Auf dem Zauberberg VI

von schneeschmelze

Nach einem langen Spaziergang im frisch gefallenen tiefen Schnee (sowas haben wir hier alle zehn Jahre einmal), geht mir das Gleichnis vom Steuermann aus Epiktets „Handbüchlein der Moral“ durch den Kopf. In der Übersetzung Rainer Nickels, die man bei der Uni Rostock findet:

„Wenn das Schiff auf einer Seereise vor Anker geht und du aussteigst, um frisches Wasser zu holen, dann kannst du unterwegs eine Muschel oder einen kleinen Tintenfisch auflesen, aber deine Aufmerksamkeit muß auf das Schiff gerichtet bleiben, und du mußt es ständig im Auge behalten, der Steuermann könnte ja rufen, und wenn er ruft, dann mußt du alles liegen lassen, damit du nicht gefesselt wie die Schafe auf das Schiff geworfen wirst. So ist es auch im Leben: Wenn dir statt einer Muschel oder eines Tintenfisches eine Frau und ein Kind gegeben sind, so wird dies kein Hindernis sein. Wenn der Steuermann ruft, lauf zum Schiff, laß alles liegen und dreh dich nicht um. Wenn du aber alt geworden bist, dann entferne dich nur nicht zu weit vom Schiff, damit du nicht zurückbleibst, falls du gerufen wirst.“

Epiktet beschreibt das Leben als eine Schiffsreise. Man kann dabei von Zeit zu Zeit an Land gehen (und man muß es sogar tun, „um frisches Wasser zu holen“). Dabei können einem viele Kleinigkeiten auffallen („eine Muschel oder [ein kleiner] Tintenfisch“). Das sind aber alles nur Nebensächlichkeiten. Das einzige Ziel besteht darin, die Schiffsreise fortzusetzen. Den Zeitpunkt hierfür wählt der Reisende nicht selbst. Er wird vom Steuermann des Schiffs vorgegeben, wenn er den Ausflügler wieder herbeiruft, bevor das Schiff wieder ablegt, um weiterzufahren. Dann „muß“ der Reisende alles stehen und liegenlassen, um das Schiff zu erreichen. Das gilt auch für seine Beziehungen zu anderen Menschen, die er während seines Ausflugs an Land geschlossen haben mag, einschließlich „Frau und … Kind“. Auch sie soll er unvermittelt zurücklassen. Anderenfalls würde er unfrei und „gefesselt wie die Schafe auf das Schiff geworfen“. Am Ende betont Epiktet, dieser Rat gelte vor allem für alte Menschen. Diese könnten „zurückbleiben“, womit ihre Reise ganz enden täte.

Die Entscheidung über den Fortgang des eigenen Lebens liegt außerhalb des eigenen Ichs, beim „Steuermann“, der durch sein Rufen nicht nur das (fremde) Schiff, sondern auch den Lebenslauf seiner Besatzung und des Mitreisenden „steuert“. Dieser hat auf die Entscheidung des Steuermanns keinen Einfluß. Sein Wille tut nichts zur Sache, und allein die Tatsache, daß er das Schiff nicht mehr erreicht, bestimmt über das Ende des alten Menschen, während der jüngere Schiffsreisende durch sein Zurückbleiben an Land zum Vieh wird, das unfrei ist.

Ein vormodernes Bild, das im diametralen Gegensatz zu den Forderungen steht, die in einer individualisierten, riskanten Gesellschaft an den einzelnen gestellt werden, die dieser aber auch als eigenen Anspruch erhebt. Auch Freud forderte: „Wo Es war, soll Ich werden.“ Und trotzdem rührt einen das Gleichnis an, weil und gerade wenn man Erfahrungen von Ohnmacht gemacht hat, die ein Nachdenken anregen darüber, „was in unserer Macht steht und was nicht“, wie es zu Anfang des „Handbüchleins“ heißt.

Das Bild verströmt den Geruch der zeitlosen Weisheit, fördert aber tatsächlich den Fatalismus. Es suggeriert, man brauche sich dem Projekt der Moderne, also der Individualisierung und der Selbstaufklärung, nicht zu stellen, weil es Dinge gebe, über die der einzelne nicht gebiete und die eigentlich sein Leben bestimmten. Das kann aber nicht richtig sein. Der Rekurs auf Epiktet ist ein Akt der Gegenaufklärung, es ist ein Beispiel für das falsche Denken, das der eigenen Entwicklung und der Emanzipation im Wege steht.