Von Löschanträgen, Admins und Mentoren

Die Schnellöschung eines Artikels in der deutschsprachigen Wikipedia hat Björn Höhrmann nacherzählt. Eine notwendige Aufklärung über die Gruppendynamik hinter dem Online-Lexikon, die ich unkommentiert wiedergebe:

„Hallo.

Als ich vor rund sechs Jahren meine ersten Erfahrungen mit der Wiki-
pedia machte, hab ich das Konzept so verstanden, dass dort kollaborativ
ein universelles, freies, digitales Nachschlagewerk entstehen soll, in-
dem jeder ein bisschen beisteuert. Ich hab meinen Soll dort erfüllt und
über die Jahre immer mal wieder minimale Verbesserungen eingebracht und
Unsinnsänderungen entfernt, und mich nicht weiter interessiert dafür,
was sonst noch so hinter den Kulissen passiert.

Im Rahmen der „fefe-Krise von 2009“ hab ich mich die letzten Wochen da
mal intensiver mit beschäftigt, vor allem mit dem Ziel einfachere und
konstruktivere Verbesserungsvorschläge zu machen und Missstände aus der
Perspektive eines eher Aussenstehenden in die Diskussion einzubringen.
Besonders interessiere ich mich da für die Kollaboration und natürlich
für die Löschpraxis. Das ist ein andauernder Prozess, aber ich möchte
doch ein Erlebnis mal gleich teilen.

Was im Rahmen der Löschpraxis der Öffentlichkeit weitgehend entzogen
bleibt sind die sogenannten „Schnelllöschungen“. Da die Daten da nach
der Löschung der Allgemeinheit nicht mehr zur Verfügung stehen hab ich
mich mal direkt in den Neuartikelstrom eingeklinkt um da mal die Daten
von einem kurzen Zeitraum zu sammeln und auszuwerten. Ich hab dann heute
hin und wieder mal Stichproben gemacht und möchte von einem Fall be-
richten der mir inzwischen fast schon exemplarisch für das Interesse der
alteingesessenen „Wikipedianer“ zu sein scheint.

Ich rate mir der Einfachheit halber im folgenden mal Nationalität, Ge-
schlecht und Alter des neuen Benutzers zusammen, und bitte das zu ent-
schuldigen.

Eine junge Schweizerin hat sich heute Abend einen Account und kurz da-
rauf ihren ersten Artikel angelegt. Der Artikel war zu einem Schweizer
Strassenmagazin, nach meiner Minimal-Recherche wohl dem grössten, und
das Magazin erfüllt augenscheinlich die für diesen Fall ausgearbeiteten
„Relevanzkriterien“. Auf der Begriffserklärungsseite gibt es einen ent-
sprechenden „Rotlink“ für das Magazin.

Das Magazin wird von Obdachlosen und wohl vor allem auch auf Bahnhöfen
vertrieben. Vor einem Jahr erfuhr das Magazin einiges an Medieninter-
resse, da die Schweizer Bundesbahnen die Genehmigung dazu an vielen
Orten nicht erneuern wollte und wohl auch nicht hat.

Der Artikel der jungen Schweizerin stellte diese Sachverhalte im We-
sentlichen so dar, sprachlich und grammatikalisch kaum zu beanstanden,
sachlich richtig, in vier Zeilen. Der Klammerteil des Lemmas entsprach
wohl nicht ganz stilistischen Gepflogenheiten, und ein „aber“ im Text
war wohl auch nicht ideal. Sonst war da nichts zu bemängeln.

Wenn ich mir jetzt die „Kriterien für eine Schnelllöschung“ angucke,
trifft auf den Artikel ganz sicher nicht zu, dass es sich dabei um
„Kein Artikel“ handelt, es ist kein „Fake“, nicht „Rechtswidrig“, keine
„Offensichtliche Werbung“, „Zweifelsfreie Irrelevanz“ scheidet ebenso
aus, es handelt sich um keine Urheberrechtsverletzung, es gibt keine
Probleme im Bezug auf den „Jugendschutz“, der Inhalt ist von keinem
anderen Artikel abgedeckt, es ist kein Wiedergänger, und so weiter.

