Wahlen

Plötzlich wird telefoniert? Varianten werden öffentlich erwogen. Hochrechnungen. Ein „Wahlabend“ wird zelebriert. Die Spindoktoren sind am Werk. „Where is my gracious lord of Canterbury?“

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Zu: Treichel, Was weiß ich von Bäumen

Zunächst: Entfremdung von der Natur, absolute Voranstellung des Ich, Beziehungslosigkeit zur Umwelt. Formal: zerrissene Sätze. Die Kreatur und die Elemente werden lächerlich gemacht („Vögel sind | Vögel … Singsang“, „ab und zu | eine lachhafte Sonne“), das Besondere, ihre Wandelbarkeit werden  ihnen abgesprochen („jeden Morgen | das gleiche“). Damit kann er nichts anfangen: „was soll ich mit Gras“. Damit will er sich nicht „belasten“. Aussagesätze, ohne Punkt, aber mit Komma aneinandergehängt, brechen mehrfach am Zeilenende jäh ab. Atemlos, sich beeilend, unruhig, getrieben, immer weiter, das Verweilen verweigernd. Ist der Text in seiner Eindeutigkeit und in all seiner Plattheit und Verachtung eine plakative Parodie auf den besinnungslosen Spießer, dem die Natur nichts bedeutet, weil sie ihm fremd und fern ist und bleiben wird? Dafür gibt es keinen Anhalt im Wortlaut, Erzähler könnte jeder sein, unabhängig von Rolle und Status. Der Text ist allzu flach geraten, er ist zu einfach und läßt mich deshalb unzufrieden zurück.

Vgl.: Hans-Ulrich Treichel, Was weiß ich von Bäumen, in: Seit Tagen kein Wunder, Gedichte, Frankfurt am Main 1990, wiederabgedruckt in: ders., Gespräch unter Bäumen, Gesammelte Gedichte, ausgewählt und mit einem Nachwort von Rainer Weiss, Frankfurt am Main 2002, S. 75.

Auch veröffentlicht in der Freitag Community am 30. August 2009.

Am Fenster

Die Straßenlaterne blinzelt mir immer wieder zu, durch die Blätter hindurch. Sie steht hinter dem Baum, auf den ich blicke, und leuchtet jetzt wieder seit halb neun Uhr abends. Der Himmel ist noch nicht ganz dunkel, es dauert aber nicht mehr lange. Der Lärm vom Flughafen streitet gegen das stille Bild vor meinem Fenster, und die Wolken verdecken den Mond.

Der Deutschlandfunk macht Wahlkampf

In den Deutschlandfunk-Nachrichten heute um 12 Uhr hieß es:

Viele Arbeitnehmer in Deutschland können sich über einen realen Anstieg ihrer Löhne und Gehälter freuen. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte, haben die Beschäftigten dank der vereinbarten Tariferhöhungen zwei bis drei Prozent mehr Geld in der Tasche. Das Plus lag im ersten Halbjahr deutlich über dem durchschnittlichen Anstieg der Verbraucherpreise. Die Teuerungsrate betrug zwischen null und einem Prozent. Mit 3,3 Prozent stiegen die Löhne in der Chemie-Industrie besonders stark.

Der DLF müßte eigentlich wissen, daß man seiner „Zielgruppe“ nichts vormachen kann: Ganz langfristig sinkende Lohnquote… über Jahre hinweg blieben Lohnzuwächse hinter der Inflationsrate zurück… mittlerweile gut 20–25 Prozent zu gering entlohnte „Mini-Jobber“ und „Aufstocker“ (früher sprach man von „ergänzender Sozialhilfe“) … vor zwei, drei Tagen hatten sie gemeldet, die Verbraucher kämen mit dem Konsumieren kaum noch nach… das ist doch grotesk… wo leben die Nachrichtenredakteure des Deutschlandfunks eigentlich? Im Wirtschaftswunderland der großen Koalition aus SPD/CDU/CSU/FDP/Grüne?

Gleichzeitig veröffentlicht in der Freitag Community am 28. August 2009.

Riester und Hartz bilden eine Einheit

In der Xing-Gruppe „SGB II Hilfe und Erfahrungen“ wurde die Auffassung geäußert, es sei für Bezieher von Grundsicherungsleistungen vorteilhaft, einen Riester-Sparplan zu besparen. Hierzu eine Aufklärung, zuerst veröffentlicht am 9. Februar 2009:

Ob es bei der Anrechnung der „Riester“-Rente auf die Grundsicherung bleiben wird, wenn die ersten Riester-Rentner darauf zugreifen werden, ist abzuwarten. Wetten werden noch entgegengenommen. M.E. steht es 50:50. Da es eher wenige sein werden, die als Riester-Rentner später Grundsicherung beziehen (nur Besserverdienende können derzeit überhaupt riestern), würde der Staat nicht viel verlieren, wenn er die Anrechnung bis dahin entfallen ließe.

Fraglich ist aber, ob es sich lohnt, Ersparnisse zu bilden, auf die man vorläufig nicht mehr zugreifen kann. Gerade wer wenig Schonvermögen hat, sollte erst einmal im Rahmen dessen, was im Rahmen des SGB II möglich ist, ansparen, um das Kapital flexibel einsetzen zu können. Es besteht bekanntlich zwar keine Verpflichtung zur Bildung von Erparnissen, der Gesetzgeber ging aber bei der Pauschalierung des Regelsatzes ausdrücklich davon aus, daß die Hilfebedürftigen sich so verhalten täten.

Das praktische Problem bei „Riester“ und Co. sind die dazugehörigen Sparverträge. Eine Bankkauffrau sagte mir bei der Fortbildung bitter: „Bei uns werden die Leute allesamt über den Tisch gezogen, egal welchen Vertrag sie abschließen.“ Jeder muß selbst wissen, ob er dabei mitspielen will.

„Riester“ ist bis auf weiteres ein Vermögensbildungsprogramm für die Mittelschicht (die Mehrzahl der Wähler). Das Problem war von Anfang an bekannt und war so gewollt. Die Gewerkschaften erkennen das teilweise mittlerweile als Problem, unternehmen aber weiterhin nichts dagegen. Hartz IV, Riester usw. bilden eine Einheit. Aus den unteren Einkommensschichten wird Einkommen und Vermögen abgezogen, das dann der Mittelschicht über „Riester“/„Rürup“ wieder zugeführt wird. Würde die Anrechnung von „Riester“ bei der späteren Grundsicherung entfallen, wäre das auch ein logischer weiterer Schritt in diese Richtung.

Wie gerade ein Hartz-IV-Bezieher davon sichere „Vorteile“ haben sollte, müßte man mir nun bitte wirklich einmal erklären…