schneeschmelze | texte

wenn der weiße schnee, der alles bedeckt hat, schmilzt, erscheint die welt wieder, wie sie ist, nicht: wie sie war

DMOZ, 1998–2017

Das letzte große händisch gepflegte Webverzeichnis DMOZ (ex Open Directory Project, ODP) wird zum 14. März 2017 geschlossen.

Obwohl die Nachricht schon seit gestern durch ein paar Blogs ging, sind die großen Nachrichtenportale noch nicht eingestiegen. Natürlich. Sie schreiben alle über die Mobilfunkmesse in Spanien, während das Web stirbt. Deshalb ja. Wie passend. Und es gibt noch nicht einmal eine offizielle Ankündigung des Betreibers AOL zu alledem, nur eine Site-Notice:

As of Mar 14, 2017 dmoz.org will no longer be available.

Vielleicht bringen sie dann in zwei Wochen einen Nachruf.

Und es ist ganz sicher auch kein Zufall, daß ausgerechnet die SEO-Schreiber den Tod von DMOZ als erste melden.

Wie unwürdig für so ein wahres Schlachtschiff im World Wide Web, auf das ich auch zuletzt immer wieder zurückgegriffen hatte. Wer an einer Fortführung interessiert ist, kann hier eine Umfrage als Google-Formular ausfüllen und sich melden.

Nachtrag:

blog.dmoz.org ist auch schon offline.

Und die weitere Diskussion im Forum dreht sich um die Zukunft:

„Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo“ im Städel Museum, Frankfurt am Main

Was soll man sagen? Eine Ausstellung, zunächst einmal durch die über sie berichtenden Medien betrachtet. Zu Anfang: Das Übliche in den Massenmedien, von denen man schon längst keine Überraschung mehr erwartet. Tenor: Geht hin! Dann die Rezensionen in den Feuilletons, in denen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand wohl unter den Bedingungen des Marktes immer schwerer geworden ist. Am ehesten bei Katharina Cichosch in der taz ahnt man, wie sehr es wohl durcheinandergeht im Geschlechterkampf nach der Lesart des Städels. Die Blogger hielten sich ziemlich zurück, erst nach und nach liefen ein paar distanzierte bis eher kritische Beiträge ein.

Die Ausstellung polarisiert doch ziemlich. Zustimmung hörte man seltener nach dem Besuch. Konzipiert wurde sie im Nachgang zu einer Schau zur Schwarzen Romantik, die im strengen Winter 2012/13 an gleicher Stelle gezeigt wurde, und so gibt es denn nicht das Wahre, Schöne, Gute zu sehen, sondern einen ziemlich holprigen Querschnitt durch die Kunstgeschichte, den die beiden Kuratoren zum Thema der Geschlechterbeziehungen ausgewählt haben, anknüpfend an den Gender-Diskurs der letzten Jahre, bis hin zum #aufschrei und dem Gauckschen Tugendfuror.

Etwa 150 Werke – darunter geht es in den großen Ausstellungshäusern mittlerweile anscheinend nicht mehr –, davon 30 aus der eigenen Sammlung, werden im Städel gezeigt, und zwar buchstäblich beginnend bei Adam und Eva, zwölf Räume füllend, beginnend beim Symbolismus in der Mitte des neunzehnten, bis hin zum Surrealismus zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Räume, die man durchschreitet, folgen meist beziehungslos aufeinander. Viele Darstellungen schwanken zwischen Mord und Totschlag; so viele abgeschlagene Köpfe hat man selbst vom IS in den letzten Jahren nicht gezeigt bekommen. Und in vielen Fällen – nicht ausschließlich – sind es Bilder, die von Männern gemalt wurden und die mehr oder weniger bekleidete Frauen zeigen – einen Umstand, den die feministische Autorin Antje Schrupp auf ihrer Facebook-Seite dahingehend zusammenfaßte, die Ausstellung könnte genausogut heißen: „Wie Männer sich einen Geschlechterkampf fantasiert haben“, unter besonderer Berücksichtigung nackter Busen. Man dokumentiere hier aber nur die Kunstgeschichte und stelle sie der aktuellen Debatte gegenüber, hieß es immer wieder seitens der Kuratoren.

Aber braucht es dazu wirklich eine solche Ausstellung? Ist es nicht schon lange bekannt, daß die Kunstgeschichte eben vor allem ein Abbild der Sammlungen ist, in denen sich der jeweilige Zeitgeist spiegelt, mal mehr und mal weniger chauvinistisch, mal mehr, mal weniger aufgeklärt, und daß das meiste, was Frauen geschaffen haben, außen vor blieb und mithin der Fundus, auf den heute zurückgegriffen werden kann, notwendig von Männern stammt, von Männern ausgewählt wurde und daher vorwiegend aus männlicher Perspektive auf das Thema zugreift? Ist das – unbeschadet der Wirkung einzelner Werke, die für sich stehen können – im ganzen gesehen nicht genaugenommen trivial?

