Uwe Timm über den gläubigen Leser

Ein gelungener erster Satz bietet ebensowenig die Garantie für einen guten Roman wie ein mißlungener Anfang mit Notwendigkeit das Scheitern des nachfolgenden Textes zur Folge hätte, resümierte Uwe Timm die erste seiner vier Poetikvorlesungen an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, die „Von Anfang und Ende“ handeln.

Zuviel kann sich nach dem Anfang noch ereignen, im Leben wie in der Literatur. Und nie ist eine Geschichte wirklich zuende. Man sieht es an der Geschichte der Studentenbewegung, deren Zeitzeuge und deren Chronist Uwe Timm gewesen ist. Er betont es gleich zu Anfang seines Vortrags: Die Geschichte der Studentenbewegung müsse nicht neu geschrieben, sie müsse nur kritisch ergänzt werden, jetzt, nachdem bekannt geworden war, daß der Student Benno Ohnesorg von einem Stasi-Mitarbeiter erschossen worden sei. Es habe sich – bei allen nationalen Besonderheiten – 1968 um eine internationale Bewegung gehandelt, und der Arm der Stasi habe wohl doch nicht bis nach Paris und bis nach Berkeley gereicht.

Timm tritt vor sein Publikum, wie man ihn aus den Medien kennt, in Jeans und Polohemd. Des Jacketts entledigt er sich, weil es nichts schlimmeres gebe, als feuchte Kleidung, jeder Dirigent wisse um deren dämpfende Wirkung, bemerkt er in der leicht stickigen Luft des bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaals VI, dem einstigen Schauplatz der Vollversammlungen an der revoltierenden Frankfurter Universität, der gerne mit dem Prädikat „legendär“ belegt wird, so auch heute abend wieder.

Und dann beginnt Timm, der bekennende Ungläubige, seine in wohlgesetzten Worten gehaltene Vorlesung über das Anfangen mit den ersten Versen der Genesis, denen er später den ersten Satz von Goethes „Wahlverwandtschaften“ gegenüberstellt. Der Leser müsse nicht nur mitdenken, er müsse auch „glauben“, was er lese. Die logische Konsistenz des Texts könne deshalb durchaus dahinstehen, seine Suggestivkraft sei letztlich das Entscheidende: „Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen.“ Albert Camus, schließlich, habe in La Peste einen Autor beschrieben, der über den ersten Satz nie hinausgekommen sei. So kann man in Bewegung im Anfang verharren, ohne wirklich stillzustehen.

Der Wandel wird greifbar. Er liegt über der ganzen Veranstaltungsreihe, die, wie der Vizepräsident der Universität zur Einleitung ausführte, zum letzten Mal im alten Hörsaalgebäude auf dem Campus Bockenheim stattfinde. Nächstes Semester werde man die Poetikvorlesungen auf dem neuen Campus Westend durchführen. Und auch der Suhrkamp Verlag, der die Vorlesungsreihe seit ihrer Wiederaufnahme 1979 zusammen mit den Freunden und Förderern der Universität ermögliche, habe trotz seines bevorstehenden Umzugs nach Berlin signalisiert, die traditionsreiche Veranstaltung weiter unterstützen zu wollen.

Vermißt hat man allein den Übertragungswagen des Hessischen Rundfunks, der sonst immer vor dem Hörsaalgebäude stand, um die Vorlesungen aufzuzeichnen. Die Videokamera im Saal diente wohl nur der internen Dokumentation des Abends. Der hr muß bekanntlich sparen. Er ist so arm geworden, daß er sich nicht einmal mehr seinen Mittelwellensender und die darüber ausgestrahlten Ausländerprogramme leisten kann, und auch das eigene Kinderprogramm auf hr2-kultur wird zum nächsten Jahr gestrichen. Vieles hat schon aufgehört, bevor es wirklich anfangen konnte.

Gleichzeitig veröffentlicht in der Freitag Community am 9. Juni 2009.

Ein Gedanke zu „Uwe Timm über den gläubigen Leser“

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.