Think Different

Der Text zu der Werbekampagne „Think different“ von Apple hatte folgenden Wortlaut [1] [2]:

Here’s to the crazy ones. The misfits. The rebels. The troublemakers. The round pegs in the square holes. The ones who see things differently. They’re not fond of rules. And they have no respect for the status quo. You can quote them, disagree with them, glorify or vilify them. About the only thing you can’t do is ignore them. Because they change things. They invent. They imagine. They heal. They explore. They create. They inspire. They push the human race forward. Maybe they have to be crazy. How else can you stare at an empty canvas and see a work of art? Or sit in silence and hear a song that’s never been written? Or gaze at a red planet and see a laboratory on wheels? We make tools for these kinds of people. While some see them as the crazy ones, we see genius. Because the people who are crazy enough to think they can change the world, are the ones who do.

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Eine sozialrechtliche Angegenheit ist „generell schwierig“ i.S.v. Nr. 2400, 2401 VV RVG

Der Herr Kollege Dr. Hans-Jochem Mayer weist im Beck-Blog auf ein neues Urteil des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen vom 5. Mai 2009 — L 1 AL 13/08 — hin, wonach die Tätigkeit des Rechtsanwalts im Sozialrecht generell als „schwierig“ im Sinne von Nr. 2400, 2401 VV RVG anzusehen sei (die Entscheidung erging noch nach alter Zählung zu Nr. 2500 VV RVG).

Das Gericht hatte über den Kostenerstattungsantrag in einer Angelegenheit wegen der Gewährung von Arbeitslosenhilfe zu entscheiden. Bekanntlich sind für die Vergütung des Rechtsanwalts in sozialrechtlichen Angelegenheiten sogenannte Schwellengebühren vorgesehen, die unterhalb der mittleren Gebühr liegen (240 bzw. 120 Euro). Darüberhinaus können Gebühren nur verlangt werden, „wenn die Tätigkeit umfangreich oder schwierig war“.

Zur „billigen Bestimmung“ der anwaltlichen Vergütung gem. § 14 RVG führt das Gericht aus:

Die anwaltliche Tätigkeit war „schwierig“. Dies ist der Fall, wenn der Anwalt auf einem (entlegenen, so Madert in: Gerold/Schmidt/v. Eicken/ Madert/Müller-Rabe, RVG, 17. Aufl. 2006, § 14 Rn. 16) Rechtsgebiet tätig wird, für das er Spezialwissen benötigt, um den Fall ordnungsgemäß zu bearbeiten (Römmermann in: Hartung/ Römmermann/Schons, RVG, 2. Aufl. 2006, § 14 Rn. 26). Haben Gerichte Kammern und Senate mit Spezialzuständigkeiten geschaffen, kann davon ausgegangen werden, dass es sich grundsätzlich um ein schwieriges Rechtsgebiet handelt (Gebauer/Schneider, RVG, 2. Aufl. 2004, § 14 Rn. 31) und jahrelange praktische Erfahrungen zur optimalen Fallbearbeitung erforderlich sind (Jungbauer in: Bischof/Jungbauer/Bräuer/Curkovic/Mathias/Uher, RVG, 2. Aufl. 2007, § 14 Rn. 27). Auch die Tatsache, dass für ein bestimmtes Rechtsgebiet eine Fachanwaltschaft eingeführt wurde, spricht dafür, dass es sich um ein schwieriges Rechtsgebiet handelt (Jungbauer, a.a.O., Rn. 31). Der Schwierigkeitsgrad ist aus Sicht des Allgemeinanwalts zu beurteilen, der einen breiten Rechtsbereich abdeckt und nur gelegentlich im Sozialrecht tätig ist (Schons in: Bischof/ Jungbauer/ Bräuer/ Curkovic/ Mathias/ Uher, a.a.O., 2401 VV Rn. 11). Für ihn sind Fälle aus dem Sozialrecht schon dann schwierig, wenn sie von einem sozialrechtlichen Standard- und Routinefall abweichen (Enders, JurBüro 2004 S. 516). Da bei den Gerichten der Sozialgerichtsbarkeit für Angelegenheiten des Arbeitsförderungsrechts Fachkammern und Fachsenate zu bilden sind und eine Fachanwaltschaft für Sozialrecht existiert, ist das Sozialrecht für einen Allgemeinanwalt generell als „schwieriges“ Rechtsgebiet einzuordnen. Bei der Anrechnung von Vermögen auf einen Anspruch auf Arbeitslosenhilfe handelt es sich um keinen Standardfall, den auch der durchschnittliche Allgemeinanwalt ohne größeren Aufwand routinemäßig bewältigt. Deshalb erscheint es gerechtfertigt, die Tätigkeit des Anwalts als „schwierig“ zu bezeichnen, womit die Kappungsgrenze von 120,00 EUR überwunden werden kann. […]