Bestenfalls käme „Falscher Stub“ in Frage. Hier verlinkt der Artikel
mit den Kriterien für eine Schnelllöschung auf „Wikipedia:Stub“ was
nicht mehr existiert, und der Artikel „Wikipedia:Artikel“ enthält den
verlinkten Abschnitt nicht mehr. Das scheint mir seit vier Jahren der
Fall zu sein. In jedem Fall ist für mich nicht ersichtlich was an dem
Artikel der jungen Schweizerin jetzt ein „Falscher Stub“ hätte sein
sollen.

Beim falschen Stub sind dem Regelwerk nach in jedem Fall die Grund-
regeln für neue Artikel zu beachten, die da sagen „Gib einem neuen
Artikel wenigstens 15 Minuten Zeit“, „Sprich mit dem Autor“, und
„Überlege, ob du den Artikel verbessern kannst“.

Der Artikel endete im übrigen in einer Extrazeile mit dem Text „Juhui,
mein erster Artikel!!!!“. Nach Mitternacht sind die Lösch-Enthusiasten
wohl nicht mehr so aufmerksam, so dauerte es bald fünf Minuten bis der
Schnelllöschantrag eingebaut werden konnte. Der Antragsteller hat sich
den Artikel offenbar genau angesehen, und formulierte seine Begründung
aus mit: „Hoffentlich auch dein letzter“.

Eine Minute später änderte sich die Begründung in „Vandale“, wohl aus
einem Bearbeitungskonfligt heraus, und dann hatten geneigte Beobachter
mehrere Sekunden Zeit, Einspruch gegen den Antrag einzulegen bis dann
endlich vor Ablauf der Minute Sterbehilfe geleistet werden konnte, mit
der Begründung „Kein Artikel oder kein enzyklopädischer Inhalt“.

Offenbar ist meine Einschätzung also falsch gewesen, es muss sich um
die „falsche Sprache“, eine „Testseite“, eine Baustelle ala „Hier
entsteht ein Artikel zum Thema xy“, eine „sinnentstellte Maschinen-
übersetzung“, eine Seite „die nur aus einem Weblink“ besteht, eine
„Aneinanderreihung von Wörtern, die überhaupt keinen erkennbaren Sinn
ergeben“, oder ein verworrenen Text den selbst ein kundiger Leser kaum
versteht — gehandelt haben. So kann man sich irren!

Zwei Minuten weiter vermerkte die junge Schweizerin dann auf ihrer Be-
nutzerseite einen Hilferuf. Ich fass das nochmal kurz zusammen, Wiki-
pedia in drei kurzen Schritten, zum ausschneiden und an die Wand nageln.
(Alternativ nehme man wohl http://u.nu/838z3).

+—————————————————–+
| „Juhui, mein erster Artikel!!!!“ |
+—————————————————–+

{{Schnelllöschen|Hoffentlich auch dein letzter.}}

+—————————————————–+
| „wo ist mein Artikel? ich finde ihn nicht mehr????“ |
+—————————————————–+

In den folgenden Minuten fand die junge Autorin dann prima Angebote, den
Artikel gemeinsam auf Vordermann zu bringen; um mal aus dem Kontext
einige herauszugreifen „beachte die obigen Hinweise!“, „signiere deine
Beiträge hier!“. Da muss man schon die Rollen Mentor und Administrator
auf sich vereinen um solch schöne Zeilen hervorzubringen. Ob des lieben
Hinweises verstand die junge Dame das mit dem signieren nicht gleich;
wohl ein Schock für den Herren.

