Die Wikipedia hat heute abend über sich selbst diskutiert

von schneeschmelze

Zur Aufregung der deutschsprachigen Blogosphäre über die ganz normale Löschpraxis in der deutschsprachigen Wikipedia hatte ich schon etwas geschrieben. Worum es dabei geht, ist nicht neu, sondern seit vielen Jahren gängige Praxis, und die ganze Erregung ist deshalb vor allem ein Hinweis auf eine nachholende kritische Auseinandersetzung mit der Wikipedia als Quelle und Medium. Mit der Wikipedia als sozialem Projekt, als „Bewegung“ beschäftigten sich bisher vor allem eine Illustrierte wie der „Stern“ und wenige Autoren wie Günter Schuler 2007 in seinem Buch „Wikipedia inside“, in dem er auch viele Wikipedia-Promis vorstellte. Auch manches, was online abläuft, ist eben nur zu verstehen, wenn man sich die gruppendynamischen Prozesse anschaut, auf denen das für alle sichtbare Ergebnis beruht. So ist die Wucht, mit der die derzeit stattfindende Diskussion abläuft, wahrscheinlich vor allem mit einer sehr weitgehenden unkritischen und emotionalen Identifikation der Netzgemeinde mit dem Wikipedia-Projekt zu erklären.

Heute abend fand zu alledem nun eine Diskussion statt, die von Wikimedia Deutschland veranstaltet wurde, dem Verein hinter der Wikipedia, der die Infrastruktur trägt und der dem ganzen virtuellen Projekt ein reales organisatorisches Fundament gibt. Und über diese Veranstaltung habe ich mich denn doch ziemlich gewundert, weil sie weder dem Anlaß noch dem Selbstverständnis des Wikipedia-Projekts gerecht wurde.

Zunächst fand ich erstaunlich, daß man sich „in der großen Stadt Berlin“ (Erich Kästner) an einem so kleinen und beengten Ort traf: „Das Setting der Wikipedia-Diskussion ist indiskutabel. Hälfte der ‚Teilnehmer‘ ist im Raum nebenan“, schrieb Frank Rieger dazu. Provinziell. Es wurden nur 42 Teilnehmer eingelassen (sic!). Zu Wort kamen vor allem die Diskutanten, die die bereits bekannten Thesen aus ihren Blogbeiträgen wiederholten. Man blieb auffällig unter sich in der Welt des „freien Wissens“. Und die technische Qualität des Video-Livestreams war leider unter aller Kritik. Ohne Kopfhörer war der Ton nicht zu verstehen, weil er viel zu leise ankam. Fefe, der das alles mit angestoßen hatte, aber nicht eingeladen worden war, hat darüber schon sehr schön live und aus der Ferne gebloggt. Anne Roths Statement war für mich noch das originellste. Sie verglich die deutschsprachige Wikipedia mit Indymedia, wo das Mitmach-Web unter anderem mal begonnen hatte. Man kann die Gegenöffentlichkeits-Plattform Indymedia natürlich nicht so ohne weiteres mit der doch sehr mainstreamigen Wikipedia vergleichen, die sich bei ihren Inhalten bekanntlich maßgeblich am sogenannten „neutral point of view“ orientiert. Aber die soziale Komponente sei vergleichbar, meinte Anne Roth. Immer mehr Mitarbeiter strichen die Segel; dadurch steige die Belastung der verbleibenden Admins; die Stimmung im Projekt spanne sich an; normale Nutzer würden vergrault; der Bürokratismus nehme weiter zu; wodurch wiederum mehr Regulars das Handtuch würfen; usw., usf. Been there, seen that.

Indymedia spielt mittlerweile keine große Rolle mehr.

Auch in der Freitag Community, 5. November 2009.