Frank Schirrmacher, Payback, bei Seite 90

Weitergelesen. Unverändert weiter im Text. Ab Seite 69 werden die Kapitel etwas ausführlicher. Eine neue Stanford-Studie zu den Schäden durch „Multitasking“ bei der Arbeit wird vorgestellt, die für den Autor von zentraler Bedeutung ist. Man könnte sagen, er habe sein ganzes Buch um diese Studie herumgeschrieben. Nebenbei erfährt man auch, daß wohl Nicholas Carrs „Macht Google uns dumm?“ vor einem Jahr der Auslöser für dieses Buch gewesen sein dürfte. Es wird suggeriert, das Aufkommen der Vorschlagssysteme könnte langfristig ähnliche Folgen haben wie die Einführung des Taschenrechners: In beiden Fällen könnten Fähigkeiten (hie Kopfrechnen, da Auswahlkompetenz) verloren gehen. Und der Absturz der Raumfähre Columbia 2003 sei auf eine zustark vereinfachende Powerpoint-Präsenation zurückgegangen. Andererseits immer wieder peinliche Schreibfehler, von „SMS, E-Mails, Feeds, Tweeds“ bis „Youtube“. Die Rolle der Blogosphäre wird erstmals und abschließend auf Seite 61 erwähnt: „Im Netz gibt es Blogs und geschriebene Gedanken, Lichtblicke und Geistesblitze von großer literarischer Qualität.“ Nur könne man das leider gar nicht alles aufnehmen, trotz Suchmaschinen & Co. Und deshalb geht es auch hier gleich weiter mit etwas ganz anderem.

Schirrmacher hat weiterhin kein Intesse an einer Vertiefung. Er erzählt staccatoartig und oberflächlich, wirft dem Leser ein Zitat und eine Studie nach der nächsten gleichsam an den Kopf. Er hat recherchiert, vieles hat er von Autoren vorab oder durch persönliche Mitteilung erfahren. Aber die gründliche Diskussion der sich aus dem allem ergebenden Probleme fehlt völlig. Auf Seite 60 erfährt man, „der kognitive Veränderungsdruck, den das Internet-Zeitalter auf die Menschheit ausübt, ist gewaltig und wird am Ende nur vergleichbar sein mit einer ganzen Kaskade einstürzender Weltbilder, gerade so, als erschienen in kurzen Abständen gleichzeitig Gutenberg plus Marx plus Darwin auf der Bildfläche.“ Offen bleibt, was das im einzelnen bedeuten mag und was die Folgen sein werden, wenn „Gutenberg plus Marx plus Darwin“ im Verein auftreten – das wäre ja durchaus eine ziemlich disparate Versammlung. Aber es geht ohne Übergang sofort weiter mit dem Wechsel vom medialen Sender-Empfänger-Modell zum Mitmach-Web 2.0. „Man muß fair sein, um nicht in den Verdacht des Technik-Pessimisten zu geraten“ (ebenda).

Für Schirrmacher gibt es nur drei wirklich wichtige Ideologien: „Taylorismus … Marxismus und Darwinismus“. Sie hätten „das Leben der Menschen in den letzten zwei Jahrhunderten bis heute am nachhaltigsten verändert“ (S. 19). Das wird apodiktisch festgestellt, aber nicht begründet. Und wie steht es im Vergleich dazu mit dem Kapitalismus? Dem Historismus? Den Religionen? Dem Skeptizismus? Mit der Lehre Sigmund Freuds? Oder mit dem Faschismus?

Es ist weiterhin ein unbefriedigendes Buch, das sich jeder Theorie, aber auch jeder tiefergründigen Problematisierung verweigert. Dazu hätte man wohl doch etwas länger nachdenken müssen.

3 Kommentare zu „Frank Schirrmacher, Payback, bei Seite 90“

  1. Ich gestehe, dass Frank Schirrmacher und sein in Buchform vorliegendes Werk mich geradezu generell ein wenig nervt. Er sucht sich Themen, die Zeitgeist sind oder die man mithilfe der Maschinerie der FAZ und befreundeten Medien hypen kann und produziert auf diese Weise seine Bestseller. Mir ist bis heute kein einziger neuer Gedanke bekannt, den er zu den jeweiligen Diskussionen beigetragen hat. Im Gegenteil begnügt er sich ausnahmslos damit, den letzten (an sich schon bekannten) Diskussionsstand aufzubereiten und seine eigenen, nicht selten unausgegegorenen Gedanken, anzufügen. Eine sachlich argumentative Abwägung findet bestenfalls bruchstückhaft statt.

