Frank Schirrmacher, Payback, bei Seite 224

von schneeschmelze

Weitergelesen. Zuende gelesen. Schirrmachersche Dialektik: „Unsere Werkzeuge verändern unsere Welt, vor allem aber verändern sie uns selbst“ (S. 145), bevor das Buch im zweiten Teil zu einer Art Ratgeber wird für Leute, die „nicht mehr wissen, was sie behalten und was sie wegwerfen sollen. Das ist in etwa so, wie es in unserem Kopf aussieht“ (S. 167). Wer diese Wahrnehmung nicht teilt, dem dürfte es schwerfallen, bis zum Ende gerne am Ball zu bleiben. Es zieht sich etwas, denn die letzten 60 Seiten sind der flachste Teil des Texts. Um es kurz zu machen: Herr Schirrmacher empfiehlt, es doch einmal mit Achtsamkeit zu versuchen, und weil ihm der psychologische Begriff zu modern ist, spricht er lieber durchgehend von einem „Perspektivwechsel“. Man solle versuchen, die Dinge nicht aus derselben Perspektive wie ein Rechner (beziehungsweise dessen Programmiererin) zu betrachten, und man solle über eine Suchmaschine nur solches zu finden versuchen, was man darüber auch finden könne (S. 192 f.), „nicht-algorithmische, also völlig unberechenbare Lösungsansätze“ seien anzustreben (S. 216). Ästhetik und Kreativität einerseits werden dem Algorithmus andererseits gegenübergestellt: „… kein Gedanke ist so wertvoll und so neu und schön, wie der, dessen erstes Flügelschlagen wir gerade jetzt in unserem Bewußtsein hören“ (S. 224), endet das Buch etwas süßlich.

Das Plädoyer für mehr Medienkompetenz bleibt unvollständig, weil es mit der Auswahl des richtigen (Such-) Mediums für den jeweiligen Zweck und mit der richtigen Perspektive dabei nicht sein Bewenden haben kann. Was zählt, ist auch der kompetente Umgang mit dem richtigen Medium, also die materielle Quellenkritik, die inhaltliche Auseinandersetzung, sie wird hier ganz ausgeblendet.

Als kulturpessimistischer Konservativer ist Schirrmacher nur ein partieller Fatalist: Der Siegeszug der Computer sei nicht mehr abzuwenden, die Bedeutung der Suchmaschinen und deren Leistungsfähigkeit sei nicht zu brechen. Das Hirn werde durch die Netze erweitert und ergänzt, aber nicht ersetzt. Das genuin Menschliche bleibe letztlich doch erhalten und es unterscheide den Menschen dauerhaft vom Rechner – Gott sei Dank.

Wer aber wirklich etwas über das Verhältnis von Computern und Gesellschaft erfahren möchte, sollte lieber zu den Büchern von Joseph Weizenbaum greifen und um den ganzen Schirrmacher-Hype einen möglichst weiten Bogen machen. Oder einfach mal offline gehen. Aus Achtsamkeit.

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