Der Volks-Brockhaus, die Wikipedia und „der Markt“

Der Unmut über die Relevanzkriterien der Wikipedia ist derzeit beträchtlich.[1][2][3] Die Wellen schlagen hoch. Die Identifizierung mit der „freien Enzyklopädie“ ist erheblich. Und nun merkt der bisher unkritische Benutzer, daß „frei“ nicht bedeutet: „alles drin“. Ein großer Gewinn an „Medienkompetenz“ für die Betroffenen. Nun will man nicht nur miteditieren, sondern auch mitreden. Und merkt, daß über die „Relevanz“ von Artikeln in der Wikipedia nicht nur abgestimmt wird, sondern daß man dabei auch, wie bei jeder anderen Abstimmung, zur Minderheit gehören kann, was der Verbreitung der jeweils eigenen Weltsicht bisweilen empfindlich im Wege steht.

Der „Volks-Brockhaus“ war früher die einbändige Ausgabe des Lexikons mit dem großen Namen, die man dem „Volke“ an die Hand gab, auf daß es diesem zum Vorteil gereiche. Es gibt ihn noch immer, heute heißt er: „Der Brockhaus im einem Band“. Es ist sozusagen eine Schmalspur-Version der großen Enzyklopädie, die kein Stichwort, keine Definition, keine Abbildung zuviel enthält und die ihre Benutzer deshalb auch immer unzufrieden zurückläßt. Die Wikipedia hat sich bisher zwar auch zu einer Art Volksausgabe gemausert, versprach aber immer auch genau das Gegenteil des Volks-Brockhaus zu bieten: Ausführlichkeit, Verständlichkeit und vor allem Inhalte, die leicht an den Bedarf der Benutzer anzupassen waren. Das alles getragen von einer gemeinnützigen Stiftung und unter dem Schutzschirm einer freien Lizenz, weitgehend durch Spenden finanziert. Wer hier etwas beiträgt, schafft ewig „freies Wissen“. Und zwar sowohl im Sinne von „Freedom“ als auch im Sinne von „free beer“.

Aber eben nicht Wissen beliebigen Inhalts. Das Wikipedia-Projekt einigte sich im Laufe der Zeit, alle Inhalte nur von einem „neutralen Standpunkt“ aus zu beschreiben. Darüberhinaus sollten die Inhalte aber auch für ein Lexikon „relevant“ sein, es solle ihnen also eine gewisse Bedeutsamkeit zukommen. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange man diese Vorgaben im Zweifel weit auslegt und eher ein Stichwort oder eine Erläuterung zuviel als zuwenig in den Wikipedia-Korpus aufnimmt und solange diese Kriterien sich an „rein inhaltlichen“ Gesichtspunkten ausrichten, die „der Sache“, einer Wissenssammlung nämlich, dienen.

Problematisch ist hierbei ein anderer Aspekt, dem bisher in der Diskussion noch keine Bedeutung beigemessen worden ist. Die Wikipedia ist nämlich schon längst keine unschuldige gemeinnützige Versammlung von Autoren mehr, sondern sie ist auf dem besten Weg zu einem potentiell profitablen Unternehmen. Der mehrsprachige Textkorpus ist nicht nur mittlerweile überraschend gehaltvoll geworden, er hat sich auch zu einem ökonomischen Gut entwickelt, jedenfalls seitdem die proprietären Online-Lexika „abgeschaltet“ worden sind und der gedruckte Brockhaus – beziehungsweise „die Marke ‚Brockhaus‘ an Bertelsmann verhökert wurde. Nun, wo die Wikipedia konkurrenzlos als Platzhirsch auf der Lichtung erscheint, wird deutlich, daß sie und Google (sowie die anderen Suchmaschinen) ein Such- und Wissens-Oligopol im Internet bilden (manche sprechen von einem Quasi-Monopol). Google listet bei den meisten Suchergebnissen mindestens einen Wikipedia-Treffer unter den ersten zehn Nachweisen. Wikimedia arbeitet schon seit längerer Zeit an der Vermarktung der Wikipedia. Es werden Gespräche mit der VG Wort über die Vergütung für Texte im Internet geführt. Die Zugriffszahlen sind schließlich erheblich. Wie die Vergütung aussehen könnte, ob die zu erwartenden Zahlungen an den Verein Wikimedia Deutschland oder an die jeweils an den Artikeln beteiligten Autoren gehen würden, ist noch offen. Denkbar wäre auch eine Ausschüttung nur an diejenigen Autoren, die mindestens einen bestimmten Anteil des Texts beigesteuert hatten. Das wären dann sozusagen die „relevanten“ Autoren, während die reinen Korrekturleser, die nur wenige Bytes ändern, unter den Tisch fielen.

Spätestens dann, wenn Wikipedia genauso wie andere „Content-Anbieter“ im Netz auf die Zugriffszahlen achten müßte, um sich neben den Spendeneinnahmen ein weiteres finanzielles Standbein zu verschaffen, würde neben das „rein inhaltliche“ Relevanzkriterium ein wirtschaftliches treten. Genaugenommen ist die Schaffung strenger exkludistischer Relevanzkriterien eine Vorwegnahme von kommerziellen Kriterien der Vermarktbarkeit, die alles ausschließt, was „zu extrem“, randständig oder nur für Minderheiten von Interesse ist, die keine „Quote“ und damit auch keine oder jedenfalls voraussichtlich geringere Einnahmen einbringen würden als die Maintream-Inhalte.

Um es deutlich zu sagen: So weit ist es noch nicht. Daß es dazu käme, wäre aber nicht auszuschließen und meines Erachtens eine plausibele Entwicklung. Durch die sich die Volks-Wikipedia dann endgültig zu einem marktgängigen Produkt mausern könnte. Die dazu nötigen organisatorischen Strukturen wären natürlich noch zu schaffen. Aber das wäre leicht. „Wissen Sie:| Es bestand Interesse daran, daß Geld einkam“ (Brecht, Zum Lesebuch für Städtebewohner gehörige Gedichte, Nr. 10, in: Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band, 1981 [6. Auflage 1990], S. 285).

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