Der Umfang der anwaltlichen Tätigkeit war vergleichsweise gering […]

Der Schwierigkeitsgrad der anwaltlichen Tätigkeit war […] leicht überdurchschnittlich, wenn man auf einen Allgemeinanwalt abstellt, der nur sporadisch mit sozialrechtlichen Fallgestaltungen zu tun hat.

Die Bedeutung der Angelegenheit für den Auftraggeber war sehr groß, weil die Arbeitslosenhilfe seinen Lebensunterhalt sichern sollte.

Der leicht überdurchschnittliche Schwierigkeitsgrad und die große Bedeutung der Angelegenheit für den Kläger einerseits, der geringe Umfang der anwaltlichen Tätigkeit, die unterdurchschnittlichen Einkommens- und Vermögensverhältnisse des Klägers sowie das fehlende Haftungsrisiko andererseits rechtfertigen es in der Gesamtschau, die Mittelgebühr i.H.v. 150,00 EUR als angemessene Gebühr festzusetzen.

Es stellt sich demnach die Frage, ob die sogenannte „Schwellengebühr“ überhaupt noch Anwendung finden kann. Eine diesbezügliche Entwicklung wäre sehr zu begrüßen, weil damit der Weg zu einer angemessenen anwaltlichen Vergütung in sozialrechtlichen Streitigkeiten eröffnet würde, zumal diese zunehmend von behördlicher Seite veranlaßt sind.

Die Revision wurde nicht zugelassen.

Gleichzeitig veröffentlicht im XING Forum Sozialrecht am 21. Juni 2009.

Funkkolleg Psychologie

Heute nachmittag habe ich an der zweiten Klausur zum „Funkkolleg Psychologie“ teilgenommen, das der Hessische Rundfunk während des vergangenen Jahres 2008/2009 veranstaltet hat. Der Untertitel der Veranstaltung lautete: „Wer wir sind – und wie wir sein könnten“.

Es war für mich eine Auffrischung der Kenntnisse, die ich einst während meines Studiums nebenbei erworben hatte – wobei man sagen muß, daß zu jener Zeit – auch und gerade in der Frankfurter Psychoanalyse – Martin Dornes‚ „kompetenter Säugling“ boomte, während dieses Funkkolleg auch genauso gut den Titel „Hirnforschung“ hätte tragen können. Das ist schon eine erhebliche Verschiebung des Schwerpunkts.

Die Sendungen sind ja leider viel zu kurz geraten. Ein ganzes Fach, wie beispielsweise die Motivationspsychologie, die für sich genommen schon ganze Bibliotheken füllt, in 25 Minuten abzuhandeln, erscheint doch ziemlich – gewagt. Früher war das Funkkolleg ein vollständiges Fernstudium im Medienverbund mit umfangreichen Studienbegleitbriefen und jeweils einstündigen Sendungen. Die Leitung lag beim Deutschen Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen, das es anscheinend mittlerweile nicht mehr gibt, jedenfalls sind online nur noch Spuren des Instituts in diversen Archiven aufzufinden. Perdu.

Auch das Begleitmaterial ist weniger attraktiv geworden: Neben einem Reader mit grundlegenden Texten gibt es die Sendemanuskripte in Buchform. Früher erhielt man pro Sendung einen Studienbrief mit einem Umfang von etwa 30 Seiten, in dem die wissenschaftliche Literatur zum Thema auf dem neuesten Stand nachgewiesen wurde. Die Veranstaltung wurde zudem von Professoren konzipiert. Heute zeichnet die Schulfunkredaktion des hr für die Inhalte.

