„101 Koffer für die letzte Reise“ in Frankfurt am Main

von schneeschmelze

Der Bestatter Fritz Roth hat eine Wanderausstellung initiiert, die noch bis zum 16. November 2009 in Frankfurt am Main gezeigt wird und danach „vor der Auflösung steht“, wie es im Ausstellungsprospekt heißt. Auf der Projekt-Homepage heißt es dagegen, es gebe noch weitere Termine im nächsten Jahr in Korschenbroich und in Bergheim.

Menschen wurden aufgefordert, einen „Koffer für die letzte Reise“ zu packen, in den all das hinein sollte, was sie auf ihre „letzte Reise“ nach dem Tod mitnehmen möchten. Die Ausstellung soll dazu anregen, sich mit dem Sterben und mit dem Tod auseinanderzusetzen. Roth verschickte 101 Koffer an die Teilnehmer seiner Trauerakademie, eine Handvoll auch an Prominente, und bat sie um Rücksendung. Auf die Veranstaltung war ich diese Woche aufgrund zweier Blogbeiträge[1][2] aufmerksam geworden[3] – natürlich ein Pflichttermin, wenn man am gerade begonnenen Funkkolleg „Religion und Gesellschaft“ des Hessischen Rundfunks teilnimmt.[4]

Wegen der großen Zahl an Ausstellungsstücken, mußte die Ausstellung auf zwei Orte verteilt werden, was nebenbei auch für den ökumenischen Proporz sorgt. Der weitaus größere Teil der Koffer ist im Haus am Dom auf zwei Ebenen zu sehen, der kleinere Rest im Eingangsbereich der Frankfurter St. Katharinen-Kirche. Beide Ausstellungsorte sind in Fußwegweite in der Frankfurter Innenstadt an der Haupteinkaufsstraße Zeil gelegen. Die Katharinen-Kirche liegt direkt an der Hauptwache.

Meinen Ausstellungsbesuch begann ich im Haus am Dom. Die Koffer sind geöffnet auf Pfosten aufgestellt worden, so daß man in sie hineinblicken kann. Sie wurden in einem regelmäßigen Gittermuster neben- und hintereinander plaziert. Die Reihenfolge der Aufstellung sei nicht zufällig. Man habe sich an der Ordnung orientiert, in der die Ausstellungsstücke angeliefert worden seien, erfuhr ich auf Nachfrage. Über jedem Koffer wurde ein Blatt angebracht, auf dem die Teilnehmer des Projekts Gelegenheit bekommen haben, sich selbst (nebst Photo) und ihre Ideen vorzustellen, von denen sie sich bei der Gestaltung ihres Koffers hatten leiten lassen. So bleibt denn auch die Frage „Was wollte uns der Künstler damit sagen?“ in keinem Fall unbeantwortet. Die „Steckbriefe“ sind ebenso individuell ausgefallen wie die Koffer: Die meisten wurden mit der Hand beschriftet, einige mit der Schreibmaschine (sic!), und einige Teilnehmer haben ihr Blatt mit der Textverarbeitung geschrieben.

„Jeder Jeck stirbt anders“, könnte man in Abwandlung eines Mottos aus dem Kölner Karneval sagen, und jeder setzt sich auch mit dem eigenen Tod auf seine ganz eigene Weise auseinander. André Malraux soll gesagt haben, es gebe nicht „den Tod“, sondern immer nur den eigenen, individuellen Tod (« Il n’y a pas la mort, c’est moi qui meurs »), darauf weist uns ein Projektteilnehmer an einer unauffälligen Stelle hin. Trotz alledem kann man beim Betrachten und Abschreiten der Koffer-Reihen sozusagen „Werkgruppen“ bilden, die ähnliche Ansätze zeigen.

Den meisten fällt es offenbar schwer, von der eigenen Vergangenheit und Gegenwart loszulassen. Sie regredieren in ihre Kindheit, entweder indem sie eigene Spielzeuge vorführen oder indem sie die kleine Szene mit kindlichen Motiven bespielen. Oder sie packen ihr allzu produktives Leben ein, indem sie den Laptop oder den Terminkalender auch noch mit ins Jenseits nehmen möchten. Einer treibt es dandyhaft sogar so weit, bitteschön nicht ohne Smoking und Zahnbürste Abschied nehmen zu wollen. Andere wählen Blumenmotive oder beziehen sich auf literarische Texte, von Adorno, Proust und Kafka bis hin zu Harry Potter, vielleicht auch in Anspielung auf Jorge Luis Borges‘ Satz, das Paradies habe er sich immer als eine Art Bibliothek vorgestellt. Auch John Irving kam mehrmals vor. Einmal auch Sartres „Das Spiel ist aus“. Öfter auch die Bibel, natürlich. Teilweise wird man auch mit dem einschlägigen Meditations-Kitsch konfrontiert. Und viele lassen ihren Koffer ganz leer, was die meisten von ihnen mit der etwas altbackenen Aussage begründen, das letzte Hemd habe bekanntlich keine Taschen. Tatsächlich wird uns in einem Koffer ein solches Hemd gezeigt, von dem die Brusttasche entfernt worden ist, die Nähte erscheinen wie eine Wunde. Sehr viele Teilnehmer füllen den Koffer mit Photos ihrer Lieben, was auf Trennungsängste für den Todesfall hinweist. Am besten gefallen hat mir der Koffer von Frau Heidorn, in dem ein knochiger Totenschädel und zwei Gerippe-Hände liegen, die nicht zum Abschied, sondern eben zur Begrüßung – in der neuen Welt, sozusagen – leise Servus sagen, was als Schriftzug auf einem roten Tuch geschrieben steht, mit dem das Gerippe dem Betrachter fröhlich zuwinkt. Huhu!

Natürlich gibt es auch die enfants terribles, in diesem Fall sind es zwei Promis. Gunther „Körperwelten“ von Hagens füllt seinen Koffer mit einem Schweinchen und weiteren Plastinaten und erklärt dazu, er wünsche sich nach seinem Tode nicht beerdigt, sondern plastiniert zu werden, weil er die Plastination für die modernste Form der Bestattung halte. High tech. Und Franz „Sonnenseite“ Alt erklärt in einer E-Mail mit schneidender Eiseskälte, es wundere ihn nicht, daß sein ursprünglicher Entwurf für den Steckbrief zu seinem leeren Koffer sowohl auf seinem Rechner als auch auf demjenigen des Empfängers nicht mehr aufzufinden sei. Mit dem ganzen Projekt könne er sowieso nicht viel anfangen. So sei das eben. – Dies sind aber Ausnahmen.

Der Besuch der Ausstellung macht nachdenklich und ist daher nachdrücklich zu empfehlen. Der Kontrast zur umliegenden Kommerzwelt der Frankfurter Zeil könnte nicht größer sein und wird als beinahe unerträglich empfunden.

Haus am Dom und St. Katharinen-Kirche in Frankfurt am Main bis 16. November 2009. Eintritt frei. – Auch: Blogbeitrag, Freitag Community, 12. November 2009.