    Ich erinnere mich noch gut, wie Schirrmacher seinerzeit Ende der 1980er Jahre von seinem Ziehvater Marcel Reich-Ranicki als dessen Nachfolger die Leitung der Redaktion »Literatur und literarisches Leben« bei der FAZ aufgebaut wurde. Da kam ein Persönchen ohne jeden Leumund in beinahe jugendlichem Alter auf die Bühne des großen Feuilletons. Er war und ist ein gescheiter Mensch. Das will ich hier deutlich sagen. Leider fehlt ihm bis heute das, was ich eine Haltung nenne. Schirrmacher verbreitet einen Konservatismus, der nicht hinterfragbar ist, weil er sich in Diskussionen stets auf Allgemeinplätze zurückzieht, die quasi unangreifbar sind.

    Zurück zu Payback. Ironischerweise scheint mir der Autor genau dem zum Opfer zu fallen, was er an der Szene kritisiert: er verallgemeinert und scheint dabei oftmals die Eigenarten und Gesetzmäßigkeiten der jeweiligen Szene gar nicht zu erfassen (oder will er sie gar nicht zur Kenntnis nehmen, weil sonst seine Argumentationsketten nicht greifen würden?). Auf diese Art und Weise ist das Buch jedenfalls voll von objektiven Fehlern und dabei meine ich keinesfalls die orthografischen Fehler, über die ich eigentlich hinwegsehen will. Aber, natürlich sagt es schon etwas aus über ein Buch, wenn es mit dermaßen vielen Druckfehlern in die Buchläden gehen darf. Ich sage mal ganz ketzerisch: Weihnachtsgeschäft schlägt Gründlichkeit.

  2. Hm. Ich dachte mir schon: Er scheitert am Thema Internet wie an jedem anderen Thema, das er bearbeitet hatte, auch. Ich weiß ja nicht, was auf den restlichen 130 Seiten noch kommt. Bisher hat er noch nicht einmal den Versuch unternommen, sich mit dem medientheoretischen Texten auseinanderzusetzen, die es bisher dazu schon gibt. Er ignoriert sie einfach. Er dreht sich um sich selbst. Er genügt sich selbst. Es gibt nur ihn selbst und die Handvoll Leute, denen es bei den Vorarbeiten zu dem Buch begegnet ist. Dabei kann nichts Besseres herauskommen. Es muß enttäuschend sein.

  3. Ich habe ebenfalls den Eindruck, dass er sich quasi selbst genügt. Aber natürlich muss man auch sagen: er inszeniert sich in einer gewissen Mikro-Szene und generiert daraus die Anfangsnenergie, die es braucht, um ein Buch zu einem Bestseller zu machen. Das scheint mir der Anfang und das Ende allen Denkens und Handelns zu sein. Schlußendlich ist das aber auch genau die Stelle, die mich ihm gegenüber misstraurisch macht. Da ist kein Spirit, da ist keinerlei Grundüberzeugung für oder gegen etwas. Da ist auch keine wirkliche Bereitschaft zu erkennen, in einen ergebnisoffenen Diskurs zu treten. Da ist nur ein Gedanke: Ich will Erfolg haben (wie auch immer sich dieser Erfolg konkret definieren lässt).

    Disclaimer: Ich halte mich für einen Anhänger vieler neuer Gedanken im Zusammenhang mit Sovial Media. Und ich muss aktuell attestieren, dass nach einer geradezu berauschenden Anfangsphase sich viele Beobachter und Teilnehmer schon längst wieder in eine Konsumenten-Rolle zurückgezogen haben. Die Wirtschaftskrise (in den Verlagshäusern aber eben auch in der freien Wirtschaft) lässt viele von uns oft in alte Denk- und Handlungsmuster zurückfallen. Es wäre toll, wenn das wirklich mal diskutiert würde. Das wäre ein Zeichen von Entwicklungs- und Reiesprozessen. Payback leistet dazu aber keinerlei Beitrag. Leider ..

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