Nach meinem Dafürhalten sollten die Sendungen des Funkkollegs nicht nur als Podcast, sondern auch in Textform im Netz frei verfügbar gemacht werden, denn die Arbeit der Autoren ist ja bereits mit den Rundfunkgebühren bezahlt worden. Hier wäre ein Feld für Open Access gewesen, das der Hessische Rundfunk leider nicht genutzt hat.

Wer weiß, wie lange es das Funkkolleg überhaupt noch geben wird, angesichts der Spar-Ideologie, die dort gegen den Willen der Mitarbeiter gerade im kulturellen Bereich verkündet worden ist. Man hat noch nicht gehört, daß die samstägliche Stadl-Musi oder eine Sportübertragung aus finanziellen Gründen entfallen müsse. Erstklassige Bildungsangebote wie das alte Funkkolleg hat man aber kaputtgespart und bis an die Grenze der Unkenntlichkeit geschrumpft. Dabei ist der hr die einzige ARD-Anstalt, die überhaupt noch dieses Angebot bis heute fortgeführt hat.

Das „neue Funkkolleg“ immerhin wird mindestens noch ein Jahr weitergehen. Ab Oktober 2009 wird es eine neue Veranstaltung geben, diesmal zum Thema „Religion und Gesellschaft: Wozu Gott? – Religion zwischen Fundamentalismus und Fortschritt“.

Nachrichten in Zeiten von Google und Twitter

  • Christian Köllerer weist auf drei Beiträge im Economist über die Präsidentschaftswahlen im Iran hin [1] [2] [3], unter anderem eine Bewertung der Berichterstattung old media vs. very new media. Schlußfolgerung: „The winner of the Iranian protests was neither old media nor new media, but a hybrid of the two.“
  • Google hat seinen radebrechenden Übersetzungsservice Google Translate nun um Übersetzungen aus Farsi erweitert [1] [2]. Bisher kann Farsi aber noch nicht ausgewählt werden. Kommt also wohl doch erst noch…
  • In der Futureculture-Liste (auf das Archiv der Liste können nur Abonnenten zugreifen) kam heute folgender Aufruf: „For you Twitter people.. set your location to Tehran and your time zone to GMT +3.30. Security forces are hunting for bloggers using location/timezone searches. The more people at this location, the more of a logjam it creates for forces trying to shut Iranians‘ access to the internet down. Cut-n-paste & pass it on.“
  • Ein Journalist des DLF/DLR Kultur hat in seinem Medienradio-Podcast zum Thema Zensursula, der gestern abend aufgezeichnet wurde, wörtlich erklärt: „Für mich ist Twitter sowas wie die Nachrichtenagentur des Netzes.“ Der Podcaster Tim Pritlove widersprach dem ebenso gehaltvoll: „Twitter ist keine Nachrichtenagentur. Es ist das moderne Telex.“

Wenn es das Medienmagazin Kurzwellenpanorama/Intermedia von Wolf Harranth bei Radio Österreich International heute noch gäbe, käme dort morgen ein Brief an den „lieben Funkfreund“. Was müßte man ihm wohl schreiben? „Hüte Dich vor Nachrichtenagenturen, die in 10 Minuten zu einem bestimmten Hashtag rund 600 neue Tweets bringen?“ (so selbst vor ein paar Tagen zu #IranElection erlebt…)

Ich bin mir, ehrlich gesagt, nicht sicher, was von alledem authentische Oppositionsarbeit ist und was Medienhype, Fehlinformation, Show oder versuchte zwischenstaatliche Einflußnahme. Cryptome jedenfalls hat bisher nur diese Bilder veröffentlicht, mehr nicht, aber auch nicht weniger. Sie sagen mehr als 600 Tweets in 10 Minuten aus dem großen Telex, das längst keiner mehr lesen und einschätzen kann.

Gleichzeitig veröffentlicht am 19. Juni 2009 in der Mailingliste A-DX und bei der Freitag Community.

