„Ein Kiesel aus dem Fluß Lethe“: Uwe Timms Erinnern und Erzählen

Uwe Timm hatte die dritte seiner Frankfurter Poetikvorlesungen (vgl. [1] [2]) unter den Titel „Fundstücke“ gestellt. Damit waren Fundstücke im materiellen und im immateriellen Sinne gleichermaßen gemeint, die das Erzählen anstoßen können und die es motivieren: Etwa das Souvenir auf dem Bücherbord, an dem sich eine Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis festmacht, aber auch die Erinnerung an den im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion bei der Division Totenkopf gefallenen Bruder, der gerade wegen seiner Abwesenheit beinahe wie ein Geist in der Familie ständig mit am Tische saß.

Der Anfang einer Erzählung, so Timm, sei nicht allein eine Frage der Ästhetik, sondern vielmehr ein existentielles Problem. Denn der Anfang ergebe sich aus dem Erzählen selbst, und erzählt werde, woran man sich erinnere.

Allein, die Erinnerung ist nicht ein für allemal festgelegt. Sie unterliegt selbst der Veränderung, sie entwickelt sich beim Erzählen, wird gleichsam „kontaminiert“ und oft bleibend verändert, überschrieben, jedesmal, wenn sie aufgerufen wird, um sie zu erzählen.

Sie wird auch behindert, durch die Mutter etwa, auf deren Gefühle man Rücksicht nehmen möchte. Warum hatte sich der Bruder mit 18 Jahren zur Waffen-SS gemeldet? Hatte er in der Ukraine am Krieg gegen die Bevölkerung und gegen Juden oder andere von den Deutschen verfolgte Gruppen teilgenommen? Er starb schwer verwundet 1943 im Lazarett. Aber erst nach dem Tod seiner Mutter fühlte sich Uwe Timm frei genug, um ohne familiäre Rücksichten die für ihn entscheidenden Fragen zum Leben seines Bruders zu stellen und um anhand der noch verbliebenen Zeugnisse das Geschehen rekonstruieren zu können.

Man kann aber nicht von anderen Menschen sprechen, ohne gleichzeitig von sich selbst zu handeln. Das Nachdenken über den anderen wirft mich auf mich selbst zurück – und umgekehrt: im Nachdenken über mich selbst erfahre ich etwas Neues über den anderen. Gefühle und Konflikte werden aktualisiert und neu gefaßt.

Und dieses Neue wird ergänzt, verändert, neu erlebt, neu durchdacht, neu gefühlt, frisch ausgemalt und vielfach auch geschönt durch das Erinnern und durch das (erneute) Erzählen der Erinnerung. Jedenfalls will es erarbeitet werden.

Am Rande der Vorlesung wurde inoffiziell bekanntgegeben, daß Uwe Timm der diesjährige Preisträger des Heinrich-Böll-Preises sein werde, ein Literaturpreis, der von der Stadt Köln gestiftet wurde und der alle zwei Jahre verliehen wird. Er ist mit 20000 Euro dotiert. Die Nachricht wurde vom Publikum sehr begrüßt, das der Veranstaltung weiterhin mit großem Interesse folgt. Vielleicht traf das Thema der Erinnerung auch besonders den Nerv der ganz überwiegend schon älteren Hörerschaft im Saale.

Hörenswert ist auch das Gespräch, das Sylvia Schwab am 8. Juni 2009 mit Uwe Timm in der Sendung „Doppel-Kopf“ auf hr2-kultur geführt hatte: „Zwischen Unterhaltung und Aufklärung heißt ein Aufsatz, den Uwe Timm Anfang der siebziger Jahre veröffentlichte, ein Titel, den man als Überschrift über sein ganzes Werk setzen kann.“ Der Podcast wird voraussichtlich noch ein paar Wochen herunterzuladen sein.

Gleichzeitig veröffentlicht in der Freitag Community am 23. Juni 2009.

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