstverständlich auch heute noch zulässig wäre, dem Arbeitgeber ein außerordentliches Kündigungsrecht im Fall der Eheschließung der Arbeitnehmerin zuzugestehen, daß so etwas frei arbeitsvertraglich vereinbart werden könne. Es ist noch viel Aufklärung zu leisten. Wir waren schon mal sehr viel weiter.

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Blogger unter sich

Thomas Knüwer schlägt vor, das von Bundestag gestern beschlossene Leistungsschutzrecht für Presseverleger zum Anlaß zu nehmen, die Websites von Verlagen nicht mehr aus Blogs oder auf sozialen Netzwerken zu verlinken. Ein interessanter Vorschlag. Ernst machen. Die Verleger abhängen. Es geht auch anders. Blogger unter sich. Informieren sich und ihre Leser gegenseitig. Wer braucht noch Links auf die Presse? Ist doch ohnehin alles vielfach dupliziert im Netz und somit wunderbar über Suchmaschinen auffindbar. Standardisierte Berichterstattung, alles dpa und so weiter, Massenware, hundertfach im Netz. Unbemerkt schon längst von hirnlosen Algorithmen produziert. Reicht völlig aus, daß Wikipedia in den Fußnoten dokumentiert, wer was von wem abgeschrieben oder sonst übernommen hatte.

Die Verlage brauchen Blogs als eine kreative Werkstatt, aus der sie schöpfen. Und umgekehrt? Setzen Blogs Themen gegen den Verlags-Mainstream? Twitter hat gerade ein Thema gesetzt, den #aufschrei, sehr laut, kaum zu überhören. Aber Blogs? Recherche ist selten in der Blogosphäre. Seltener als im Konzernjournalismus? Nicht wirklich.

Wolfgang Blau hat die Lobbyisten beim Namen genannt. Und Vera Bunse hat die Seiten zusammengefaßt, die das Leistungsschutzrecht unterstützen. Aber es geht ja genaugenommen um mehr.

Das Leistungsschutzrecht wird voraussichtlich scheitern. Es hätte schon gleich im Bundestag scheitern können, spätestens bei der finalen Abstimmung – wenn es opportun gewesen wäre, aber „die Opposition wollte sich den kommenden großen Auftritt im Bundesrat nicht nehmen lassen und das ungeliebte Gesetz schon jetzt vom Herd nehmen“. Schön warmhalten im Wahljahr, das können wir sicher noch mal brauchen. Auch darum geht es.

Aber es geht eben vor allem um die Frage, ob wir diese Presse denn noch brauchen, in der es immer schwerer geworden ist, Redaktion und PR-Abteilung auseinanderzuhalten. Auch Profis fällt das mitunter nicht mehr leicht. Was ist noch geschrieben, was ist getextet, wofür ist bezahlt worden und von wem, was ist Nachricht, was ist Werbung, wo verläuft die Grenze zwischen dem „eigentlichen“ Inhalt, dem „Content“, und der Reklame? Und: gibt es diese Grenze überhaupt? Wenn Werbung immer schwerer zu verkaufen ist, wird am Ende eben alles zur Reklame.

Für diesen Abbau haben die Verlage schon längst die Quittung erhalten. Wo früher Bahnfahrer zeitunglesend auf dem Bahnsteig standen, sind sie heute über ihre Smartphones gebeugt. Man surft und simst und twittert. Noch nicht einmal über das Ende einer Zeitung wird man zuerst aus einer Zeitung noch informiert. Die gegenseitige Information der Bürger untereinander funktioniert immer besser. Die Zeit der Zeitungen ist endgültig vorbei, völlig egal, ob sie gedruckt oder online veröffentlicht werden. Der Versuch, die heiße Ware Neuigkeit zu verknappen, ist endgültig gescheitert. Niemand verpaßt mehr etwas. Völlig ungeachtet des Leistungsschutzrechts, können wir daher getrost unter uns bleiben.

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DDR-Zeitungen und alte Bundestagsdrucksachen online

Wikipedianer sind Informations-Junkies und reichen sich gegenseitig Informationen weiter. Falls noch nicht bekannt: Online verfügbar sind seit kurzem als Digitalisate:

Merke: „Die Bibliothek“ findet immer mehr in meinem Computer statt.

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Stéphane Hessel ist gestorben

Stéphane Hessel ist gestern im Alter von 95 Jahren gestorben. Es ist knapp zwei Jahre her, daß ich ihn im Schauspiel Frankfurt bei einer Diskussion mit Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit gesehen hatte

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„Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast.

„Wenn Sie keine Fragen mehr haben…“ Keine Nachfragen, was ganz unüblich sei, heißt es beim Hinabgehen. Es geht um den Tod, ums Sterben, um das Ende in dieser Ausstellung. Auf 100 Bildern – alle mitgezählt, auch die kleinen Polaroids von Walker Evans und die Fotos von Bas Jan Ader.

Das Lebensende ist so individuell wie das Leben selbst, und in 100 Bildern könnte man sicher vieles über den Tod und das Leben erzählen – was die Ausstellung aber leider nicht leistet. Die durchweg hochwertigen Exponate (der hr spricht etwas reißerisch von „spektakulären Leihgaben“) stehen überwiegend unerläutert nebeneinander. 14 Künstler werden in sieben meist zu engen Räumen gezeigt, beginnend mit dem 19. Jahrhundert, endend bei der letzten Jahrhundertwende. Bei den großen Bildern merkt man, wie eng „die längste Kegelbahn der Welt“ (Jean-Christophe Ammann) tatsächlich ist.

