K bloggt nicht mehr

K hat ihr Blog geschlossen. Es ist schon eine gute Woche her. Seit ich die Blogosphäre etwas verfolge, hatte ich es immer gerne gelesen. Sie hatte dort nicht nur mitunter sehr hellsichtige politische Texte veröffentlicht, sondern auch sehr schöne Photos. Einige ihrer Bilder haben mir so gut gefallen, daß ich sie als Bildschirmschoner verwende. Sie schrieb auch über einige private Dinge.

K sagt, sie habe alles geslöscht. Nichts sei mehr übrig geblieben. Tabula rasa. Prinzip Sintflut. Nun gehe es ihr besser. Aber warum das alles?

K las die Logfiles ihres Blogs regelmäßig, und seitdem sie sich um eine neue Arbeitsstelle bewarb, bemerkte sie, daß Google-Abfragen nach ihrem bürgerlichen Namen, die Besucher zu ihrem Blog führten, zugenommen hatten. Sie möchte nicht durch ihr Hobby dauerhaft von der Berufstätigkeit ausgeschlossen werden.

Das alles erinnert mich an Kracauers Buch über „Die Angestellten“ von 1930, in dem es unter anderem heißt, der Wirklichkeitssinn der Angestellten sei „durch ihre gedrückte materielle Lage geschärft“ worden (suhrkamp taschenbuch Nr. 13, S. 13). Es habe sich eine industrielle Reservearmee auch der Angestellten gebildet (ebd.). Entscheidend für die Auswahl unter mehreren Bewerbern sei letztlich „die moralisch-rosa Hautfarbe, sie wissen doch …“ (24). Dieser so angenehme Teint, den Personaler wünschen, erstreckt sich heutzutage unter den Bedingungen des Internets auch auf das Google-Ranking, weil diese amerikanische Firma die Macht hat, durch ihre Suchalgorithmen Lebensläufe und Profile zu kreieren, die öffentlich abrufbar sind und die das Bild eines Menschen festlegen können, so daß es sie im extremsten Fall sogar von der Personalauswahl ausschließen kann.

Ich bin mir zwar nicht so sicher wie K, daß ihr Blog einer Beschäftigung im Wege stand. Es gibt viele Gründe, von einer Einladung im Bewerbungsverfahren abzusehen. Es ist aber bemerkenswert, daß man schon bereit ist, sich in einer vorauseilenden Selbstzensur den Mund zu verbieten, weil man den Eindruck gewinnt, sich so unter den derzeitigen Bedingungen beruflich leichter verdingen zu können. Die Meinungsäußerungsfreiheit steht jedenfalls im Kern einer Demokratie. Und dies alles deutet darauf hin, daß unsere Gesellschaft keine demokratische sein kann.

K heißt eigentlich nicht K. Ich respektiere ihren Wunsch, aus der Netzöffentlichkeit zumindest vorerst zu verschwinden, und verlinke deshalb auch keine anderen Quellen über die näheren Zusammenhänge. Ich bitte andere darum, es ebenso zu halten. Das Kürzel K habe ich in Anlehnung an Bertolt Brechts Herrn K(euner) gewählt.

Gleichzeitig veröffentlicht am 18. Oktober 2009 in der Freitag Community.

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5 Kommentare zu „K bloggt nicht mehr“

  1. Es ist manchmal schwer, das Gleichgewicht zwischen Meinungsäußerungen und Selbstzensur zu finden, wenn man unter seinem eigenem Namen bloggt. Ich kenne das nur zu gut und habe das in meinem Blog auch schon thematisiert. Zu einigen intimen Themen schreibe ich deshalb auch nur noch in anonymen Blogs.
    Wenn man auf Arbeitssuche ist, steht man unter einem doppelten Druck: Man will alles recht machen, damit man Arbeit findet. Aber das geht gar nicht. Ich sehe das ähnlich wie du: es gibt unheimlich viele Gründe für eine Absage. Und nur sehr wenige habe etwas mit der Qualifikation des Bewerbers zu tun, dem abgesagt wird.

    Es ist schade, das ganze Blog zu löschen. Mir tut das immer weh, wenn ich davon höre. Aber es kommt schon öfters vor.

  2. Danke für Deine Anmerkung. Ich finde auf jeden Fall, es ist ein Verlust, daß sie sich zurückgezogen hat. Zumal die Inhalte ja auch noch lange in den diversen Caches abrufbar sein werden. Es wird also einen langen Moment dauern, bis sich dies überhaupt auf das „Google-Problem“ auswirken wird. Möglicherweise wird es auch auf Dauer wirkungslos bleiben.

