„Die Krise“ – literarisch, soziologisch und ökonomisch betrachtet

von schneeschmelze

Die 37. Frankfurter Römerberggespräche fanden gestern zum Thema „Die Krise des Überblicks. Prognosen, im Sturm der Ereignisse“ wiederum im Chagallsaal des Schauspiel Frankfurt statt. Die Ankündigung auf der Website des Vereins versprach kritische Fragen und Reflexion der gegenwärtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage, die allenthalben nur als „die Krise“ bezeichnet wird und von der keiner wirklich verstanden hat, wie sie denn nun eigentlich entstanden war und wie mit ihr sachverständig umzugehen sei.

Wie immer, traf ich erst nach der Mittagspause ein, denn mein Samstagvormittag ist mir heilig, den opfere ich alljährlich nur für eine regelmäßig wiederkehrende Veranstaltung, nämlich für die Buchmesse. Nachdem das Schauspiel beim letzten Mal so gut besucht war, daß manche Teilnehmer keinen Sitzplatz mehr fanden, ging es dort heute eher entspannt zu. Trotzdem war der Saal voll besetzt.

Die Schriftstellerin Kathrin Röggla trug einen Auszug aus ihrem Essay „Gespensterarbeit, Krisenmanagement und Weltmarktfiktion“ vor, in dem sie den Ablauf und die Szenen „der Krise“ mit den Mitteln der Theater- und Filmkritik zu beschreiben versuchte. Die Abläufe seien jedenfalls nicht mehr mit den Mitteln eines Shakespeareschen Dramas zu beschreiben. Viele Narrative gebe es, die nebeneinander träten und die alle gleichberechtigt zu beachten seien.

Der Münchener Soziologe und bekennende Unternehmensberater Armin Nassehi stimmte letzterem zwar grundsätzlich zu, bestritt aber, daß es sich bei „der Krise“ um einen Ausnahmezustand handele. Sie sei vielmehr der Normalzustand der modernen Gesellschaft – was uns genaugenommen nicht weiter überrascht. Für den Umgang mit krisenhaften Situationen könne man „von der Kunst lernen“. Der fachbezogene Zugang zu den verschiedenen Aspekten problematischer Lagen reiche nicht aus, weil jede Disziplin nur ihren jeweils eigenen Gegenstand untersuche. So arbeitete er sich bis zu dem Aperçu vor, die Bankmanager hätten doch auf ihrem Gebiet durchaus gut gearbeitet, auch und gerade angesichts ihrer rein fachbezogenen und völlig bornierten Weltwahrnehmung – was er natürlich in seiner eloquenten Art wesentlich freundlicher ausdrückte. In diesen Kreisen werde man dafür bezahlt, sich die Chefetage als etwas völlig Losgelöstes vorstellen zu können, ohne die geringste Vorstellung von der restlichen Welt einschließlich des eigenen Unternehmens zu haben.

Als ein Beispiel für die Vielgestaltigkeit der Problemlagen nannte er das seit langem diskutierte DESERTEC-Projekt, bei dem es darum geht, Strom aus erneuerbaren Energien in Nordafrika sowie im Nahen Osten zu erzeugen, um damit den europäischen Bedarf zu decken. Dieses Vorhaben sei technisch gesehen kein Problem, werfe aber sehr viele kulturelle und gesellschaftlich relevante Fragen auf, insbesondere welche gesellschaftlichen Gruppen in den dortigen Ländern von dem Projekt profitierten und wie sich der Westen hierzu stelle, so daß beide Seiten dabei ihr Gesicht wahren könnten.

Nassehi vertrat die Ansicht, die Kunst, die Ästhetik könne hier vermittelnd auftreten. Jedes wissenschaftliche Fach betreibe mit dem ihm eigenen „Narrativ“ nur eine Verdoppelung, eine Abbildung der Welt. Die Kunst aber führe jedem jederzeit die Kontingenz ihrer Konstruktion vor Augen. In der Kunst – er wies auf den Chagall, der den Saal beherrschte – sei es offenbar, daß jeder Pinselstrich auch anders hätte ausgeführt werden können; bei der Betrachtung des Kunstwerks sei dieser Einwand aber ganz abwegig.