Der Herr „Hoffentlich auch dein letzter“ half auch weiter. Mit der
Löschung hatte er natürlich nichts zu tun, aber zumindest auf ihre ein
wenig sagen wir gedämpft klingende Frage „und jetzt, das wars???“ hatte
er prompt Antwort parat. Bei anderen Artikeln mal was abgucken und nach-
machen. „Und gib dir diesmal Mühe“. Quittiert wurde ihre Mühe am Ende
ihrer Diskussionsseite dann mit „bei aller Liebe: so nicht. Ich habe
den Text jetzt zweimal schnelllgelöscht. Bitte nicht nochmal“. Von ei-
nem weiteren Administrator und Mentor in Personalunion, wohlgemerkt.

Wie gesagt sind die späteren Zitate entstellt, dass es da auch ein
„Hallo“ und „Bitte“ und einen Hinweis auf das Mentorenprogramm gegeben
hat wird sie, ohne ein kleines Wunder, aber kaum wahrnehmen wenn sie
sich in der früh nochmal anguckt, was sie das jetzt alles angerichtet
hat. Und das für einen Artikel den ich auch so eingestellt hätte, wäre
ich nicht jemand der lieber obszön lange Abhandlung über ein Thema wie
eben diese Mail schreiben würde.

Zum Herrn „Hoffentlich auch dein letzter“ erübrigt sich eigentlich jede
weitere Bemerkung. Wenn man auf „und jetzt, das wars???“ auch noch nach-
treten muss, statt dass das da mal sowas wie eine Gefühlsregung einsetzt
braucht man sich eigentlich gar nicht mehr das Benutzerlogbuch des Pseu-
donyms angucken, natürlich folgt da ein Ausfall auf den nächsten Regel-
verstoss, inklusive dazugehörigen Lobesbapperln auf der Benutzerseite.

Vom ersten bis zum letzten Satz dauerte diese Episode eine halbe Stunde.
Was ich davon eigentlich nur mitnehmen kann ist jedem geneigten zu raten
sich die seelischen Grausamkeiten zu ersparen, die mit einer Beteiligung
am Projekt Wikipedia offenbar einhergehen. Für mich selbst und nur als
Beobachter dieser Episode ist es inzwischen arg schwer überhaupt auf die
Seiten der deutschsprachigen Wikipedia zu gehen, ohne dass sich mir der
Magen umdreht.

Mein Respekt gilt der jungen Dame, die ihre erste halbe Stunde Wikipe-
dia mit weit mehr Fassung ertrug, als es mir aus der Ferne möglich war.“

Berichte über Pläne für ein ein neues Organisationsrecht im SGB II

Die FAZ berichtet heute über die Eckpunkte der Reform des Organisationsrechts für die Grundsicherung für Arbeitsuchende. Bekanntlich hatte das Bundesverfassungsgericht die dabei seit 2005 grundsätzlich praktizierte „Mischverwaltung“ von Arbeitsagentur und Kommunen in den ARGEn für verfassungswidrig befunden.

Die Organisation der Leistungserbringer befindet sich schon seit langem in der Diskussion. Die Bundesregierung favorisiert nun nach Angaben der FAZ folgende Lösung, bei der die ARGEn aufgelöst werden sollen:

„Langzeitarbeitslose sollen ihre Hartz-IV-Leistungen künftig wieder von zwei verschiedenen Behörden erhalten. … Bund und Kommunen müssten ‚die ihnen übertragenen Aufgaben grundsätzlich mit eigenem Personal, eigenen Sachmitteln und eigener Verwaltungsorganisation wahrnehmen‘ … Deshalb setzt der Minister auf das Modell der getrennten Trägerschaft. Dafür hatten sich schon zur Einführung der Hartz-IV-Reform im Jahr 2005 rund zwei Dutzend Kommunen entschieden. Seitdem arbeiten dort Sozialamt und Arbeitsagentur als eigenständige Behörden in einem Gebäude zusammen. Für Hilfsbedürftige gibt es eine Anlaufstelle. Diese freiwillige Kooperation will Jung künftig flächendeckend einführen. Auch wenn es sich dann formal um unterschiedliche Verwaltungsvorgänge handelt, sollen den Leistungsempfängern doppelte Behördengänge erspart bleiben. … Das Bundesarbeitsministerium will bald einen Mustervertrag vorlegen, in dem Kommune und Arbeitsagentur ihre Zusammenarbeit vereinbaren. Dabei könne es um die Nutzung eines IT-Systems gehen, das Versenden eines gemeinsamen Bescheides, eine Abstimmung der Arbeitsmarktpolitik und vereinfachte Verwaltungsabläufe. ‚Jede Form der Kooperation erfolgt nur freiwillig‘, heißt es jedoch einschränkend. Insgesamt sehen die Pläne aus dem Bundesarbeitsministerium eine stärkere Stellung der Bundesagentur für Arbeit vor als bislang. Vor allem sollen die Mitarbeiter der Bundesbehörden entscheiden, welche Antragsteller überhaupt Leistungsanspruch besitzen. Dies hat unmittelbare Bedeutung für die Kosten – auch der Kommunen.“

