Wikipedia und Google als Ideologie

Nochmals aus Anlaß der Wikipedia-Lösch-Diskussion[1][2]:

Dies alles ist ein Mißverständnis. „Wikipedia und Google“ sind sozusagen die Ideologie des Web 2.0. Und jetzt, wo die gesamte Konkurrenz längst die Fahnen gestrichen hat, merken immer mehr, daß die Wikipedia gar keine Konkurrenz für Brockhaus und Britannica war, sondern etwas ganz anderes: Ein Projekt, das einen Textkorpus gemeinsam editiert, erweitert, löscht, verwaltet. Eine „Enzyklopädie“ ist aber etwas ganz anderes, nämlich sowohl ein Instrument der Aufklärung als auch ein Geschäftsmodell. Und sobald es etwas Besseres geben wird, wird sich kein Mensch mehr für die Wikipedia interessieren.

Genauso wird es mit Google kommen, und ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern.

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Gesundheitsökonomik und soziale Frage

Bei meiner Erkundung von Facebook stieß ich an der Pinnwand der Diabetes-Gruppe auf die Frage einer Wirtschafts-Studentin, die sich danach erkundigte, wieviel man bereit wäre, für eine Insulinpumpe zu zahlen, wenn man keine Krankenversicherung hätte? Bekanntlich stellen Ökonomen immer die falschen Fragen, wie Kurt Tucholsky in seinem „Kurzen Abriß der Nationalökonomie“ bereits ausgeführt hatte. Ich schrieb dort also am 27., 28. und 29. Oktober 2009:

Alyssa, in Germany insulin pumps are provided by public and private health insurance companies provided certain conditions are met (you have to demonstrate that you have been able to treat your diabetes with insulin pens for awhile by presenting your diabetes diary). AFAIK, there is no additonal charge that would keep you from using a pump. Over 90% of Germans are members of public health insurance which provides everything that is necessary for treating the disease. This is also true for the poor and for the unemployed. So the question how much you would pay for a pump is all but impossible to say because it is completely hypothetical.

Auf Nachfrage: „Thank you for the responses. completely hypothetical is what I am looking for. …“. Sie weiß also durchaus, daß ihre Frage mit der sozialen Wirklichkeit nicht viel zu tun hat.

Alyssa, I think the point is not what I would be willing to pay, but rather what I would be able to pay for an insulin pump. This makes a great difference, depending on your income etc. And then, you don’t switch from pens to a pump for fun, it’s rather a necessity. A pump will be chosen instead of a pen, e.g., if you suffer from high glucose levels at dawn that cannot be lowered otherwise.

So I would differentiate between two scenarios if I had no medical coverage: (1) If I was rich, I would pay for what I need. Period. I cannot say an exact sum of money because I have no idea what it would take to buy or lease an insulin pump for the rest of my life. It would be an investment in my health. (2) If I was poor and I could not afford it, although I needed a pump for medical reasons, the question, again, would be „completely hypothetical“. In this case a pump would just not be available to me.

BTW, the new continuous glucose meters that have become available lately are another case in point. It’s just the same with them. Health insurers pay for them only if there is a medical indication….

Daraufhin wandte man aus den USA ein: „Not free in the U.S.! You either pay for insurance and hope it is covered or pay out of pocket but anyone who wants one could get one. I’ve been on pens my whole life and very well controlled. I wouldn’t, at this point pay $5,000 plus supplies for a pump even though we could afford it. If my health started to deteriorate, I would consider it only because we could find the money but for those who can barely afford insulin it wouldn’t even be an option.“

There is one more thing you might like to consider, Alyssa. As I already mentioned, insulin pumps are not bought in this country, but they are leased for some years by a public health insurer. I would like to dwell on this point because it is important in economic terms, too. It means that if the pump you get fails it will be replaced with no additional fee by the manufacturer within a day or so. There is a guarantee that a replacement will be avilable for some years (as long as the contract runs). OTOH, I understand that patients cannot easily switch from one pump to another.

Barb makes an important point, I think. I understand that health insurance in the U.S. is very bad. I just do not understand that people do not seem to care very much about this situation, considering the recent protests against Obama’s plans to introduce some kind of public health insurance as we know it in Europe.