Unklar blieb dabei indes, wie sich Nassehi die Rolle der Ästhetik bei ökonomischen oder politischen Entscheidungen konkret vorstelle. Auf die Nachfrage aus dem Publikum, ob die Ästhetik für ihn eine Art Metasystem im Verhältnis zu anderen sozialen Systemen sei und welche Kriterien man ihm für die Praxis entnehmen könne, gab der Soziologe nur ausweichend Antwort. Er blieb letztlich leider in seiner eigenen Fachterminologie gefangen und somit vage. Insbesondere wollte er die Funktion der Ästhetik für den Umgang mit Krisen nicht näher beschreiben. Es ist naheliegend, daß Nassehi – in der Ausdrucksweise der 1980er Jahre – schlicht für einen interdisziplinären Ansatz plädiert haben dürfte.

Harald Welzer, Sozialpsychologe am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, wies zunächst einmal darauf hin, daß „die Krise“ bisher erstaunlich wenig Auswirkungen auf unser tägliches Leben gezeigt habe. Alles laufe so weiter wie zuvor. Die Bahnen führen pünktlich, die Läden seien mit Waren gefüllt, wer vorher einen unsicheren Arbeitsplatz gehabt habe, dem gehe es nun nicht wesentlich schlechter, und wer vorher einen sicheren Arbeitsplatz innegehabt habe, habe diesen auch weiterhin.

Er beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem in der Krise verlorengegangenen Vertrauen und den Unterschieden bei dem Versuch, sich in krisenhaften Situationen neu zurechtzufinden. Deutschland unterscheide sich dabei von anderen Ländern insoweit, als hier eine ausgesprochen starke Fixierung auf die glorreiche Vergangenheit von Wirtschaftswunder und Nachwendezeit festzustellen sei. Politiker und Manager versprächen deshalb vor allem, die Gesellschaft und die Unternehmen wieder wieder zu den früheren, als vorteilhaft in der Erinnerung verbliebenen Verhältnissen zurückzuführen, was sie für möglich und auch für wünschenswert hielten. In anderen Ländern sei dagegen eine grundlegend andere Haltung festzustellen. In Südkorea beispielsweise sei man sehr stark zukunftsorientiert. Man stelle sich vor, daß, um es mit Brecht zu sagen, alles Neue besser sei als alles Alte. In Korea sei man etwa nicht auf die Idee verfallen, die Autoindustrie besonders zu stützen, dort baue man lieber die öffentlichen Verkehrsmittel mit staatlichen Investitionen aus, als auf die veralteten Individualverkehrskonzepte der Nachkriegszeit zu setzen. Man denke sich Neues aus, statt auf alte Entwürfe, die sich längst als problematisch und brüchig herausgestellt hätten, zurückzugreifen.

Das Hauptproblem sah Welzer in der auf lange Sicht stagnierenden Wirtschaft. Die Globalisierung habe dazu geführt, daß die westliche Wirtschaftsweise nicht mehr funktioniere, die auf einer stetigen Bereicherung „von außen“, auf der Zuführung von Energie und Gütern auf Kosten Dritter beruhe. Wenn alles eins werde, gebe es kein „innen“ und „außen“ mehr. Alles werde in seiner Endlichkeit erkennbar, und in einer endlichen Welt könne es kein unendliches Wachstum geben. Dagegen ist zwar einzuwenden, daß es sich auch hierbei um keine ganz neue Erkenntnis handeln dürfte, sie wird aber angesichts der Globalisierung nun sehr schnell praktisch bedeutsam und auch unausweichlich. Die einzige Dimension, in die hinein man nun noch „wachsen“ könne, sei, so Welzer, die Zeit. Alles, was nun unternommen werde, um das wirtschaftliche System zu stabilisieren und um es wieder anzustoßen und zum Wachsen zu bringen, laufe deshalb darauf hinaus, Belastungen insbesondere in der Form von Krediten zu schaffen, die auf Kosten der nachfolgenden Generationen geschaffen würden. Die eigentliche Spaltung der heutigen Gesellschaft bestehe nicht zwischen Reichen und Armen, sondern sie liege vor allem zwischen den Alten und den Jungen. Das betreffe nicht nur die Lebenschancen, wo schon längst niemand mehr davon ausgehen könne, daß es den Kindern einmal besser gehen könne als ihren Eltern, sondern es betreffe auch die Einstellung der Generationen zu gesellschaftlichen Fragen und ihr praktisches Verhalten, bis hin zur Teilnahme an Wahlen, die bei den Jüngeren immer mehr zurückgehe.

Unter Rückgriff auf den Hauptbegriff, der über diesem Nachmittag lag, könnte man hinzufügen: Was dieser Gesellschaft fehlt, wäre mithin der Narrativ einer Gesellschaft, die in jeder Hinsicht nicht mehr wächst. Er wäre noch zu schreiben.

