Literaturkritischer Nachmittag in Neu-Isenburg

Zum Tag der Bibliotheken war heute nachmittag der Literaturkritiker Denis Scheck in die Neu-Isenburger Stadtbibliothek gekommen, und da kann ich noch so verschnupft sein: Wenn eine Woche nach der Buchmesse ein literarischer Event zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt stattfindet, gehe ich natürlich hin.

Zwei Nachbarinnen waren schon dort, als ich in der Bibliothek eintraf, so saßen wir gemeinsam nebeneinander im Publikum. Denis Scheck war gekommen, um eine „Orientierung im Bücherdschungel“ zu geben und um „druckfrische Bücher“ vorzustellen, hieß es in der Einladung zur Veranstaltung, die sich schon in der Vorstellung des Gastes durch den städtischen Kulturdezernenten sehr schön provinziell gab. Scheck kam aus der weiten Welt zu uns in den engen Raum herein. Er habe an ausländischen Universitäten studiert, bei denen der Vorredner sich schwertut, sie einigermaßen richtig auszusprechen in der gedämpften Stimmung, die heute hier am verregneten Samstagnachmittag herrscht.

Scheck erzählte, mit pinkfarbener Krawatte und dazu passendem Einstecktuch gewandet, routiniert und locker ins Mikrophon, und er wirkte auf mich – trotz oder gerade wegen der Photographen von der lokalen Presse – vielleicht auch ein wenig erschöpft nach dem großen alljährlichen Klassentreffen in den Frankfurter Messehallen. Verteilt wurde zur Einführung ein Papier, das doppelseitig nicht weniger als 45 Autoren mit neu erschienenen oder sonst aus Sicht des Kritikers empfehlenswerten Titeln ausweist, von Harry Rowohlts Bären Pu über Max Goldt und Sibylle Berg bis hin zur neuen Anna-Karenina-Übersetzung von Rosemarie Tietze zum Tolstoi-Jahr.

Ausführlich erzählte und las Scheck aus David Foster Wallaces Essay „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“. Aufgepaßt, an Wallace könne man beobachten, wie ein Autor nun nach seinem Tod mit allen Mitteln der Kritikerzunft zum Heiligen gemacht werden könne. Ein Selbstläufer war auch seine geschliffene Rede zu Alan Bennetts „Souveräner Leserin“, die natürlich nichts bahnbrechend Neues mehr aufs Tapet bringen konnte, sich aber immerhin eignete, um einmal einen Anfang mit dem Kritikernachmittag zu machen. Wirklich empfehlenswert schien ihm Kerstin Ekmanns „Hundeherz“ zu sein, ein Buch, so sachlich, als habe Kafka über Hunde geschrieben. Und überhaupt: Sheik Mohammed al Maktoums Gedichte „In der Wüste findet nur der Kluge den Weg“ seien ein Beispiel dafür, daß man nicht arm und sozial randständig sein müsse, um gute Lyrik schreiben zu können – was er gegen Ende mit Bezug auf die Lage in Deutschland dann aber wieder ganz anders beurteilt, wenn er meint, die nächste Schriftstellergeneration werde von den Migranten geprägt sein. Ja, was denn nun?

Zu Kathrin Schmidts buchpreisprämiertem Werk „Du stirbst nicht“ sprach er erst auf Nachfrage. Der Preis sei gerechtfertigt gewesen, die Jury habe es nach der Verleihung des Nobelpreises für die gleichermaßen nominierte Herta Müller eben schwer gehabt. Das Buch habe den Preis aber verdientermaßen erhalten. Ruthard Stäblein hatte das am Abend der Preisverleihung zwar anders gesehen, als er auf Deutschlandradio Kultur meinte, der Makel, statt Müllers „Atemschaukel“ ausgezeichnet worden zu sein, werde Schmidts Buch nun anhängen, und die Prämierung gehe überhaupt vorwiegend darauf zurück, daß das Jurymitglied Iris Radisch schon im Vorfeld in einer Kritik in der „Zeit“ zu erkennen gegeben habe, daß sie Müllers zeitgeschichtlichen Text ablehne, und sich dem absehbar bereits zwei weitere Juroren (Winkels und Lüdtke) angeschlossen hätten, weil sie weiter bei Radisch publizieren wollten, so daß – Suhrkamp war letztes Jahr schon dran und Fischer im Jahr davor – diesmal KiWi zum Zuge kam. Aber sei’s drum. Auf alle Fälle empfehlenswert nämlich sei, so Scheck, das Hörbuch „Die Nacht ist aus Tinte gemacht“, in dem Müller über ihre Kindheit im Banat erzähle.

Kein Vortrag Denis Schecks, natürlich, ohne einen Schlenker zu seinem Liebligsschriftsteller Arno Schmidt. Der habe einmal vorgerechnet, wie viele Bücher man bei wohlwollendster Schätzung in einem Leben überhaupt lesen könne, falls nichts dazwischenkomme. Die Zahl ist verschwindend gering. Trotzdem fragt man sich, wie Scheck, der bekanntlich als Redakteur für Literatur beim Deutschlandfunk arbeitet und der, auch nach eigenem Erzählen, ständig unterwegs ist, das ernorme Lesepensum bewältigen mag, von Thomas Pynchon über Roberto Bolaño bis hin zu Robert Gernhardt und – um noch einen Bestseller zu nennen, den er in seiner Fernsehsendung wohl in den Mülleimer geworfen hätte – die Erinnerungen des Fußball-Torwarts Oliver Kahn, der auf Seite 168 seines Buches erklärt habe, die Trennung von seiner Frau habe „nichts mit ihrer Person zu tun“ gehabt, was ein klares Zeichen dafür sei, daß Kahn den Text nicht selbst geschrieben habe. Wer weiß.

Obwohl er im Fernsehen und auch im Radio sehr viel pointierter und frischer produziert wird, als er heute rüberkam, hat mich der Nachmittag bei Scheck nicht enttäuscht, denn mehr hatte ich mir nicht erwartet, und nach einer durchwachten Schnupfennacht hätte mich viel mehr Aktion auf der Bühne auch eher angestrengt und zum Abwenden gebracht. Dazu kam es nicht. Aber es war eben auch ein Vortrag, nach dessen Ende ich mich problemlos auf den Heimweg machen konnte und auch wollte.

Gleichzeitig veröffentlicht am 24. Oktober 2009 in der Freitag Community.