Zumal der Titel „Geschlechterkampf“ eine ziemlich grobe Verengung des Themas der Geschlechter und der Geschlechtlichkeit darstellt, das am Ende so viele Facetten hat. Haben könnte. Nicht nur destruktive, problematische, kriminelle bis pathologische, sondern eben auch Nährendes, Reifendes und Heilendes.

Und wäre es nicht die Aufgabe gewesen, diesen verzerrten Blick durch eine ausgewogenere Auswahl der Werke zu korrigieren – gegebenenfalls auch durch eine Beschränkung der Werkanzahl – und dabei auch den Begriff der Kunstgeschichte kritisch zurechtzurücken, die beileibe kein neutrales Abbild der Wirklichkeit ist, mit dem sich alles begründen ließe, sondern letztlich nur eine Konstruktion? So, wie ja auch heute immer noch das meiste, was kreativ entsteht, aus dem Kunstbetrieb herausgehalten wird durch diverse Zensur- und Auswahlverfahren, von den Aufnahmeprüfungen an den Kunsthochschulen über die künstlerischen Produktionsbedingungen bis hin zur Vermarktung einschließlich des Ausstellungsbetriebs.

Das Narrativ, unter dem die Schau steht, funktioniert nicht.

Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo. Bis 19. März 2017 im Städel Museum, Frankfurt am Main. Kuratoren: Felix Krämer und Felicity Korn. – Katalog (Prestel, München, vor Ort: 39,90 Euro), Begleitheft (7,50 Euro), Digitorial.

Die Freitag Community revisited

Meine Erfahrungen als Autor der Freitag Community hatte ich seinerzeit auf der schneeschmelze verarbeitet. Der letzte Beitrag dort scheint von 2012 zu datieren. Verdammt lang her.

Wie sieht es dort heute aus? Die Community ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, der inhaltliche Niedergang des crowdgesourcten Contents hat sich nach meinem Dafürhalten fortgesetzt, und Jakob Augstein erklärt in einem Interview gleichwohl ziemlich frei:

Die große Mehrheit unseres Netz-Inhalts stammt inzwischen aus der Community.

Obwohl in der Community also sehr viel weniger los ist als zu meiner Zeit (sie endete im November 2009), braucht man nur zum Füllen der Website mittlerweile keine Journalisten mehr. Man läßt zu einem großen Teil Freizeitblogger unbezahlt für sich schreiben. Und wenn man sie bezahlte, weil ihr Text in die Printausgabe übernommen wurde, honorierte man das mit 25 Euro, pauschal. Gilt das auch heute noch? Augstein ist trotz dieser Produktionsbedingungen der Ansicht, er verlege eine linke Zeitung.

Die Freitag Community sieht er als eine Ansammlung von Autoren, denen es leichter falle, Meinungsbeiträge zu schreiben als sachorientierte Texte. Darauf führt er seine Enttäuschung darüber zurück, daß es keinen Lokaljournalismus in der Freitag Community gegeben habe, was eine große Hoffnung bei deren Gründung gewesen sei.

Abgesehen davon, daß ich mich daran gar nicht erinnern kann, hatte ich als einer der wenigen, die damals über lokale Ereignisse geschrieben hatten, nicht den Eindruck, daß das auf Interesse stieß, weder bei der Community noch bei den Lesern noch bei der Zeitung. Meine Beiträge über kulturelle Veranstaltungen in Frankfurt wurden kaum gelesen, und die Redaktion flog sowieso die ganze Zeit in ihrem Raumschiff Berlin isoliert durch den weiten eher östlich orientierten Raum.

Auf die vielen ehemaligen Nutzer angesprochen, die die Freitag Community aufweist und deren Beiträge mittlerweile nicht mehr entfernt werden, auch wenn sie ihren Account dort schließen, raunt Augstein: Das ist ja ein atmender Organismus, ein normaler Prozess.

Man könnte auch sagen: Es ist ein langsames und stetes Ausbluten, ein Exodus der schreibenden Netizens, die immer weniger werden – nicht nur beim Freitag, sondern auch darüber hinaus im ganzen Web 2.0. Der Rückgang der Wikipedia-Autoren ist bekannt. Und für die Facebook-Nutzer ist das gerade wieder bestätigt worden: 30 Prozent weniger eigene Inhalte 2016 im Vergleich zum Vorjahr; merklich zurückgegangen sind aber auch die Likes pro Post, die Kommentare und das Sharing fremder Beiträge.

Der Erhalt von Texten ehemaliger Nutzer will diese übergreifenden Trends im Netz kaschieren. Beim Relaunch der Website des Freitags im Jahr 2012 löschte man noch die inaktiv gewordenen Blogs, so auch meines. Wenn man das heute machen wollte – was bliebe dann noch übrig? Dann doch lieber ein publizistisches Potemkinsches Dorf.