If you can „barely afford insulin“ a pump is indeed a piece of luxury. What’s more, I have been told at the hospital that we use different sorts of insulin (insulin analogs) in Europe that are a bit more expensive than what is used in the U.S. as a standard therapy. This makes life so much easier. It is also employed in pumps. I think it would be a first step to have patients supplied with up-to-date insulins in the first place.

Facebook is a closed shop III

Facebook ist ein Paradoxon: Einerseits ein „closed shop“[1][2], vor dem sozusagen ein Türhüter steht, so daß man sich mit seinen Meldungen nur an einen kleinen Kreis von Empfängern wendet, der selbstreferentiell sich um sich selbst dreht; andererseits wiederum so groß, daß es zumindest bei den Diskussionen in den Gruppen und auf den Fan-Seiten eine eigene Öffentlichkeit geworden ist (gerade eben auf hr2 gehört: über den Prozeß wegen des Mordes an der schwangeren Ägypterin werde „auch auf Facebook“ diskutiert).

Neue Zahlen und Einschätzungen zur Entwicklung des „Freitag“

Gerne hätte ich die Freitag Community auf einen Beitrag von Matthias Schwenk bei Carta hingewiesen. Schwenk beschreibt, wie sich die Zeitungskrise auch auf die kommerziellen Blogs in Deutschland auswirkt. Er kommt zu dem Schluß, daß die weitaus meisten kommerziellen Blogs unprofitabel betrieben werden. Kein Blog könne allein von Werbeeinnahmen existieren, immer handele es sich deshalb um Projekte, die auch von der „Leidenschaft“ und von dem Mitteilungsbedürfnis seiner Autoren lebe. Das erfolgreichste Blog in Deutschland sei gerade netzpolitik.org von Markus Beckedahl, das auf eine Vermarktung gänzlich verzichte. Ausnahmen bestätigen eben die Regel.

Schwenk kommt aber auch auf den Internet-Auftritt des Freitag zu sprechen, und diese Stelle in seinem Artikel möchte ich gerne zitieren, weil es ja vor kurzem eine sehr umfangreiche Diskussion um dessen Entwicklung gegeben hat:

„… Und da sind wir dann vielleicht an einem Punkt, der das Problem der Online-Ausgabe des Freitag erklärt. Meinung allein bringt es nicht. Der Freitag erzielt im Netz erst ca. 647.000 PIs pro Monat. Das ist ein Wert, wie ihn auch ein Blogger ganz allein erzielen kann, etwa Cachy (stadt-bremerhaven.de). …“

In dem Zusammenhang sollte man auch einen Blick auf die Entwicklung der Printausgabe werfen. Laut ivw entwickelten sich die Abonnements stark rückläufig, nämlich von 9069 im Zeitraum 1/2008 auf nunmehr nur noch 7650 in der Erhebung 3/2009. Das ist sehr zu bedauern.

Wenn ich es richtig einschätze, ist der Bestand der Zeitung im ganzen (und der damit verbundenen Arbeitsplätze) dadurch noch nicht gefährdet. Es zeigt sich aber sehr nachdrücklich, wie bedeutsam die Ausrichtung der Print-Ausgabe für den Erfolg des ganzen Projekts nicht nur langfristig, sondern bereits auf kürzere Sicht sein wird, denn aus dem Bereich Online sind keine Einnahmen zu erwarten („Die Kommerzialisierung von Blogs ist bislang nur in bescheidenem Umfang gelungen.“). Und im Print-Bereich hat es den Anschein, als sei ein ganzes Segment von Abonnenten weggefallen, das zurückzugewinnen sehr schwierig sein wird, weil man sich von der bisherigen Ausrichtung des Blattes verabschiedet hat und die Bedürfnisse vieler früherer Leser leider nicht mehr beachtet hat. Neue regelmäßige Leser wurden bisher dagegen kaum gewonnen.

Zuerst veröffentlicht in der Freitag Community am 26. Oktober 2009.

