„Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland“

von schneeschmelze

Die Ausstellung „Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland“ im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main ist ausgesprochen sehenswert. Gezeigt wird die Rückkehr von Horkheimer, Adorno und Pollock nach Frankfurt, wo sie die Tätigkeit des Instituts für Sozialforschung nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufnahmen.

Neben den bibliophilen Erstausgaben der „Dialektik der Aufklärung“ und der „Authoritarian Personality“ sieht man viele Zeugnisse in Original oder in Kopie, darunter gleich zu Anfang den Entzug der Lehrerlaubnisse durch die Nazis, gestützt auf das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. In jedem Raum der Ausstellung gibt es etwas zu entdecken: Zitate, Abbildungen, Briefe, Zeitungsausschnitte und, nicht zuletzt, viele zeitgeschichtliche Tondokumente, die aus dem Rundfunkarchiv zur Verfügung gestellt worden sind. Interessant auch der Briefkopf, mit dem man im New Yorker Exil firmierte. „Teddie“ amerikanisierte die Schreibung seines Vornamens zu „Theodore“, und die Infospalte links zeigt so viele Namen wie man sie heutzutage nur bei den etwas größeren Anwaltskanzleien finden wird.

Beeindruckend fand ich den vierten Raum, in dem Mitarbeiter und dem Institut im Exil nahestehende Wissenschaftler und Literaten mit einem knappen Lebenslauf vorgestellt werden, bis hin zu Thomas Mann. Die Photos der Betroffenen sind auf spiegelnde Tafeln montiert, in denen sich der Ausstellungsbesucher selbst betrachten kann. Dadurch verschwimmt der Unterschied zwischen der fernen Zeit und der Gegenwart, aber auch der Unterschied zwischen „ihnen“ und „uns“: Ich werde zwischen sie hineingespiegelt, und ich hätte einer von ihnen sein können, die ins Exil gezwungen worden waren, die darin teilweise starben. Und nicht alle kamen zurück wie Horkheimer/Adorno/Pollock, von Heimweh getrieben, erfahren wir von ihren Schülern in einem Fernsehinterview.

Heikel waren das Verhältnis und der Umgang mit den alten Nazis, die überall noch saßen, und mit denjenigen, die sich mit ihnen arrangiert hatten. Günter Anders lehnte es ab, Gehlen die Hand zu reichen, was Adorno nicht verstand, solange dabei an seiner Hand nichts hängenbleibe, mit der er, Adorno, seine eigenen Texte schreibe. Eine Haltung, die Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau dazu brachte zu sagen, die Ausstellung könne man auch „als einen Blitzkurs in Sachen Macchiavellismus betrachten“ (FR, 17. September 2009). Alexander Kluge weist darauf hin, daß zumindest in Hessen mit den Namen Zinn, Staff und Fritz Bauer damals ein etwas anderer Wind wehte als anderswo im Lande. Und man denkt sofort daran, daß diese Zeiten nun auch in Hessen schon lange vorbei sind, wo immer noch ein Ministerpräsident und Begleiter regieren, die nichts dabei fanden, schwarze Parteispenden als „jüdische Vermächtnisse“ auszugeben.

Sehr gelungen fand ich die Idee, die originalen Stühle, auf denen wir in Frankfurt studiert hatten (Stahlrohr, mit schwarzem Sky kaschierte Sitzfläche, Holzarmlehnen) in die Ausstellung hineinzunehmen. Prachtexemplare waren das, fast wie neu erhalten allesamt. Als Frankfurter Langzeitschüler saß ich immer gerne darauf und fühlte mich deshalb heute nachmittag gleich noch ein bißchen mehr „zuhause“, als ich darauf Platz nahm, um mir die Filmaufnahmen vom alten Bockenheimer Hauptgebäude der Universität zu betrachten. Die alte Welt ist am untergehen, die Universität ist bekanntlich dabei, auf den neuen Campus umzuziehen. Die Bestuhlung entführte mich emotional in die Bockenheimer Wissenschaft, deren Erbe es zu pflegen gilt.

Die Soziologie war in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg eine neue Wissenschaft, das Frankfurter Institut für Sozialforschung zählte zu den Begründern des Fachs nicht nur in Deutschland. Und so endet die Ausstellung mit einem Rückblick auch auf die Anfänge der empirischen Sozialforschung, in der mit neuen Methoden dem latenten Antisemitismus nachgespürt wurde, aufs Prozent genau. Auf die auch intern umstrittene Tätigkeit für das „Amt Blank“ im Zuge der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik hatte bereits Otto Köhler in Ossietzky 23/2009 hingewiesen.

Jüdisches Museum, Frankfurt am Main, bis 10. Januar 2009. Ein umfangreicher Pressespiegel findet sich auf der Website des Museums zur Ausstellung (unten).