Die Privatisierung des virtuellen Raums

von schneeschmelze

Immer mehr Traffic verschiebt sich von Mailinglisten und Usenet in Webforen und soziale Netzwerke.[1][2][3] Das Problem dabei besteht in der Privatisierung des virtuellen Raums. Diese Plattformen verschließen sich gegenüber dem Rest des Webs. Das wirft viele juristische, aber auch gesellschaftliche Fragen auf, weil sich dadurch ja auch „die Öffentlichkeit“ verändert, in der sich die Gesellschaft mit sich selbst verständigt. An die Stelle eines Netzes von Servern, die alle auf der Grundlage freier Protokolle zur Übermittlung von Daten bereitstehen, tritt eine proprietäre, monolithische Plattform, die sich nur bestimmten Usern öffnet und deren eigentlicher Zweck nicht die Bereitstellung einer Infrastruktur ist, sondern das Sammeln von Daten über ihre Nutzer. Das ist ihr Geschäftsmodell. An die Stelle von RFCs, Netiquette und allgemein verbindlicher Standards tritt eine technische black box, deren soziales Innenleben von allgemeinen Geschäftsbedingungen geregelt wird, die der Betreiber einseitig vorgibt und denen die User zugestimmt haben. Ein Archiv der Beiträge außerhalb von beispielsweise Facebook gibt es nicht. Auf die eigene Timeline kann man über die API zugreifen, um sie weiter zu verarbeiten. Private Nachrichten, die sich die Benutzer untereinander schreiben, werden bei den meisten sozialen Netzwerken nach einer bestimmten Vorhaltezeit automatisch vom Server gelöscht. Alle Inhalte sind per se unfrei. Es hat Versuche gegeben, freie soziale Netzwerke zu gründen, diese Experimente haben aber mangels Teilnehmern bis heute nicht funktioniert. So wird nach dem realen Raum auch der virtuelle Raum zunehmend privatisiert. Entscheidend wird sein, in welchem Umfang die öffentliche Kommunikation in den privaten Raum weiter abwandert. Denkbar wäre etwa, daß diese Plattformen zukünftig das bisherige freie Internet vollständig oder jedenfalls zu einem großen Teil ersetzen. Die Diskussion um die Netzneutralität wäre hier auch anzuführen, denn damit wäre auch die Frage aufgeworfen, ob das freie Web mit den sozialen Netzwerken weiterhin gleichbehandelt werden muß, oder ob es hier zukünftig – wie auch immer – privilegierte Server, Netzwerke und Datenpakete geben darf oder sogar geben sollte? Welchen öffentlichen Bindungen unterliegen die sozialen Netzwerke? Wie steht es mit dem Zugang zu ihnen und zu den Daten, die auf ihnen „veröffentlicht“ werden? Und inwieweit haftet der Betreiber für das, was die User in solchen Netzwerken tun?