Es folgte das sehr faktenreiche Referat von Martin Hellwig, dem Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern. Der einzige Ökonom auf dem Podium wies darauf hin, daß die Verwerfungen, die später zum Zusammenbruch zahlreicher Banken führten, schon früh angelegt und spätestens seit August 2007 vorhersehbar waren. Auslöser sei nicht der Zusammenbruch von Lehmann Brothers gewesen, sondern im Falle der Sächsischen Landesbank habe es daran gelegen, daß langfristige Verpflichtungen, die das Eigenkapital bei weitem überstiegen, mit kurzfristigen Krediten finanziert worden seien. Die weiteren Maßnahmen seien dann getroffen worden, weil sich der Bund letztlich aus innerparteilichen Rücksichten innerhalb der CDU nicht mit den Ministerpräsidenten habe anlegen wollen. Die Landesbanken seien so stark überschuldet gewesen, daß sie grundsätzlich vom Bund hätten übernommen werden müssen. Die Hypo Real Estate sei zudem im Auftrag der Bayerischen Landesregierung mit Altschulden aus der Aufbauzeit Sachsens belastet gewesen, die ohnehin mit einer gewissen Notwendigkeit früher oder später zu deren Zusammenbruch hätten führen müssen. Hellwig widersprach Welzer insoweit, als er darauf hinwies, daß nicht erst die nächste Generation, sondern bereits diese durch die insoweit getroffenen falschen politischen Entscheidungen erheblich belastet würden. Dabei handele es sich auch nicht um Peanuts. Das Land Bayern stütze die Bayerische Landesbank mit 10 Milliarden Euro, während die Investitionen in Deutschland für Straßen, Schulen und andere langfristige Anlagegüter insgesamt bei ungefähr 30 Milliarden Euro lägen.

Die Wahrnehmung von Hellwigs Vortrag litt etwas unter der spätnachmittäglich nachlassenden Aufmerksamkeit des Publikums und unter seiner ökonomischen Faktenlastigkeit, war dessenungeachtet aber ein wichtiger Impuls in der ansonsten geisteswissenschaftlich-hermeneutisch dominierten Debatte.

Sowohl Nassehi als auch Welzer verbaten sich übrigens vorschnelle Zustimmung aus dem Publikum zu ihrer Gesellschaftskritik. Welzer wies mehrmals darauf hin, daß doch alle Anwesenden in der einen oder in der anderen Weise mit den zu kritisierenden Verhältnissen sich arrangieren müßten. Alle seien als Anleger, Sparer, Verbraucher, Arbeitnehmer, als Selbständige oder als Wahlbürger in das gesellschaftliche und wirtschaftliche System eingebunden und profitierten davon in der einen oder in der anderen Weise. Seiner Kritik an den bestehenden Verhältnissen zuzustimmen, sei deshalb wohlfeil. Es liegt auf der Hand, daß die Meinung Welzers „es geht uns allen gut und wir sitzen alle im selben Boot“ einseitig aus der Sicht der bürgerlichen Mittelschicht formuliert ist. Wer von prekären Beschäftigungsverhältnissen betroffen ist und wer von sozialen Transferleistungen abhängig ist, kann durchaus eine Veschlechterung seiner Lage festellen, die offenbar an der der Mittelschicht unerkannt vorbeigegangen ist, denn insoweit regte sich kein Widerspruch, weder auf dem Podium noch im Publikum, das übrigens auch erstaunlich still blieb, als ein Besucher in der Diskussion mehr Gehör für Außenseiter „wie zum Beispiel Thilo Sarrazin“ forderte, dem man zuhören solle, weil er Vorschläge zur Bewältigung der Krise zu geben habe. Nur ein Zwischenrufer wandte sich dagegen, ausgerechnet Sarrazin, der jüngst mit ausländerfeindlichen Äußerungen und mit Ansichten, die sich gegen angeblich zu umfangreiche Leistungen für Arbeitslose aufgefallen war, ein Podium zu geben.

Insgesamt waren aber auch diese Römerberggespräche wieder eine auf hohem Niveau geführte „Intervention“, die von dem hr2-Redakteur Alf Mentzer souverän und engagiert moderiert wurde. Man nimmt viele Eindrücke mit, die bei der Einschätzung der weiteren Entwicklung „der Krise“ und des Umgangs mit ihr ganz sicherlich hilfreich sein werden.