His theories still generate controversy

Die Library of Congress hat gestern Dokumente aus dem Sigmund-Freud-Archiv erstmals online gestellt. Es handelt sich um 20.000 Dokumente aus dem Bestand des Archivs, die bei der LOC verwahrt werden – persönliche Papiere der Familie Freud, Briefe und Postkarten, Kalender und Notizbücher, aber auch die Manuskripte von Freuds Schriften, außerdem über hundert Interviews von Kurt R. Eissler, die zum ersten Mal veröffentlicht werden, schreibt Margaret McAleer im Blog der Bibliothek, während man auf deren Website die lakonische Einordnung liest: His theories still generate controversy. Die Digitalisierung wurde von der britischen Polonsky Foundation getragen.

Der neue Gesandte

Der neue Gesandte hat sich heute abend zum ersten mal in Gesellschaft begeben. Man parlierte und versuchte good sport zu sein. Alle sehr in Bewegung, man gab sich spielerisch, obwohl schon spät. Und die ganze Zeit über standen mehrere Elefanten im Raum, um die herum alle sorgsam Slalom liefen, ganz egal, wie laut sie trööteten und wie eng sie sich stellten. Einmal taten sich sogar zwei Elefanten mit ihren Rüsseln zusammen und schwangen sie, einem ganz langen Sprungseil ähnlich. Aber auch das brachte die Gesellschaft nicht zum Ausweichen. In der Art der jungen Advokaten, die neu sind am Barreau, sprang der Neuling darüber hinweg, hoch die Schenkel hebend und unter Applaus. Dabei schwang er die kleine rote Fahne mit dem goldenen Sternenkranz, die er an einem langen schwarzen Stab mit sich führte, den ganzen langen Tag schon. Alles in allem waren es sogar mehr als fünf, ich glaube, es waren am Ende sogar sechs Elefanten, von denen keiner sprechen durfte eine ganze Stunde lang. Und niemand stellte die Frage, warum er so lange dort verweilte, auf der Stelle springend, immer mehr und mehr, bis dann schließlich alle gingen gingen gingen.

Eine andere Welt

Matthias Wittfoth spricht (mp3) in dem Podcast Inside Brains über eine Stunde lang mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer über dessen Lebensweg, aber auch über Hintergründiges, was man aus den Massenmedien nur selten erfährt. Über den Zusammenhang von häuslicher Gewalt zwischen Eltern und Kindern und der späteren Gewalttätigkeit der Kinder erzählt Pfeiffer unter anderem von diesem Unterschied zwischen Europa und den USA:

…Nun war ich gerade in Amerika, deswegen, ein knappes Jahr in New York, und mußte mit Entsetzen realisieren, daß dort 85 Prozent der amerikanischen jungen Väter die These unterschreiben: Jedes Kind braucht ab und zu mal ne richtige Tracht Prügel. Und 65 Prozent der Mütter. Grauenhaft. So ist Amerika. Die sind auf einem Erziehungsniveau, das unserem in der Nazi-Zeit und in den 50er Jahren entspricht. Wenn ich das in den USA in meinen Vorträgen erzählt habe, waren die immer völlig schockiert. … Es gibt in Amerika nicht die Forschung von uns. Die Elternverbände verhindern, daß man Schulkinder als 15jährige fragen darf: Wie wars denn in Deiner Kindheit, im Alter von sechs bis zwölf?, was wir ständig tun, seit zwanzig Jahren. Also, dieses Defizit amerikanischer Forschung verhindert eine öffentliche Debatte, und in 19 Bundesstaaten dürfen ja auch die Lehrer noch mit dem Paddle schlagen. Über 200.000 Kinder werden pro Jahr dort öffentlich geschlagen … und dann wundern die sich über Trump. Trump ist die Folge davon, daß dieses ein repressiv erzogenes Volk ist mit viel unterdrückter Wut, mit Ohnmachtserfahrungen in der Kindheit, und wenn man immer ohnmächtig ist in der Kindheit, will man später Macht haben, Waffen verleihen Macht, und man hat so eine angestaute Grundaggression durch all das, was zuhause einem widerfahren ist. Und dann ist so ein Trompeter des gewaltsamen Durchsetzens wie Trump ein Mensch, der diesen Frust anspricht … Grundfrust … der hätte null Chancen in Schweden, dem Land mit der niedrigsten Schlagequote der Welt und der niedrigsten Gefängnisquote. Amerika hat in der westlichen Welt die mit Abstand höchste, die drittmeiste weltweit. Also, 60 Menschen im Gefängnis in Schweden, 720 pro 100.000 Bürger in USA. … New York ist wie Europa, aber Virginia oder Texas, das ist dann eine andere Welt…