Botticelli im Frankfurter Städel

von schneeschmelze

Vergangenen Donnerstag besuchte ich gemeinsam mit anderen Bewohnern des Zauberbergs die Botticelli-Ausstellung, die derzeit im Frankfurter Städel gezeigt wird. Für die freundliche Einladung hierzu möchte ich mich auch an dieser Stelle noch einmal sehr herzlich bedanken.

Die Kunst der alten Meister ist mir immer fremd gewesen: Bilder voll von religiösen Motiven und Anspielungen auf Symbole, die nicht aus unserer Welt stammen, sondern aus einer anderen Zeit, die so weit entfernt liegt, daß wir sie erklärt bekommen müssen, damit man nicht vollkommen verloren vor den bunten Bildern steht und sie verstehen kann. Wem es ähnlich geht, sollte sich ebenfalls einer fachkundigen Führung anvertrauen. Ob die auszuleihenden Audioguides eine Alternative darstellen, vermag ich mangels Test leider nicht zu sagen.

Die menschenleeren Räume, die der Trailer zur Ausstellung zeigt, wünscht man sich herbei, sobald man das Haus betritt. Die Besucherschlange reicht noch am Abend, als wir gehen, bis zur Straße, und der Verkauf von Eintrittskarten erfolgt aus einem Container heraus, der vor dem Museum steht. Die Klimaanlage ist völlig überfordert mit der Temperierung der Räume und mit der hohen Luftfeuchte. Der Lärmpegel ist dementsprechend, so daß die Führung mit Mikrophon erfolgen mußte. Die Teilnehmer bekommen jeweils einen kleinen Empfänger und hören die Stimme der Führerin über einem Ohrhörer. Kleingewachsene Besucher bahnen sich den Weg um die umherstehenden Menschen herum, um überhaupt einen Blick auf die Werke werfen zu können.

Auffällig war durchgehend die beinahe naiv wirkende malerische Umsetzung der Motive. Es ist spannend zu sehen, wie mit den neuen Mitteln der Zentralperspektive gespielt wurde, und wie man versuchte, die Darstellung beispielsweise durch Schatten plastischer und lebendiger zu gestalten. Eigentlich malte man damals weniger, vielmehr zeichnete man die Motive erst einmal. Deshalb sind viele Umrisse in dunkler Farbe auf den Bildern zu sehen, die dann bunt ausgemalt wurden. Die Bilder zeigen sehr viele Details, die regelmäßig auch irgendeine Bedeutung haben – wenn man sie zu deuten weiß, siehe oben. Dabei bleiben offenbare malerische Fehler in der Darstellung nicht aus, am deutlichsten zu sehen in dem Fresko der „Verkündigung“, das Botticelli für ein Krankenhaus malte und in dem er sich am perspektivischen Zeichnen übte. Das Bild zeigt mehrere Fluchtpunkte, die miteinander unvereinbar sind und die beim Betrachter einen etwas disparaten und zerstreuten Eindruck hinterlassen. Auch die Darstellung der sehr bekannten Venus ist beeindruckend, sie wirkt auf den modernen Betrachter aber letztlich doch eher wie das Bild eines Anfängers, der sich mit den Mitteln seiner Zeit redlich bemüht, an wichtigen Einzelheiten des weiblichen Akts aber trotzdem scheitert. Abgesehen von den deutlich unterschiedlichen Schönheitsidealen heute und damals, wirken die Finger der Dargestellten oft viel zu lang geraten, ebenso wie die typischen Botticelli-Nasen.

Das zauberhafte Bildnis der Minverva mit dem Kentauren wirkte auf mich zuerst wie eine frühneuzeitliche Fassung des Freudschen Diktums „Wo Es war, soll Ich werden“, was aber genaugenommen ein voreiliger Schluß ist, denn die Miverva zähmt ja züchtig die Wollust des Kentaurs und übernimmt daher in der Darstellung, unter Zugrundelegung des Freudschen Modells vom Seelenapparat, die Instanz des Über-Ichs. Es handelt sich dabei also eigentlich um die Darstellung einer Repression der Triebe, nicht der Zügelung mit dem Ziel ihrer Vereinbarkeit mit der Umwelt. Dazu wirkt das Gesicht des Kentauren auch viel zu sehr gequält.

Beim Verlassen der Ausstellung konnten wir der Versuchung nicht widerstehen, einige moderne Werke aus der Sammlung noch „mitzunehmen“, und der Vergleich zwischen den Expressionisten und dem alten Meister war tatsächlich frappierend. Kirchner und Picasso stehen mir emotional und stilistisch wesentlich näher als die italienische Renaissance. Bei alledem muß man aber freilich auch bedenken, daß es sich bei den Werken von Botticelli durchweg um Auftragsmalerei handelte und daß „der Künstler“ damals einem handwerklichen Beruf nachging – erst im 19. Jahrhundert trat der notleidende „brotlose“ Künstler hervor, der zunächst für sich arbeitete und der die Kunst „an sich“ pflegte. Aber wie dem auch sei, man war sich einig, wiederkommen zu wollen, „wenn der Botticelli wieder weg ist“ und das Haus hoffentlich um einiges ruhiger geworden sein wird.

Botticelli. Städel Museum, Frankfurt am Main, bis einschließlich 28. Februar 2010.