Und so haben sich die Arbeits- und Sozialminister der Länder auch prompt gegen diese Pläne ausgesprochen. Sie befürworten eine Grundgesetzänderung, um das alte Modell der Jobcenter auf eine verfassungsmäßige Grundlage zu stellen. Nur Baden-Württemberg soll sich insoweit der Stimme enthalten haben, schreibt die FAZ.

Der Zeitung liege ein internes Papier aus dem Bundsarbeitsministerium vor. Die Pläne sollen nächste Woche offiziell vorgestellt werden. Bundesarbeitsminister Jung hat sich aber bereits auf dem Deutschen Arbeitgebertag vorab dazu geäußert.

Übrigens soll die Zahl der Optionskommunen festgeschrieben werden. Diese Lösung, die bekanntlich besonders intransparent ist, wird demnach also fortbestehen, aber auch nicht ausgedehnt werden.

Der Dilettantismus wird fortgesetzt.

Forenbeitrag in den Xing-Gruppen „Sozialrecht“[1] und „SGB II Hilfe und Erfahrungen“[2] am 26. November 2009.

Es weihnachtet sehr … IV

„Liebe Kundin, lieber Kunde, Weihnachten steht vor der Tür. Häuser werden festlich geschmückt, Kerzen flackern in den Fenstern, Kinder tollen mit roten Nasen ausgelassen im Schnee. Es ist die Zeit der langen Winterspaziergänze, der feierlich beleuchteten Weihnachtsmärkte und der Vorfreude auf das Fest. Wir machen es uns zu Hause so richtig gemütlich: Am Kamin ist es kuschelig warm, der Weihnachtsbaum ist prachtvoll verziert, aus der Küche riecht es verheißungsvoll nach den besten Weihnachtsleckereien. Es wird gebastelt und gewerkelt, Geschenke werden liebevoll verpackt und gut versteckt und über allem liegt ein geheimnisvoller Zauber. Wer hat das Christkind gesehen?“

Wir wissen nicht, wer das Christkind gesehen hat, aber falls es eines geben sollte, dürfte es sich wohl tatsächlich am ehesten noch den Familien zeigen, die sich vor dem wärmenden Kamin an mit Geschenken beladenen Tischen zusammenfinden, um dort Winterabende in fröhlicher Runde zu verbringen, bei Kartoffel-Lachs-Salat für 2,76 Euro pro Person oder bei zartem Minzcarré mit Vanilleeis für 0,92 Euro pro Person (Rezepte jeweils für 6 Personen). Diese zeitgenössische Märchenstunde stammt aus der Broschüre „ALDI inspiriert 4/09: Weihnachten mit allen Sinnen genießen!, S. 2, von der Firma ALDI Süd aus Mülheim.

Novemberfrühling III

Komm raus aus deiner kaskoversicherten Dunkelkammer! Hinaus in die nach tagelangem Wind und Regen frischgewaschene Welt. Sauber, ganz ungewöhnlich mild und leise ist die Stadt. Die Kondensstreifen durchschneiden den wolkenleeren Spätnachmittagshimmel, sie schneiden sich und verwischen danach. Der zunehmende Mond schwebt gleich daneben. Als wäre alles bereit und fertig, als hätte der kleine Prinz noch einmal nach dem rechten gesehen. Am Morgen seiner Abreise brachte er seinen Planeten schön in Ordnung, bevor er die Asteroiden in seiner Nachbarschaft besuchte. Es gibt kein Bleiben, nur Fort- und Weitergehen.

