„Auch Clio erzählt“ – Zeitgeschichtliche Bezüge bei Uwe Timm

Uwe Timms vierte Frankfurter Poetikvorlesung (vgl. [1] [2] [3]) handelte von den zeitgeschichtlichen Bezügen in seinem Werk, das bekanntlich durch die Studentenbewegung angeregt worden war und das diese auch in weiten Teilen zum Gegenstand hat.

Ausgangspunkt ist für Timm ein „Denkmalsturz“, der in seinem Roman „Heißer Sommer“ vorkommt: 1967 stürzten Studenten an der Hamburger Universität das Denkmal des ehemaligen deutschen Reichskommissars für „Deutsch-Ostafrika“, Hermann von Wissmann, vom Sockel: „Wissmann, wir kommen“, sollen sie dabei gerufen haben. Aber der Sturz des Denkmals steht symbolisch für die seinerzeit angedachte Revolution in einem Land, in dem 20 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs rassistisches und faschistoides Denken und Handeln weiterhin an der Tagesordnung waren, und in dem es insbesondere auch eine furchtbare personelle Kontinuität gab. Die weitere Beschäftigung mit der deutschen kolonialen Vergangenheit führte Timm später zu seinem Roman „Morenga“.

Timm erinnert sich an seine Kindheit nach dem Krieg, als die Amerikaner nach Deutschland einmarschierten: Sie kamen, entgegen seiner Vorstellung, nicht laut und brutal, sondern leise, auf Gummisohlen, und sie unterschieden sich dabei beträchtlich von den deutschen Soldaten, die sich ihnen entgegenstellen sollten, dies aber zum Glück nur halbherzig taten, am Ende nur noch in Zivil gekleidet. Er erinnert sich an einen Lehrer an seiner Schule, der meinte, es gebe „schon wieder zu viele Juden in Deutschland“. Und er erinnert sich an seinen Freund Benno Ohnesorg, der später, als Timm während seiner Promotion in Paris war, von dem Polizisten Kurras bei den Berliner Unruhen gegen den Schah von Persien erschossen wurde. Daß der Todesschütze – wie unlängst bekannt geworden war – während dieser Zeit Stasi-Mitarbeiter war, findet Timm – mit Recht – „widerlich“, und zwar auch deswegen, weil die hierdurch ausgelöste intensive Beschäftigung mit dem Täter das Opfer, seinen Freund Ohnesorg, ausblende, von dessen großen Begabungen – er sei ein intimer Kenner der französischen Moderne gewesen – so wenig zurückgeblieben sei.

Die Geschichte, so positivistisch sie erforscht werden mag, wird letztlich auch nur erzählt, und die richtige Form hierfür sei, so Timm, der Roman, der übrigens auch unterhaltend sein sollte.

Der wiederum gut gefüllte Hörsaal VI der Frankfurter Universität ist mehrheitlich mit Zeitzeugen jener Jahre besetzt, die mit solchen Szenen, wie sie gestern abend geschildert wurden, anscheinend noch lebhafte eigene Erinnerungen verbinden. Dazwischen verschwinden die jüngeren Hörer. Die alten Männer (und Frauen) mit Kugelschreibern sind in der Mehrheit. Nur jenseits des Durchgangs, auf gleicher Höhe wie ich, sitzt ein etwa 40jähriger Mann, der, wie aus einer anderen Welt, vor Beginn der Vorlesung konzentriert seinen Laptop bearbeitet und gleichzeitig etwas nervös sein Handy beobachtet. Er wirkt in diesem Rahmen, eingekreist von zeitungslesenden Germanisten, Hausfrauen und Rentnern, als komme er aus einer anderen Welt.

Und auf das Frankfurter Wetter war auch heute nachmittag Verlaß: Pünktlich zum Beginn der Veranstaltung gewitterte es. Der Regen fiel diesmal aber nicht in Frankfurt, sondern im südlichen Umland.

Gleichzeitig veröffentlicht in der Freitag Community am 1. Juli 2009.

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Warum ich den Nachrichten nicht glaube

Weil sie nicht wahrhaft sind.
Weil sie nicht ganz sind.
Weil sie mich nicht träumen machen. Aber auch nicht traurig.
Weil sie immer häßlich sind und schlecht.
Weil ich ihnen nicht trauen kann.
Weil sie zuviel vom Tod handeln und zuwenig vom Leben.
Weil Du darin nicht vorkommst.

Gleichzeitig veröffentlicht in der Freitag Community am 28. Juni 2009.

Mündiger Bürger?

— Mündiger Bürger? Gab’s sowas überhaupt schonmal?

— Adorno 1969 im hr zu „Erziehung zur Mündigkeit“: Der völlig flexible Mensch könne nicht mündig sein. Beides schließe sich aus. Wenn es den „mündigen Bürger“ also überhaupt je gegeben hat, sind die Bedingungen dafür heute noch schlechter als damals… #sennett

— Schöne Herleitung 🙂

Dialog mit Regine Heidorn am 22. Juni 2009 auf Identi.ca.

