Neue Zahlen und Einschätzungen zur Entwicklung des „Freitag“

Gerne hätte ich die Freitag Community auf einen Beitrag von Matthias Schwenk bei Carta hingewiesen. Schwenk beschreibt, wie sich die Zeitungskrise auch auf die kommerziellen Blogs in Deutschland auswirkt. Er kommt zu dem Schluß, daß die weitaus meisten kommerziellen Blogs unprofitabel betrieben werden. Kein Blog könne allein von Werbeeinnahmen existieren, immer handele es sich deshalb um Projekte, die auch von der „Leidenschaft“ und von dem Mitteilungsbedürfnis seiner Autoren lebe. Das erfolgreichste Blog in Deutschland sei gerade netzpolitik.org von Markus Beckedahl, das auf eine Vermarktung gänzlich verzichte. Ausnahmen bestätigen eben die Regel.

Schwenk kommt aber auch auf den Internet-Auftritt des Freitag zu sprechen, und diese Stelle in seinem Artikel möchte ich gerne zitieren, weil es ja vor kurzem eine sehr umfangreiche Diskussion um dessen Entwicklung gegeben hat:

„… Und da sind wir dann vielleicht an einem Punkt, der das Problem der Online-Ausgabe des Freitag erklärt. Meinung allein bringt es nicht. Der Freitag erzielt im Netz erst ca. 647.000 PIs pro Monat. Das ist ein Wert, wie ihn auch ein Blogger ganz allein erzielen kann, etwa Cachy (stadt-bremerhaven.de). …“

In dem Zusammenhang sollte man auch einen Blick auf die Entwicklung der Printausgabe werfen. Laut ivw entwickelten sich die Abonnements stark rückläufig, nämlich von 9069 im Zeitraum 1/2008 auf nunmehr nur noch 7650 in der Erhebung 3/2009. Das ist sehr zu bedauern.

Wenn ich es richtig einschätze, ist der Bestand der Zeitung im ganzen (und der damit verbundenen Arbeitsplätze) dadurch noch nicht gefährdet. Es zeigt sich aber sehr nachdrücklich, wie bedeutsam die Ausrichtung der Print-Ausgabe für den Erfolg des ganzen Projekts nicht nur langfristig, sondern bereits auf kürzere Sicht sein wird, denn aus dem Bereich Online sind keine Einnahmen zu erwarten („Die Kommerzialisierung von Blogs ist bislang nur in bescheidenem Umfang gelungen.“). Und im Print-Bereich hat es den Anschein, als sei ein ganzes Segment von Abonnenten weggefallen, das zurückzugewinnen sehr schwierig sein wird, weil man sich von der bisherigen Ausrichtung des Blattes verabschiedet hat und die Bedürfnisse vieler früherer Leser leider nicht mehr beachtet hat. Neue regelmäßige Leser wurden bisher dagegen kaum gewonnen.

Zuerst veröffentlicht in der Freitag Community am 26. Oktober 2009.

[Update – weiter in der Diskussion auf einen ungehaltenen Beitrag Jakob Augsteins: ]

[…] also gut, dann reden wir noch einmal Tacheles: Der alte Freitag war besser als man denkt. Der Meinung waren auch ca. 1500 Abonnenten, die jetzt verschwunden sind. Von manchem treuen Werbekunden hat man auch schon lange nichts mehr im Blatt gedruckt gesehen. Der Einzelverkauf kann das nicht auffangen, und die Abo-Zahlen sind eingebrochen — von einem „Wechsel des Abonnenten-Stammes“ kann ich da nichts erkennen.

Wenn man aber über Bezahl-Internet und Strategien mit einer Community diskutiert, muß man „the rest of the story“ ebenfalls mitteilen; das habe ich getan.

Der Freitag wird bei Hi-Media folgendermaßen beschrieben: „DER FREITAG vereint eine optimistische und konsumfreundliche Haltung mit kritischem Qualitätsjournalismus.“ Es tut mir leid, aber das schließt sich gegenseitig aus. Deshalb hatte ich schon unmittelbar nachdem der Verkauf der Zeitung bekanntgeworden war, einen Leserbrief geschrieben, der auch abgedruckt worden war. Der Brief hatte folgenden Wortlaut:

„Als langjähriger Leser und Abonnent bin ich ziemlich besorgt über die Berichte, wonach der Freitag an Jakob Augstein verkauft worden sei.

Immer wieder wird jetzt in den Artikeln über den Verkauf darauf hingewiesen, daß der Freitag seit je praktisch werbefrei ist.

Ich würde Ihnen gerne den Rücken stärken und erklären: Ich wäre auch bereit, etwas mehr für die Zeitung zu bezahlen, wenn die Werbefreiheit erhalten bliebe. Denn das ist der einzige Weg zu einem unabhängigen und damit glaubwürdigen Journalismus. Alles andere wäre ein Irrweg.

Ich hoffe sehr, daß uns der Freitag, wie er ist, erhalten bleibt.“

[…] Gewollt ist ein windschnittiges Blatt, das vorneweg mitsegeln kann, neben der Zeit, dem Stern oder dem Spiegel. Und an denen sieht man auch sehr schön, zu welchen Verrenkungen das führt, wenn man Konsumfreude und Kritik miteiandner verbinden möchte. Mach das mal bei einem Beitrag zu Hartz IV oder zum Koalitionsvertrag. […]

Weil das nicht funktioniert, wenden sich immer mehr ab. Die Abos sind kontinuierlich gesunken, seit dem Relaunch beschleunigt. Ich bin auch bei den 1500 dabei, und ich warte nun ab, wie man mit den Kunden umgehen wird, ob man sie zurückgewinnen will, oder ob man eher die Absicht hat, konsumfreudigere Kunden zu gewinnen. Das fände ich wiederum sehr schade, aber es ist eine unternehmerische Entscheidung.

Und nun sage, bitte, niemand, die Zeitung würde sich aus unternehmerischer Sicht nicht lohnen bzw. hätte sich schon vorher nicht gelohnt. Der Freitag wäre das ideale Projekt gewesen, das man auch nach dem Modell der Blätter oder der taz oder der FAZ (als Stiftung, nämlich) hätte aufziehen können. Das hätte dann natürlich bedeutet, daß man nicht einen Medienunternehmer an der Spitze hätte, der pars pro toto für die Firma öffentlich auftritt und so mehr im Lichte steht als die Zeitung selbst. Denn man sieht nur die im Lichte …

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2 Kommentare zu „Neue Zahlen und Einschätzungen zur Entwicklung des „Freitag““

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