Ernüchternde Erfahrungen mit der Onleihe

Die Onleihe gibt es ja nun schon eine ganze Weile. Jetzt hat auch unsere Stadtbibliothek in Neu-Isenburg sich dem Dienst angeschlossen, der Zeitschriften, Bücher und Audiodateien ausschließlich per proprietärem Windows-DRM online verteilt, was über die Jahre schon zu erheblicher Kritik geführt hatte. Daran hat sich gleichwohl seit dem Sommer 2007 nichts geändert, was denn doch zu denken gibt.

So habe ich eine schlaflose Nacht dazu genutzt, das für uns neue Angebot zu testen. Seit zwei Jahren arbeite ich auf einem Mac und bin es gewöhnt, daß alles, was ich hier so installiere und in Betrieb nehme, auf Anhieb funktioniert, und das ist beruflich bedingt eine ganze Menge. Obwohl mir gleich auf der Startseite erklärt wird, man benötige den Windows Media Player 11, den es bekanntlich für den Mac gar nicht gibt, zeigt mir die Onleihe brav auch immer wieder an, daß alles auch auf älteren Plattformen einschließlich musealer Apple Macintoshs und Linux funktioniere. Was aber leider nicht stimmt. Meine Erfahrung ist folgende:

Das Angebot ist enttäuschend. Online verfügbar sein sollten vor allem Titel, die physisch nicht greifbar sind. So erhoffte ich mir vor allem Fachbücher, die die Versorgung der Bibliotheksbenutzer in der Fläche, die keinen schnellen Zugriff auf größere städtische Bibliotheken haben, sicherstellen würden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Onleihe spricht ein Massenpublikum von Laien an. Beispielsweise findet man unter den juristischen Titeln vor allem Ratgeber zur Ehescheidung oder zum Verfassen von Testamenten. Die Belletristik ist nach Kriterien geordnet, die man seinem ärgsten Feind nicht zur Auswahl wünschen mag: von „Abenteuer und Reise“ über „Außenseiter“, „Diktatur und Unterdrückung“ und „Frauen“ bis hin zu “Krieg“ und „Liebe und Beziehung“. Wo man hier ein Werk von Ror Wolf oder von Kafka einordnen wollte, mag dahingestellt bleiben. Von Kafka ist lediglich „Die Verwandlung“ als Hörbuch im Ressort „Außenseiter“ vorhanden. Bücher von Brecht und Freud fehlen. Bei den Zeitungen gibt es nur zwei Titel, den Spiegel und die FAZ – aus der vergangenen Woche. Einige handverlesene UTBs. Und ein Diabetes-Schulungs-Buch war natürlich auch dabei. Titel aus kleinen Verlagen fehlen ganz. Ebenso gesellschaftskritische Veröffentlichungen. Punkt.