    Ich frage mich, wie die Gesellschaft damit in Zukunft umgehen wird. Heute richten sich schon Kinder während der Grundschulzeit Accounts bei Netzwerken ein und hinterlassen Spuren im Netz, so daß ganz langfristig ein Profil entsteht von Interessen und Abneigungen, Kontakten, Verhaltensweisen im Umgang mit anderen. Das alles in der Öffentlichkeit, digital dokumentiert, abrufbar, einsehbar, für lange Zeit, prinzipiell sind diese Daten ja sozusagen „unsterblich“.

    Gegen den Umstand, daß man aufgrund einer Bewerbung nicht eingeladen wird, kann man grundsätzlich nichts unternehmen. Es ist ja auch problematisch festzustellen, daß die Spuren im Netz damit ursächlich zusammenhängen. Also müßte man beim Suchmaschinenbetreiber ansetzen.

    Im Presserecht kennen wir den Gegendarstellungsanspruch, der aber auch nur gegen falsche Tatsachenbehauptungen schützen soll, nicht gegen die Verbreitung oder die Zugänglichmachung von zutreffenden und öffentlich zugänglichen Profil-Daten durch eine Suchmaschine. Außerdem weiß man ja, wie (un)wirksam die Gegendarstellung ist. Man wird auch nicht verlangen können, daß bei Eingabe des eigenen Namens ein bestimmtes Profil oder ein in einer bestimmten Weise geschöntes Profil an Treffern ausgegeben wird.

    Anknüpfen müßte man am allgemeinen Persönlichkeitsrecht, das zumindest für Unbekannte auch bei Presseveröffentlichungen Vorbehalte kennt, wenn man keine „absolute“ oder „relative Person der Zeitgeschichte“ ist, also irgendwie schon vorher bekannt oder in einem bestimmten Zusammenhang allgemein bekanntgeworden ist. Das Argument, hier hätte man ja Daten von sich selbst öffentlich in Umlauf gebracht, überzeugt mich nicht, wenn die ganze Tragweite davon nicht absehbar war. Bei einem Blogger dürfte aber auch das nicht wirksam greifen, denn er wendet sich ja an die Öffentlichkeit, egal wie bekannt oder unbekannt er nun ist. Er publiziert und darf deshalb auch zitiert werden.

    Also bleibt nur der Versuch, öffentliche Auftritte im Netz grundsätzlich zu anonymisieren, was ich aber zum einen in einer freien Gesellschaft für unerwünscht halte, denn es gehört einfach dazu, daß man seine Meinung frei und auch unter dem eigenen Namen sagen kann. Eine allgemeine Anonymisierung wäre auch mit den geltenden Vorschriften zur Anbieterkennzeichnung nach deutschem Recht nicht zu vereinbaren, die ja ein Impressum vorschreibt.

    Also müßte man, um den hier besprochenen Gefahren entgegenzuwirken, eben doch bei der Verwertung von personenbezogenen Daten durch die Suchmaschinenbetreiber und andere Indizierdienste entgegenwirken. Zumindest unter den Bedingungen des Semantic Web, das heißt wenn alle Personennamen als solche in den Quellen ausgezeichnet würden, wäre es ohne weiteres möglich, diese aus den Suchergebnissen herauszufiltern, um die Erstellung von Profilen wirksam zu verhindern. So könnten etwa die Archive von Mailinglisten weiterhin indiziert werden, ohne gleichzeitig die Absendernamen zu erfassen.

    Man braucht dazu also wahrscheilich dreierlei: Nicht nur (1) einen wirksamen rechtlichen Rahmen für alle Beteiligten, der im einzelnen zu erarbeiten wäre, sondern auch (2) die dafür notwendigen technischen Voraussetzungen sowie (3) sozusagen cyber-ethische Prinzipien, wie mit online veröffentlichten Daten umzugehen wäre: Wer darf welche Daten aus ethischen Gründen (nicht nur: aus rechtlichen Gründen) in welcher Weise erheben und weiterverarbeiten? Ausgangspunkt wäre dabei eine Verantwortungsethik.

  3. Ich hatte aus gegebenenem Anlass Ähnliches unter http://www.ats20.de/blog/index.php?/archives/850-Echt-sein-im-Netz..html auch thematisiert.

    Für entscheidend halte ich langfristig und im Sinne einer offenen Gesellschaft dies: »… es gehört einfach dazu, daß man seine Meinung frei und auch unter dem eigenen Namen sagen kann.«

    Hier allerdings an eine Verantwortungsethik auf Seiten der Personaler zu appellieren, ist wohl verlor’ne Liebesmüh. Wir wissen, dass es aus der Sicht des Personalchefs geradezu ein paradiesischer Zustand ist, nicht nur auf Hochglanzbewerbungsmappen, sondern auch auf »echte« und »unverfälschte« Äußerungen zurückgreifen zu können.

