Aus gegebenem Anlaß

When forty winters shall besiege thy brow,
And dig deep trenches in thy beauty’s field,
Thy youth’s proud livery, so gaz’d on now,
Will be a tatter’d weed, of small worth held;
Then being ask’d where all thy beauty lies,
Where all the treasure of thy lusty days,
To say, within thine own deep-sunken eyes,
Were an all-eating shame and thriftless praise.
How much more praise deserv’d thy beauty’s use,
If thou couldst answer ‚This fair child of mine
Shall sum my count, and make my old excuse,‘
Proving his beauty by succession thine!
   This were to be new made when thou art old,
   And see thy blood warm when thou feel’st it cold.

Shakespeare verwendet in seinem zweiten Sonnett eine Kriegsmetapher („dig deep trenches“), um den Kampf der übermächtigen („forty winters“) Zeit gegen die Jugend zu beschreiben. Die Zeit erkläre der Jugend gleichsam den Krieg und durchziehe das „Feld“ der Schönheit gnadenlos mit tiefen Gräben, die alles Schöne verloren gehen ließen. Die Zeit sei ein übermächtiger Belagerer, je länger sie dauere, desto mächtiger (zahlreicher) werde sie. Das Älterwerden als Stellungskrieg. Dessen Wirkung ist unausweichlich. Trost hiergegen verspreche allein die Fortpflanzung, die Freude über die gedeihende Nachkommenschaft, in der das Schöne, an das man sich aus dem eigenen Leben erinnere, weiterlebe. So könne man älter werden und schließlich sterben („when thou art old,| … when thou feel’st it cold“). Was für ein merkwürdiges Bild.

2 Kommentare zu „Aus gegebenem Anlaß“

  1. Wenn ich daran denke, wie ältere Menschen die Themen Alter und Zeit bewerten, dann scheinen die Bewertungen Shakespearces gar nicht mal so merkwürdig zu sein wie man ansonsten im ersten Moment denken mag. Aber natürlich gibt es immer mehr als einen denkbaren Standpunkt, wenn es um dermassen komplexe Begrifflichkeiten geht wie Zeit und (das eigene) Alter.

  2. Eben. Jede Verallgemeinerung ist auf ihre Weise problematisch. Deshalb habe ich ja auch versucht, den Text aus sich selbst heraus zu verstehen. Man könnte die Zeit beispielsweise auch noch als Begleiter sehen, der mich hier und dorthin führt, statt als kriegerischen Gegner. Der Kampf, den Shakespeare hier zeichnet, geht vom Adressaten aus, der schon von vornherein in Uniform gekleidet daherkommt und so der Zeit entgegentritt. Dabei muß ein Kampf entstehen, und dann ist es auch klar, wer ihn gewinnt. Die Zeit kann dann kein Begleiter oder Helfer, Förderer sein, sondern sie ist ein Feind, an dem man notwendig scheitern muß.

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