Funkkolleg „Religion und Gesellschaft“ III

von schneeschmelze

Etwa zur Hälfte des Funkkollegs „Religion und Gesellschaft“, das derzeit in hr2 und in hr-info ausgestrahlt wird,[1][2][3] ist es Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen. Es fällt leider ziemlich ernüchternd aus:

  • Ausgangspunkt ist stets das christliche Denken, genauer: das christliche Denken in Deutschland. Dem entspricht ein sehr eingeschränkter Religionsbegriff. Andere Religionen, insbesondere das Judentum oder der Islam, werden in den Sendungen nur am Rande erwähnt. Asiatische und afrikanische Religionen (Buddhismus, Hinduismus, Naturreligionen) kommen nur personifiziert („Dalai Lama“) oder überhaupt nicht vor.
  • Das Funkkolleg bietet keine systematische Erarbeitung des Verhältnisses „Religion und Gesellschaft“, insbesondere keine Religionssoziologie und auch keinen Überblick über die Religionssoziologie, sondern nur eine schlaglichtartige Beleuchtung einiger Autoren und Diskussionen, die in der letzten Zeit in Deutschland mit Bezug zu „Religion“ im allgemeinsten Sinne von sich reden gemacht haben (Habermas‘ Friedenspreisrede und Ratzingers Regensburger Rede, den amerikanischen Kreationismus, Dawkins‘ Skeptizismus, bis hin zu dem Komiker Kerkeling mit seinem Wallfahrts-Schinken aus der Spiegel-Bestsellerliste).
  • Die Sendungen sind als Radiofeature produziert, jedoch vorwiegend als erzählender Essay. Im Vergleich zu den Sendungen des Funkkollegs Psychologie gibt es weniger diskursive Elemente, wenige Interviews. Der Vorlesungscharakter dominiert. Das hat Vor- und Nachteile. Das Funkkolleg Psychologie war als Radiosendung sicherlich attraktiver. Wer das Zertifikat erwerben möchte, wird dagegen möglicherweise die bessere Strukturierung der diesmaligen Sendungen schätzen.
  • Die Ausführungen bleiben leider ziemlich oberflächlich. Das ist unvermeidlich, wenn man sich einem Thema nur ca. 20 Minuten widmen kann. Andererseits fragt man sich, warum gerade diese zeitliche Beschränkung erfolgt ist? Es wäre ja auch möglich, ein Thema wie etwa den Zusammenhang von Religiosität und Gesundheit oder den Streit zwischen Kreationismus und Skeptizismus in mehr als ein oder zwei Sendungen zu diskutieren, gerade angesichts der selbstauferlegten zeitlichen Beschränkung je Folge. Die vorliegende Gestaltung setzt jedenfalls auch dem Inhalt sehr enge Grenzen, der in diesem Rahmen transportiert werden kann. „Epochale Werke“ wie beispielsweise das Funkkolleg Rechtswissenschaft unter der Federführung von Rudolf Wiethölter 1968 können so nicht mehr entstehen. Wer vieles bringt, mag manchen etwas bringen. Doch es gilt auch: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.