[Update – weiter in der Diskussion auf einen ungehaltenen Beitrag Jakob Augsteins: ]

[…] also gut, dann reden wir noch einmal Tacheles: Der alte Freitag war besser als man denkt. Der Meinung waren auch ca. 1500 Abonnenten, die jetzt verschwunden sind. Von manchem treuen Werbekunden hat man auch schon lange nichts mehr im Blatt gedruckt gesehen. Der Einzelverkauf kann das nicht auffangen, und die Abo-Zahlen sind eingebrochen — von einem „Wechsel des Abonnenten-Stammes“ kann ich da nichts erkennen.

Wenn man aber über Bezahl-Internet und Strategien mit einer Community diskutiert, muß man „the rest of the story“ ebenfalls mitteilen; das habe ich getan.

Der Freitag wird bei Hi-Media folgendermaßen beschrieben: „DER FREITAG vereint eine optimistische und konsumfreundliche Haltung mit kritischem Qualitätsjournalismus.“ Es tut mir leid, aber das schließt sich gegenseitig aus. Deshalb hatte ich schon unmittelbar nachdem der Verkauf der Zeitung bekanntgeworden war, einen Leserbrief geschrieben, der auch abgedruckt worden war. Der Brief hatte folgenden Wortlaut:

„Als langjähriger Leser und Abonnent bin ich ziemlich besorgt über die Berichte, wonach der Freitag an Jakob Augstein verkauft worden sei.

Immer wieder wird jetzt in den Artikeln über den Verkauf darauf hingewiesen, daß der Freitag seit je praktisch werbefrei ist.

Ich würde Ihnen gerne den Rücken stärken und erklären: Ich wäre auch bereit, etwas mehr für die Zeitung zu bezahlen, wenn die Werbefreiheit erhalten bliebe. Denn das ist der einzige Weg zu einem unabhängigen und damit glaubwürdigen Journalismus. Alles andere wäre ein Irrweg.

Ich hoffe sehr, daß uns der Freitag, wie er ist, erhalten bleibt.“

[…] Gewollt ist ein windschnittiges Blatt, das vorneweg mitsegeln kann, neben der Zeit, dem Stern oder dem Spiegel. Und an denen sieht man auch sehr schön, zu welchen Verrenkungen das führt, wenn man Konsumfreude und Kritik miteiandner verbinden möchte. Mach das mal bei einem Beitrag zu Hartz IV oder zum Koalitionsvertrag. […]

Weil das nicht funktioniert, wenden sich immer mehr ab. Die Abos sind kontinuierlich gesunken, seit dem Relaunch beschleunigt. Ich bin auch bei den 1500 dabei, und ich warte nun ab, wie man mit den Kunden umgehen wird, ob man sie zurückgewinnen will, oder ob man eher die Absicht hat, konsumfreudigere Kunden zu gewinnen. Das fände ich wiederum sehr schade, aber es ist eine unternehmerische Entscheidung.

Und nun sage, bitte, niemand, die Zeitung würde sich aus unternehmerischer Sicht nicht lohnen bzw. hätte sich schon vorher nicht gelohnt. Der Freitag wäre das ideale Projekt gewesen, das man auch nach dem Modell der Blätter oder der taz oder der FAZ (als Stiftung, nämlich) hätte aufziehen können. Das hätte dann natürlich bedeutet, daß man nicht einen Medienunternehmer an der Spitze hätte, der pars pro toto für die Firma öffentlich auftritt und so mehr im Lichte steht als die Zeitung selbst. Denn man sieht nur die im Lichte …

Legendenbildung

… und zwar in der Süddeutschen Zeitung:

„… dieser unglaublich detailversessene Koalitionsvertrag …“

Demnächst mehr in diesem Theater.

Über „die – wenigen – konkreten Punkte und die – zahlreichen – konkreten Leerstellen“ des Koalitionsvertrags, „sprachlich zwischen wolkigen und wabernden Formulierungen schwankend“ bloggt[1] hintergründig der Herr Kollege Oliver Tolmein bei der F.A.Z. Dies nur als Hinweis.

Auch veröffentlicht in der Freitag Community am 27. Oktober 2009.