Dilemma der tiefenpsychologischen Behandlung

von schneeschmelze

Auf dem Zauberberg denke ich an eine Leseerfahrung während meines Studiums zurück: In seinem (nicht unumstrittenen) Buch „Tiefenschwindel“[1][2] wies Dieter E. Zimmer einst darauf hin, es sei kennzeichnend für die Psychoanalyse, daß die Behandlung immer weiter fortgesetzt werde, daß die Analysanden damit immer weiter machten – auch und gerade, wenn sie den Eindruck hätten, daß ihnen die tiefenpsychologische Behandlung nicht weiterhelfe oder wenn es Anzeichen dafür gebe, daß sie ihnen sogar schade. Gerade jetzt sei es wichtig, die Behandlung nicht abzubrechen, sondern fortzusetzen, um einen Fortschritt zu erzielen. Das war ihm bei der Lektüre der Literatur aufgefallen, die sich bis Mitte der 1980er Jahre aus der Sicht ehemaliger Patienten kritisch mit der Psychoanalyse auseinandersetzte. Dazu fällt mir derzeit vor allem Kants Sapere aude! ein: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Es ist paradox, aber nichts scheint den tiefenpsychologisch ausgerichteten Psychologen mehr zu irritieren als die Konfrontation mit dem „gesunden Menschenverstand“, ganz gleich auf welchem Gebiet und in welchem Zusammenhang. Gerade dann wird der Aufwand zur Begründung von Deutungen, aber auch der Widerstand gegenüber anderen Ansichten, auf den man stoßen wird, wenn man sie vorträgt, auffällig groß und immer größer. Und, um es mit einer tiefenpsychologischen Prämisse zu sagen: Das ist ganz bestimmt kein Zufall. Problematisch ist hier aus der Sicht des Patienten zweierlei: Zum einen die Abhängigkeit, in der er sich gegenüber dem Therapeuten befindet, weil sie eine notwendige Voraussetzung für die Behandlung selbst ist. Zum anderen das, was die wirtschaftswissenschaftliche Literatur einen principal-agent conflict nennt: Die Informationsverteilung zwischen Analysand und Analytiker ist ungleich. Der Analytiker hat im Zweifel die größere fachliche Qualifikation, darauf muß der Analysand vertrauen, wenn er ihn mit seiner eigenen Behandlung beauftragt. Und dieser Informationsvorschub des Behandlers steht meist einer konsequent aufgeklärten Haltung des Patienten entgegen. Eine aufgeklärte Auflösung dieses Dilemmas ist kaum möglich. Was bleibt, sind – hoffentlich – Zweifel. Man sollte ihnen nachgehen und sich an Kants Diktum erinnern – und es ernst nehmen.