DRM ist tödlich. PDF-Dateien können weder mit der Apple Vorschau, dem Standard-Viewer auf dem Mac, noch mit Ghostcscript oder mit den darauf aufsetzenden Viewern betrachtet werden. Man braucht tatsächlich den Adobe Reader, den ich nur als Referenz-Applikation zum Drucken von PDFs noch installiert habe. Öffnet man die PDF-Dateien, die als ePaper und als eBook verteilt werden, mit der Vorschau, werden nur leere Seiten angezeigt. Zeitungen kann man weder auswählen und in die Zwischenablage kopieren noch ausdrucken. Zum Anfertigen einer Kopie bleibt nur die Erstellung eines Screenshots. Die überwiegende Zahl der Titel besteht aus Hörbüchern. Sie werden vorgeblich als MP3-Dateien angeboten, die dann aber in einem WMA-DRM-Container mit der Dateiendung WMA verpackt daherkommen. Ob es sich dabei überhaupt um MP3-Dateien handelt, konnte ich nicht festetellen, denn sie können weder mit dem VLC Media Player noch mit Quicktime/Flip4Mac abgespielt werden, so getestet an der DRM-geschützten Version des Hörbuchs von Richard Dawkins‘ Aufklärungsschinken „Der Gotteswahn“. Quicktime hält die Datei laut Fehlermeldung für einen „Film“, der nicht geöffnet werden könne. Die Audios können auch weder in iTunes noch auf dem iPod abgespielt werden. Und es ist auch nicht möglich, eine Hörprobe abzuspielen. Der Player im Popup-Fenster, das sich per Mausklick öffnet, bleibt genauso leer wie die DRM-geschützten Seiten in der Vorschau. Linux-Anwendern wird es nicht viel besser gehen. Wer ganz auf proprietäre Software verzichtet und mit einem der zahlreichen freien PDF-Viewer arbeitet, bleibt ganz außen vor, nicht nur beim Audio. Er darf bei der Onleihe auch nichts lesen.

Weitere Nutzungsbeschränkungen: Die Dateien können nach einer bestimmten Zeit nicht mehr geöffnet werden, der Adobe Reader zeigt dann eine Fehlermeldung an: Bei Zeitungen schon nach einer Stunde, bei Büchern ist es nach einer Woche soweit. Meinetwegen. Aber das beste kommt noch: Das Angebot wird künstlich verknappt. Jeder Titel in dem ohnehin schon sehr beschränkten Angebot ist pro Bibliothek überhaupt nur einmal ausleihbar. Wenn sich also gerade ein anderer Neu-Isenburger Benutzer für den schmalen Ratgeber über Depressionen interessiert, muß ich bis zur Ausleihe eine Woche warten, bis dessen Nutzungsfrist abgelaufen ist. Bis dahin muß ich eine Vormerkung in das System einstellen. Fehlt eigentlich nur noch, daß man die Leihkarte mit der Schreibmaschine ausfüllen, eigenhändig unterschreiben und mit der gelben Schneckenpost an eine zentrale Verwaltungsstelle verschicken müßte. Abgesehen davon, daß auf diese Weise die Nutzungsfrist für ein Buch von vier Wochen bei der physischen Ausleihe auf eine Woche ganz erheblich verkürzt wird.

Fazit: Bei der Onleihe handelt es sich um ein vollkommen überflüssiges Angebot, das ausschließlich für Windows-Anwender vollständig benutzbar ist. Es ist keine Ergänzung des bisherigen Angebots der Bibliotheken und es erspart mir auch nicht den Weg in die Bibliothek, weil ich die Bücher, die ich brauche und die mich interessieren, über die Onleihe gar nicht bekomme. Dazu paßt auch, daß der volle Umfang des ohnehin stark beschränkten Angebots mir gar nicht zur Verfügung steht, weil ich dazu den falschen Computer besitze, für den es die proprietäre Software nicht gibt, die die Onleihe mehr oder weniger stillschweigend voraussetzt. Es geht hier also nicht um die bibliothekarische Grundversorgung für alle. Es geht um einen zusätzlichen Service, auf den keiner gewartet hat und den trotzdem alle Steuerzahler mit bezahlen müssen. Mittlerweile sind dem Dienst 130 deutsche Bibliotheken angeschlossen, und die Verteilung von Inhalten im EPUB-Format hat begonnen. Dazu braucht man wiederum einen neuen Viewer: Adobe Digital Editions, das mit Adobe Flash funktioniert. Oder man verwendet einen E-Book-Reader. Was man nicht will, denn die sind ja derzeit noch eher abschreckend, wie man auf der letzten Buchmesse feststellen konnte.

Die schönsten DRM- und Fehlermeldungen, die mir bei der Nutzung der Onleihe angezeigt wurden, habe ich in meinem Flickr-Account in einem eigenen Album gesammelt, damit andere Nutzer davon einen Eindruck erhalten können. Die Screenshots stehen unter CC-by-Lizenz.