    Worauf sich die künftigen Arbeitsplatzbewerber spitzen sollten, ist die Aussicht auf Inflationierung des netzöffentlichen Worts auf der einen Seite (es ist nicht alles überprüfbar; die einzelne Äußerung wird weniger Gewicht haben; jeder wird irgendwann einmal ein unbedachtes Wort geäußert haben) und die positive Wirkung der Netzpersönlichkeit auf der anderen Seite (wenn alle Bewerber Hochglanzmappen abgeben, ist dem Personalentscheider derjenige mit Ecken & Kanten vielleicht sogar lieber; vielleicht ist mein Profil im Netz auch im guten, unterstützenden Sinn viel aussagekräftiger als jede Bewerbungsmappe).

  4. Danke für Deinen Beitrag, Hanjo. Mir geht es ganz ähnlich, was die Anonymität im Netz angeht. Das Thema wurde übrigens gerade auch in der Freitag Community diskutiert, und daran hatte ich mich auch beteiligt.

    Man sieht meinem Entwurf ja an, daß ich in der Frage noch beim „Brainstorming“ bin. Die Probleme, die durch das Googlen der Personaler entstehen, sind jedenfalls so groß, daß es eine Lösung geben muß, und die kann nicht nur durch Paragraphen bewirkt werden, sondern sie muß auch in einem ganz anderen Umgang mit dieser neuen Form von Öffentlichkeit einhergehen, mit einer anderen Einstellung dazu, daß es Leute gibt, die eine völlig unreflektierte „Tyrranei der Intimität“ praktizieren und die dadurch möglicherweise für den Rest ihres Lebens negativ sozial sanktioniert werden — einmal sehr allgemein gefaßt.

    Bei den Personalern allein habe ich auch keine große Hoffnung, was deren ethisches Empfinden angeht. Es müßte sich allgemein in der Gesellschaft diesbezüglich etwas ändern bei der Verfügbarmachung und beim Umgang mit personenbezogener Daten, im Sinne von Dürrenmatts „Was alle angeht, können nur alle lösen“.

    Das Hauptproblem aus technischer Sicht sind die Suchmaschinenbetreiber und andere Dienste, denn hierüber werden ja die Profile generiert. Wenn man dies wegdenkt, entfiele das ganze Problem.

    Die Nebenbemerkung von Peter Glaser in dessen Interview im Küchenradio, eine Suchmaschine könne einen Lebenslauf kreieren, macht schon nachdenklich, denn dadurch wird natürlich der einzelne insoweit die Möglichkeit genommen, hierüber noch selbst zu entscheiden. Lebensentwürfe werden dann von Suchalgorithmen bestimmt, die suggerieren, ihre Darstellung sei objektiv und spiegele nur Tatsachen wieder, wie Du ja auch schreibst: sie sei also für einen Außenstehenden „besser geeignet“, um sich ein Bild von jemandem zu machen, als das Material, das einer Bewerbung zu entnehmen sei.

    Ich frage mich, ob es für die nächste Zeit eine andere, ebenso praktikable Lösung geben könnte, als zu versuchen, sich weitestgehend im Netz zu anonymisieren, um der “Tyrranei der Cyber-Profile“ wirksam etwas entgegensetzen zu können. Ich fürchte: nein. Und das ist ein sehr massiver Verlust von Freiheit und auch von Identität, denn dies wirkt auf die Persönlichkeit des Users zurück.

    Wenn sich hieran nichts ändern würde, würde es bedeuten, daß es zu einer gespaltenen Gesellschaft käme: hier real life, und da das „Cyber-Life“. So ein Art von Quasi-Multipler-Persönlichkeit kann — egal, welche Folgerungen und Probleme sich sonst noch daraus ergeben würden, wenn man das verallgemeinern müßte — für die Gesellschaft im ganzen nicht gut und erwünscht sein. Außer aus der Sicht von jemandem, der es gerne sähe, wenn eine möglichst große Zahl von Menschen in der Angst lebte, ihre wahre Identität hinter der Netz-Identität werde eines Tages enttarnt. Das würde allgemein zu einer Gesellschaft der Duckmäuser führen, würde Bloch wahrscheinlich sagen. Es geht hier, ganz allgemein gesprochen, um den „aufrechten Gang“ im Blochschen Sinne.

  5. Ich denke, die Quintessenz nach dem Gesagten lautet: Privacy Is Dead – Get Over It!

    Dies war übrigens auch der Titel eines Vortrages, den der amerikanische Privatdetektiv Steven Rambam auf der Hackerkonferenz „The Last Hope“ 2008 in New York City gab. Rambam führte anhand einer Beispielsperson (eines Freiwilligen) vor, was sich über diese Person in Erfahrung bringen lässt.

    Der Vortrag ist bei Google Video verfügbar:

    http://video.google.com/videoplay?docid=3079242748023143842#

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