Das Programm der Piratenpartei

Das Wahlprogramm der Piratenpartei ist leider alles andere als brauchbar. Es ist bisher leider nur ein Torso, der lediglich den Kern dessen zu erkennen gibt, wofür die Partei insgesamt steht. Mir fehlt hier vor allem ein klares sozial-, bildungs- und wirtschaftspolitisches Programm, eine Aussage, wofür die Partei abseits von Urheberrecht und Internet steht, denn nur der kleinere Teil der Entscheidungen, die in der parlamentarischen Arbeit zu treffen sind, würde sich mit diesen Themen beschäftigen. Außenpolitik? Bundeswehreinsätze im Indischen Ozean und in Afghanistan? Aufnahme von Ex-Gefangenen aus Guantanamo? Es reicht nicht aus, nur bei den „Kampfstern-Galactica-Themen“ kompetent zu sein. Das Leben ist nicht nur digital… Solange eine Festlegung hierzu fehlt, kann man die Piratenpartei m. E. nicht zur Wahl empfehlen.

Zuerst veröffentlicht am 8. Juni 2009 in der Diskussion zu dem Beitrag „Die Piratenpartei – klarmachen zum Ändern?“ im Notizblog von Thorsten Kleinz (leicht redigierte Fassung). – Martin Haase ist – mit beachtlicher Begründung – anderer Ansicht.

„Ein Kiesel aus dem Fluß Lethe“: Uwe Timms Erinnern und Erzählen

Uwe Timm hatte die dritte seiner Frankfurter Poetikvorlesungen (vgl. [1] [2]) unter den Titel „Fundstücke“ gestellt. Damit waren Fundstücke im materiellen und im immateriellen Sinne gleichermaßen gemeint, die das Erzählen anstoßen können und die es motivieren: Etwa das Souvenir auf dem Bücherbord, an dem sich eine Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis festmacht, aber auch die Erinnerung an den im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion bei der Division Totenkopf gefallenen Bruder, der gerade wegen seiner Abwesenheit beinahe wie ein Geist in der Familie ständig mit am Tische saß.

Der Anfang einer Erzählung, so Timm, sei nicht allein eine Frage der Ästhetik, sondern vielmehr ein existentielles Problem. Denn der Anfang ergebe sich aus dem Erzählen selbst, und erzählt werde, woran man sich erinnere.

Allein, die Erinnerung ist nicht ein für allemal festgelegt. Sie unterliegt selbst der Veränderung, sie entwickelt sich beim Erzählen, wird gleichsam „kontaminiert“ und oft bleibend verändert, überschrieben, jedesmal, wenn sie aufgerufen wird, um sie zu erzählen.

Sie wird auch behindert, durch die Mutter etwa, auf deren Gefühle man Rücksicht nehmen möchte. Warum hatte sich der Bruder mit 18 Jahren zur Waffen-SS gemeldet? Hatte er in der Ukraine am Krieg gegen die Bevölkerung und gegen Juden oder andere von den Deutschen verfolgte Gruppen teilgenommen? Er starb schwer verwundet 1943 im Lazarett. Aber erst nach dem Tod seiner Mutter fühlte sich Uwe Timm frei genug, um ohne familiäre Rücksichten die für ihn entscheidenden Fragen zum Leben seines Bruders zu stellen und um anhand der noch verbliebenen Zeugnisse das Geschehen rekonstruieren zu können.

Man kann aber nicht von anderen Menschen sprechen, ohne gleichzeitig von sich selbst zu handeln. Das Nachdenken über den anderen wirft mich auf mich selbst zurück – und umgekehrt: im Nachdenken über mich selbst erfahre ich etwas Neues über den anderen. Gefühle und Konflikte werden aktualisiert und neu gefaßt.

Und dieses Neue wird ergänzt, verändert, neu erlebt, neu durchdacht, neu gefühlt, frisch ausgemalt und vielfach auch geschönt durch das Erinnern und durch das (erneute) Erzählen der Erinnerung. Jedenfalls will es erarbeitet werden.

Am Rande der Vorlesung wurde inoffiziell bekanntgegeben, daß Uwe Timm der diesjährige Preisträger des Heinrich-Böll-Preises sein werde, ein Literaturpreis, der von der Stadt Köln gestiftet wurde und der alle zwei Jahre verliehen wird. Er ist mit 20000 Euro dotiert. Die Nachricht wurde vom Publikum sehr begrüßt, das der Veranstaltung weiterhin mit großem Interesse folgt. Vielleicht traf das Thema der Erinnerung auch besonders den Nerv der ganz überwiegend schon älteren Hörerschaft im Saale.

Hörenswert ist auch das Gespräch, das Sylvia Schwab am 8. Juni 2009 mit Uwe Timm in der Sendung „Doppel-Kopf“ auf hr2-kultur geführt hatte: „Zwischen Unterhaltung und Aufklärung heißt ein Aufsatz, den Uwe Timm Anfang der siebziger Jahre veröffentlichte, ein Titel, den man als Überschrift über sein ganzes Werk setzen kann.“ Der Podcast wird voraussichtlich noch ein paar Wochen herunterzuladen sein.