„Der Autor: Das bin ich.“ – Uwe Timms zweite Frankfurter Poetikvorlesung

Zweimal unterbrach Uwe Timm an diesem Abend spontan seinen Vortrag. Einmal, gleich zu Anfang, um tief Luft zu holen wegen der „amazonischen“ Luftfeuchte in dem wiederum sehr gut gefüllten Hörsaal VI der Frankfurter Universität. Das zweite Mal, um seine sehr sorgfältig formulierten Ausführungen noch weiter zu präzisieren: „Der Autor“, dessen Haltung er da die ganze Zeit schon in der dritten Person beschreibe, „der Autor: Das bin ich. Andere arbeiten ganz anders.“

„Im Anfang war die Tat!“, zitiert Timm auch diesmal [1] eingangs einen Klassiker (Faust I, 1237), um sich im folgenden dann aber seinen eigenen Texten zuzuwenden und – um im Bilde zu bleiben – sozusagen über das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit in seinem Werk Auskunft zu geben.

Nicht alles, was ein Schriftsteller erzählt, ist erfunden, es ist aber umgekehrt auch nicht alles wahr, was in den Büchern steht. Im Falle von Uwe Timm, so erfahren wir, spielen Erinnerungen eine wichtige Rolle beim Schreiben.

Erinnerungen an und Erfahrungen in der Kindheit waren es, die er in seinem Roman „Der Mann auf dem Hochrad“ verarbeitet habe, den er ursprünglich als „Legende“ bezeichnet hatte. Und in dem Roman „Rot“, der von einem „Grabredner für ehemalige 68er und andere Atheisten“ handelt, habe er zwar eine bestimmte Person vor Augen gehabt, die er zum Protagonisten der Erzählung machte. Was dieser Person dann aber im weiteren in der Geschichte wiederfuhr, ergebe sich aus der kreativen Arbeit mit dem Material, das er verwendet habe. Tatsächliche und erfundene Begebenheiten, Erinnerungen an Erlebnisse, die mehr oder weniger fern in der Vergangenheit lägen, und spontane Einfälle flössen beim Schreiben ineinander und bildeten so insgesamt die Geschichte, die sich auch im Laufe der Zeit entwickeln könne.

Uwe Timm hat demnach beim Schreiben keinen Arno-Schmidtschen Zettelkasten zur Hand, und er betreibt auch keine Recherche und Sammlung von mehr oder minder ausgefallenen Szenen, wie man es von Wilhelm Genazino hört. Wie bereits erwähnt: „Andere arbeiten ganz anders.“

Übrigens habe er bei Lesereisen nach Italien und nach Großbritannien erfahren, daß die Tätigkeit des Trauerredners dort praktisch unbekannt sei. Clubs, Freunde, bis hin zu politischen Parteien übernähmen diese Funktion dort, nicht aber ein Fremder, Außenstehender, der den Verstorbenen gar nicht gekannt habe und der sich deshalb auch nicht als Teil der Trauergemeinde wie diese und mit ihr unmittelbar an den Toten erinnern könne. Auch dies ein wichtiger Einblick in die kulturelle Bedingtheit der literarischen Produktion.

Uwe Timm ist nach eigenem Bekunden einer der wenigen deutschen Schriftsteller, die von ihrer Arbeit gut leben können. Angesichts des großen und aufrichtigen Interesses, das seiner Frankfurter Vorlesung entgegengebracht wird, glaubt man dies gerne. Timm trägt konzentriert und sicher vor, man kann seiner Rede deshalb gut folgen. Wie auch in früheren Jahren schon, will auch diesmal so gut wie niemand das Angebot annehmen, die Live-Videoübertragung in dem darunterliegenden gut gekühlten Hörsaal V zu verfolgen, auf den schon Walter Jens bei seiner Gastdozentur im Jahre 1992 sein Publikum immer wieder humorvoll aufmerksam gemacht hatte.

Der Strom von etwa 600 Hörern verläßt langsam das Hörsaalgebäude. Wer einen Schirm dabei hat, tritt in den Frankfurter Regen hinaus, wie vor einer Woche schon. Es ist kühl geworden.

Gleichzeitig veröffentlicht in der Freitag Community am 16. Juni 2009 unter dem Titel: „‚Der Autor: Das bin ich.‘ – Uwe Timms zweite Poetikvorlesung“. – Zur ersten Vorlesung vgl. den Blog-Beitrag: „Uwe Timm über den gläubigen Leser“ vom 9. Juni 2009.