Facebook is a closed shop II

von schneeschmelze

Ich bin ein late adopter. Nachdem ich meinen Facebook-Account wieder aktiviert hatte, begab ich mich also, ein Jahr nach dessen Schließung, auf eine Neuerkundung dieses sozialen Netzwerks, und ich muß sagen, es ist nach wie vor ziemlich langweilig.

  • Facebook is a closed shop, schrieb ich in einer Diskussion auf nettime-l Ende September 2009, und das gilt in mehrfacher Hinsicht, sowohl was den Zugang zu Facebook an sich angeht, als auch was den Zugriff auf die Statusmeldungen der Nutzer betrifft. Hier ist grundsätzlich geschlossene Gesellschaft. Wer nicht „Freund“ ist, muß leider draußenbleiben. Bei Twitter ist es gerade umgekehrt.
  • Kritik ist unerwünscht. Jede Nachricht an der „Pinnwand“ einer Seite kann man kommentieren. Wer faul ist, kann auch bloß „gefällt mir“ anklicken. Widerspruch wird anscheinend als Unterfall des „Kommentars“ gedacht. Eine Ermutigung, eine Aufforderung, Kritik zu üben, der Kern der Aufklärung also, fehlt. Hier werden vor allem Portraitphotos gezeigt, mehr oder weniger ausgefallen, meist weniger, Meinungsaustausch sieht anders aus.
  • Organisationen haben eigene Seiten. Dort kann man sich als Fan eintragen. So kann man Fan verschiedener (nicht: aller) Radioprogramme werden, wahlweise der Wikipedia, der Deutschsprachigen Anwendervereinigung TeX oder von Creative Commons. Natürlich gibt es auch viele kommerzielle Anbieter auf Facebook. Sie lassen auch hier ihre bekannte PR-Maschine laufen und versehen ihre Fans mit Updates, die auf Pressemitteilungen verlinken, oder, soweit es Zeitungen oder Fernsehanstalten sind, mit laufenden Nachrichten. Das alles läuft aber mit einem gehörigen Verzug. Von einer Belieferung „in Echtzeit“ (früher nannte man es „live“) würde ich nicht sprechen wollen. Mein Identi.ca-Feed braucht immer einige Zeit, bis er auf Facebook angekommen ist, und selbst dann ist er unvollständig, was an einem Fehler in der Facebook-API liegt. Abhilfe sei in Arbeit, liest man.
    Das langweilige bei den meisten Fanseiten ist, daß sich kaum einer dazu berufen fühlt, über diese Portale tatsächlich zu kommunizieren. Dort herrscht grundsätzlich Windstille. Niemand hat die Absicht, eine Statusmeldung zu schreiben, obwohl man allenthalben zum Schreiben aufgefordert wird: „Was machst Du gerade?“ – „Schreib etwas …“
    Die Fanseite der Literaturverwaltung Zotero ist ein gutes Beispiel dafür. Der Gründer dieser Seite schrieb am 11. September 2008 an die Pinnwand: „ I figured Zotero needed a fan page, so I created one. I’m not affiliated with Zotero, except as an enthusiastic user. If anyone wants to edit and update this, please do.“ Seitdem haben sich 387 Fans dort versammelt. Es sind vier harmlose Photos hochgeladen worden. Kommuniziert wird dort aber nicht. Man kann sich die Namen und die Photos der Zotero-Fans anzeigen lassen. Mehr fand und findet dort nicht statt.
  • Vielleicht ist es bei den Facebook-Gruppen anders? Hier gibt es tatsächlich Diskussionsforen, zum Beispiel auch zum Textsatz mit LaTeX. Die Threads laufen aber bisweilen monate- oder jahrelang. Mitunter werden Antworten erst monatelang nach dem OP gepostet. Wer also kurzfristig Hilfe sucht oder eine aktuelle Meinung diskutieren möchte, ist hier fehl am Platze. Wozu ein Forum sonst gut sein soll, erschließt sich mir nicht.

Fazit: Ich habe meine Fancy-URL auf Facebook gesichert. Ich lasse meinen Identi.ca-Feed weiterhin über Facebook parallel mitlaufen, weil es mich nicht weiter belastet. Und in Seesmic Desktop kann man sich die Facebook-Statusmeldungen neben Twitter anzeigen lassen. Im übrigen aber hat Philip Banse recht, wenn er zu dem Ergebnis kommt, Twitter sei sozusagen die Nachrichtenagentur des Internets. Das stimmt, auch wenn ich früher anderer Meinung war, im Vergleich zu Facebook schon deshalb, weil Twitter, wie vorstehend bereits erwähnt, nicht nur aktuell, sondern auch grundsätzlich offen ist, kein closed shop.

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