Blogger sind billiger

von schneeschmelze

Ich hatte mein Blog bei der einstigen Ost-West-Wochenzeitung Freitag, die sich seit Anfang des Jahres „das Meinungsmedium“ nennt, ja vor kurzem geschlossen, aus Skepsis über den Weg, den der neue Herausgeber Jakob Augstein dem Blatt vorgegeben hat. Der Freitag-Autor Thomas Rothschild schreibt nun in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Ossietzky sehr offen darüber, „Wie der Freitag abgewickelt wird“ (Ossietzky 24/2009, S. 917 ff.). Er dokumentiert darin einen Text, den er der Redaktion im Juli 2009 zur Veröffentlichung angeboten hatte, und in dem er, kurz gesagt, prognostiziert, daß der professionelle Journalismus seine Zukunft schon hinter sich habe:

„Wie Heimwerker mit Hilfe der Baumärkte die professionellen Handwerker von einst, so werden Amateurschreiber Journalisten ersetzen, die ja schon bisher nur in Ausnamefällen eine einschlägige Ausbildung hatten. Wenn es möglich ist, durch Laien eine Enzyklopädie zu erstellen, die den Brockhaus aus den Gleisen wirft – wie sollte es da ein Problem sein, Zeitungen oder Rundfunksendungen mit Beiträgen von Laien zu füllen?“

Rothschild beschreibt eingehend und mit wörtlichen Zitaten die Korrespondenz mit dem zuständigen Kulturredakteur, die im wesentlichen in einer selbstvollfüllenden Prophezeihung endet, denn dieser antwortet ihm tatsächlich:

„… als ich nicht einsehe, warum ich (sic!) Ihnen Geld bezahlen soll für Betrachtungen, die andere (wenn auch nicht immer in der Qualität) bloggen.“

Rothschild sagt dem Freitag aufgrund seiner Erfahrungen voraus, er werde „über kurz oder lang verschwinden, weil er so, wie er nun zugerichtet wurde, keine Funktion mehr erfüllt“. Augsteins Ziel sei die Abwicklung eines linken Projekts. Der Ausbau der Online-Präsenz und der Aufbau der Freitag Community seien hierzu nur „ein Ablenkungsmanöver“ gewesen. Mittlerweile seien sogar die unsozialen Ansichten des Fernsehphilosophen Sloterdijk und des zu recht umstrittenen SPD-Politikers Thilo Sarrazin in der Zeitung begrüßt worden (was ich nicht gelesen habe).

Ich teile den Inhalt dieses Beitrags, der demnächst auch im Online-Archiv des Ossietzky nachzulesen sein wird, mit, damit er nicht ganz untergeht, denn es handelt sich bei Ossietzky um eine kleine Zeitschrift, die – meines Erachtens zu unrecht – wesentlich weniger Öffentlichkeit genießt als der immer noch mittelgroße Freitag. Man weiß natürlich nie, was hinter solchen Scharmützeln zwischen Redaktion und Autor sonst noch stecken mag. Wenn die Angaben Rothschilds aber stimmen sollten – und warum sollte das nicht der Fall sein? –, so würden sie jedenfalls einen Einblick in den derzeitigen Normalbetrieb des Kulturjournalismus gewähren. Außerdem ist Rothschilds Text vom Juli 2009 inhaltlich vollkommen zutreffend und gut nachvollziehbar. Er hat darin den Abbau an journalistischer Qualität auf den Punkt gebracht und dabei gut adornitisch vor seiner eigenen Tür gekehrt.

[Update:] Christian Sickendieck hat den Beitrag ebenfalls kommentiert: „Der Freitag hat sein Herz verloren.“

[Update 2:] Der Beitrag ist zunächst im Ossietzky-Archiv bei Sopos im Volltext veröffentlicht worden. Christian Sickendieck hat hierfür wiederum deutliche Worte gefunden: „Den Freitag, den viele Menschen lieben und schätzen gelernt haben, gibt es nicht mehr. Stellt sich die Frage, ob das Nachfolgeprodukt mehr Leser findet, als der Vorgänger. Ich wage das zu bezweifeln. Vielleicht irre ich mich aber auch. Die Journalisten-Resterampe, die sich dort Community nennt, wird das Produkt jedenfalls nicht tragen…“

[Update 3:] Michael Angele und Jakob Augstein haben in der Freitag Community auf den Beitrag von Thomas Rothschild erwidert.