Gleichzeitig veröffentlicht in der Freitag Community am 23. Juni 2009.

Die „Piraten“ wurden vorgeführt

Im „Nachrichten- und Ereigniskanal“ Phoenix kam es heute abend in der Sendung „Unter den Linden“ zu einer bemerkenswerten Diskussion: Der Bundesvorsitzende der Piratenpartei, Dirk Hillbrecht, die bei den Europawahlen im vergangenen Monat aus dem Stand knapp 1 Prozent der Stimmen erhalten hatten, im Gespräch mit Rupert Scholz, Moderation: Christoph Minhoff.

Thema der Sendung war zum einen das gerade von der großen Koalition verabschiedete Internet-Zensur-Gesetz, das nach dem Vornamen der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen auch als „Zensursula-Gesetz“ bekannt geworden ist. Zum anderen ging es um die aktuelle urheberrechtliche Diskussion – Stichworte wären hier etwa gewesen: Kulturflatrate, Open Access oder Google Books/Heidelberger Appell.

Es wäre eine Chance gewesen, das Anliegen der Piratenpartei, einer Partei, der zuletzt am vergangenen Wochenende der ex-SPD-Bundestagsabgeordnete Tauss beigetreten war und die bisher ausschließlich mit ihrem Auftreten gegen „Zensursula“ und dem Eintreten für ein freies Internet aufgefallen war und die schon als die neuen Grünen des Internets bezeichnet worden sind, einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen. Diese Chance ist gründlich vertan, man könnte auch sagen: sie ist – teils selbstverschuldet, teils öffentlich-rechtlich bewirkt – vereitelt worden.

Der Mathematiker Hillbrecht war mit zwei Profis konfrontiert, die buchstäblich mit allen Wassern der politischen und juristischen Diskussion gewaschen waren. Hillbrecht bekam während der gesamten 45 Minuten, die die Sendung dauerte, keinen Fuß auf den Boden. Er war der Diskussion argumentativ und inhaltlich überhaupt nicht gewachsen und wurde regelrecht vorgeführt.

Es gelang ihm während der ganzen Zeit nicht, die wesentlichen Kritikpunkte an dem Internet-Sperr-Gesetz vorzutragen: Nämlich die völlig fehlende rechtsstaatliche (parlamentarische, richterliche, mit einem Wort: öffentliche) Kontrolle für die vom Bundeskriminalamt aufzustellende Sperrliste und der Aufbau eines staatlich-privaten Überwachungsapparats, der sehr gut auch zu anderen Zwecken als dem von der Politik vorgegebenen gebraucht werden kann, wenn er erst einmal wirksam aufgebaut worden ist.

Und es gelang ihm auch nicht, die jahrelange, vor allem von den amerikanischen Rechtsprofessoren Lawrence Lessig und Paula Samuelson betriebene Diskussion zur Fehlentwicklung des Urheberrechts unter den Bedingungen von Internet, Digitalkopie und Digital Rights Managagement verständlich und kompetent auszuführen.

Hillbrechts diskursives Scheitern war einerseits ein Musterbeispiel für die hohe Bedeutung, die der Rhetorik nach wie vor im politischen Diskurs zukommt. Andererseits zeigte sich darin aber auch ein großes Problem, das der Moderator, wie der Münchener Staatsrechtler Scholz der konservativen Seite zugehörig, ausblendete: Die Diskussion krankte nicht nur an einer Differenz, die die Generationen betrifft (der altersmäßigen digital divide), sondern auch an einer Lücke, die der Engländer C. P. Snow einst als „Die zwei Kulturen“ angesprochen hatte: Gesellschaftswissenschaftlich-geisteswissenschaftliche Bildung und technisch-mathematische Intelligenz redeten hier geradezu beispielhaft aneinander vorbei. Es war nicht nur die Kluft zwischen der Blogosphäre und altem Print, die sichtbar wurde, die beiden Welten des klassischen Humanismus einerseits und des digital native andererseits. Es war auch ein sehr grundlegendes Unverständnis, eine Distanz, die größer nicht hätte sein können, und die notwendigerweise zum Scheitern des Außenseiters in der Runde führen mußte, weil die Piratenpartei von einem Vorsitzenden angeführt wird, der nicht in der Lage ist, wirksam in den gesellschaftlichen Diskurs einzugreifen. Das ist letztlich auch weniger eine Frage des Besuchs von Rhetorikseminaren als der Fähigkeit, im Rahmen des herrschenden und allseits akzeptierten Paradigmas überhaupt argumentieren zu können.

Es war wahrscheinlich nötig, daß die Piratenpartei einmal – sozusagen im kleinen Kreis auf Phoenix, wo man noch vergleichsweise entre nous ist – vorgeführt wurde. Denn wer mitregieren will, muß auch mitreden können. Und das ist hier nicht einmal auf dem ureigenen Terrain gelungen.

Jörg Tauss wird übrigens bei der bevorstehenden Bundestagswahl nicht für die Piratenpartei antreten.

Gleichzeitig veröffentlicht am 23. Juni 2009 in der Freitag Community (an diesem Tag „Blog-Beitrag des Tages“).