„Die Präsentationsform greift die Offenheit und Vielfalt des Themas auf“, heißt es auf einem Wandtext. „Sie zeigt die Werke nicht chronologisch, sondern entwirft einen Parcours von Gegenüberstellungen jeweils zweier korrespondierender Positionen.“ Kombiniert wurde, was nach Ansicht der Kuratorin Esther Schlicht zusammenpaßt. Bei den letzten Blumen von Manet und den Seerosen Monets mag das einleuchten. Dann aber finden sich die Scherenschnitte von Henri Matisse in selben Raum wie die letzten Bilder von Willem de Kooning wieder. Anscheinend weil sie beide von der Grundfarbe Weiß ausgehen? Eine andere Verbindung ist nicht ersichtlich.

Das ist unbefriedigend und läßt den Betrachter etwas ratlos zurück. Der Ausstellung fehlt das Narrativ zu dem großen Thema. Der Tod als kleinster gemeinsamer Nenner zwischen so unterschiedlichen künstlerischen Positionen ist erklärungsbedürftig. Was war vorausgegangen? Wie entstanden die Werke? Wie wurden sie in ihrer Zeit aufgenommen? Und wie heute? Wie und weshalb korrespondieren sie miteinander? Die knappen Texte, die den Bildern zur Seite gestellt worden sind, geben hierzu leider kaum Auskunft. Dazu sollte es auch nicht erforderlich sein, den Katalog zu konsultieren. Der Trailer auf YouTube versucht das etwas auszugleichen – sofern man ihn vorher zu sehen bekommt:

Es fällt aber dennoch meistens schwer, Zusammenhänge herzustellen. Die „Meditationen“ von von Jawlensky gegenüber der „Chinese Series“ von Stan Brakhage. Walker Evans’ Polaroids liegen in demselben Raum aus, in dem Georgia O’Keeffes „Sky-Above-Clouds“-Bilder etwas zu tief gehängt worden sind. Überhaupt die Hängung. Giorgio de Chiricos einerseits, andererseits Andy Warholes monumentales „Last Supper“. Aus sich heraus beeindruckend sind Ad Reinhardts „Black Paintings“, hoch empfindlich, wie uns die Aufsicht erklärte. Was hatten wir ein Glück, daß wir nicht zu nah herankamen! Aber warum dringen die Lieder des 1975 auf hoher See verschollenen Bas Jan Ader gerade durch diesen Raum?

Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger. Bis 2. Juni 2013. Schirn Kunsthalle. Frankfurt am Main.

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Und jetzt: Die FRAZ

Das Bundeskartellamt hat heute bekanntgegeben, daß es die Übernahme der Frankfurter Rundschau durch die FAZ genehmige. Von der bisherigen Redaktion werden nur 28 Journalisten übernommen. 340 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz.

Auch die Druckerei in Neu-Isenburg wird es nicht mehr geben. Nachdem der Druckauftrag für die Bild-Zeitung nach über 30 Jahren gekündigt worden war, war sie für Investoren uninteressant geworden. Der Vorgang wirft ein Licht auf die Abhängigkeit einer linkeren Zeitung von der Springer-Presse. Die Rundschau – wie auch immer sie in den letzten Jahren abgebaut haben mag – gab es, solange ich sie kenne – darunter gut zehn Jahre als Abonnent, wenn das auch leider schon etwas her ist – letztlich nur, weil dort auch die rechte Dreckschleuder Bild gedruckt wurde.

„Auch die Mediengruppe M. DuMont Schauberg (MDS) und die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (ddvg), begrüßten die Entscheidung des Kartellamtes. Man verbinde damit [bei] MDS und ddvg die Hoffnung, dass die Stimme der FR dauerhaft erhalten bleibe.“

Das kann nicht ernst gemeint sein, denn wenn die FAZ die FR kauft und 28 Lokalredakteure übernimmt, ist das etwa so, wie wenn die CDU die SPD nicht nur ideell, sondern endlich auch ganz und gar übernehmen würde und danach eine rote Hülse weiterhin auf dem Wahlzettel stände, die man jerzeit gefahrlos ankreuzen könnte, denn darin steckt garantiert genau dasselbe wie im Original. Manche meinen, soweit sei es schon längst. Andere haben das bezweifelt. Wieder andere haben schon im vergangenen Dezember vorsorglich die Frankfurter Regionalberichterstattung, die nun angesichts von FAZ, Frankfurter Neue Presse und leichengefledderter FR ganz und gar in schwarz daherkommt, als Blogger in die eigene Hand genommen. Das bürgerschaftliche Engagement ist sehr wichtig, es erinnert an den Aufstieg der Blogs in den USA angesichts der einmütig bushfreundlichen und neoliberalen Presse.

Ich denke an die 28 Lokalredakteure, die ein Angebot erhalten werden, ab dem 1. März für die FAZ-FR zu arbeiten. Auch eingedenk aller Flexibilität, die die Rundschau-Redaktion in den letzten Jahren an den Tag gelegt hatte: Wie fühlt man sich dabei? Und: Ist die journalistische Arbeit dieser Mitarbeiter auch weiterhin aus der Sicht der Leser glaubwürdig?

Der Abgesang auf die Blogs dürfte in jedem Fall viel zu früh erfolgt sein.

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