Georges Seurat in der Frankfurter Schirn

von schneeschmelze

Heute abend besuchte ich auf freundliche Einladung meines Haussenders hr2 gemeinsam mit etwa 20 weiteren Hörern die Georges-Seurat-Ausstellung, die derzeit in der Frankfurter Schirn gezeigt wird. Das Kulturprogramm des Hessischen Rundfunks lädt seine Hörer jeden Monat zu einer Führung durch eine Kunstausstellung in Hessen ein. Wegen der großen Nachfrage, werden die Teilnehmer unter den Anrufern ausgelost. Für die Einladung möchte ich mich auch an dieser Stelle noch einmal sehr herzlich bedanken.

Ärgerlich war, daß man mich aus Kleinlichkeit buchstäblich bis zur letzten Minute auf dem Zauberberg festhielt, so daß ich mich erst eine Viertelstunde vor Veranstaltungsbeginn auf den Weg machen konnte. Glücklicherweise traf ich genau zeitgleich mit der Straßenbahn Linie 12 am Börneplatz in Richtung Römer ein, so daß ich gerade noch pünktlich vor Ort war und die Führung doch noch von Anfang an miterleben konnte. Auch das Münzproblem löste sich durch zwei freundliche Mitbesucher unkompliziert, die mir mein Zwei-Euro-Stück in zwei Ein-Euro-Stücke wechselten, damit ich meine Sachen im Schließfach deponieren konnte.

Georges Seurat war ein Außenseiter, lernten wir heute abend. Seine Bilder wurden von den Zeitgenossen eher abschätzig beurteilt, was zum einen an seiner neuen Maltechnik lag, zum anderen an den Motiven, die er wählte. Seurat wurde von seinen wohlhabenden Eltern gefördert, denen seine Werke zwar auch nicht gefielen, die ihn aber gleichwohl finanziell unterstützten. Auf einer Zeichnung ist seine Mutter zu sehen, die ihm für eine Szene Modell stand, obwohl sie sich gar nicht für Kunst interessierte. So war er nicht darauf angewiesen, seine Bilder zu verkaufen, sondern konnte sich ganz der Malerei widmen. Er starb früh, schon mit 31 Jahren, an Dyphterie.

Die Ausstellung, die vorher im Kunsthaus Zürich zu sehen war, zeigt vorwiegend kleinere Zeichnungen und Vorstudien. Die größeren Bilder seien selbst kaum noch in Ausstellungen zu sehen, weil die meisten von ihnen heute nicht mehr transportfähig seien. Die Farbtüpfel, in die Seurat alle Motive pointillistisch zerlegt hatte, würden bei zu starker Erschütterung von der Leinwand sich lösen.

Viele kleine Farbpunkte und -striche sind nebeneinandergesetzt wie Pixel. Sie sollen sich erst im Auge des Betrachters „mischen“ und führen zu einem leicht verwaschenen Seh-Eindruck. Weiß ist immer mit dabei, deshalb ergibt sich beim Betrachten eine luzide, frische Stimmung. Grundlage waren die seinerzeit neuesten wissenschaftlichen Studien über die körperlichen und die psychischen Grundlagen des menschlichen Sehens. Auch der Rahmen wird gepünktelt, windschief, , was den Blick einschränkt, wie wir spontan fanden, manchmal reichen die Pünktchen bis in den eigentlichen Holzrahmen hinein.

Die Darstellungen sind konstruiert, komponiert, flächig und ohne Tiefe, plakatartig. Figuren – Menschen, Bäume, Boote – werden im Raum plaziert. Menschen werden anonym gezeigt, als bloße Form ohne Gesicht, als wäre es ein Denkmal für den unbekannten Landarbeiter, die unbekannte Passantin auf der Straße. Man denkt an die Großstadtlyrik, an Baudelaires „À une passante“, vielleicht auch an die Zeichnungen Daumiers, denn bisweilen blitzt Ironie auf. Häufiger sind Darstellungen von Arbeitern und von Technik, etwa einer Dampflokomotive oder des beinahe, aber nicht ganz vollendeten Eiffelturms, mit dem die Ausstellung beginnt. Im abschließenden „Zirkus“ betrachtet man alle Schichten der damaligen französischen Gesellschaft auf ihren jeweiligen Plätzen, gezeigt mit Liebe zum Detail.

Vor allem aber ist hier viel Natur zu sehen. Seurat malte im Freien nur kleine Studien zu seinen eigentlichen Werken. Diese entstehen erst später im Atelier. Zeitgenossen fanden seine Tableaus wissenschaftlich leblos und kalt. Er male keine Posie, wende nur eine Methode an, sagte Seurat selbst über seine Malerei, und man denkt an Edgar Allen Poes „Philosophy of composition“, in der er die Entstehungsgeschichte seines berühmten „Raben“ entzaubert.

Alle Bilder wirken modern, beinahe gegenwärtig. In der Ausstellung wird ein Satz von Wilhelm Genazino zitiert, mit Seurat habe die Fremdheit, das Erschrecken Eingang in den Impressionismus gefunden. Herausgekommen ist dabei eine gebrochene, erstmals abstrakte Idylle, die ihre impressionistische Unschuld verloren hat und die in die Moderne des 20. Jahrhunderts weist. Eine in jeder Hinsicht empfehlenswerte Ausstellung.

Georges Seurat – Figur im Raum. Schirn Kunsthalle. Frankfurt am Main. Bis einschließlich 9. Mai 2010.