Auf der Galerie

Die Ratsvorsitzende der EKD Margot Käßmann ist heute zurückgetreten, nachdem sie bei einer Alkoholfahrt mit dem Auto von der Polizei mit 1,5 Promille Blutalkohol aufgegriffen worden war. Was wäre gewesen, wenn sie unauffällig unterwegs gewesen wäre? Wenn ihre Fahrt nicht von der Polizei unterbrochen worden wäre? Wenn die BILD-Zeitung oder andere Medien nicht berichtet hätten? Wie hätte es dann um ihre Glaubwürdigkeit im Amt gestanden? Die doch abhängig ist nicht von Käßmann, dem Menschen, sondern von dem Bild, das die Medien von ihr zeichnen. Man denkt an die Parabel Auf der Galerie von Kafka: Die „lungensüchtige Kunstreiterin“ in der Manege ist die Kehrseite der „schönen Dame“, die mit größter Leichtigkeit ihrer Kunst lebt. Man denkt an gedopte Leistungssportler, die bejubelt ihre Medaillen ersprinten und danach im Fernsehen interviewt werden. Und man sieht nur die im Lichte.

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6 Kommentare zu „Auf der Galerie“

  1. Es ist unendlich schade, dass Margot Käßmann sich diese Fahrt geleistet hat. Der evangelischen Kirche und manchen Sachthemen wird ihre glaubhafte und wortgewaltige Stimme fehlen. Ich bin traurig, obwohl ich diesen Schritt richtig finde nach dem Geschehenen.

    Andererseits ist Käßmann einmal mehr ein Musterbeispiel dafür, dass Menschen wie sie zu ihren Werten stehen, während andere, nicht selten Mitmenschen aus dem bürgerlichen Lager, sich eher dadurch hervor tun, dass sie Dinge aussitzen und dafür an anderen Stellen von unendlicher Frechheit und viel Doppelmoral geprägte Reden schwingen. Ich denke an Käßmann und gleichzeitig daran, dass die Mixas dieser Welt es noch nicht einmal für nötig halten, dann Haltung zu zeigen, wenn es offensichtlich ist, dass Vertreter der katholischen Kirche sich an Kindern vergreifen.

    Es ist ein Drama. Ich bin traurig und habe gleichzeitig großen Respekt vor Margot Käßmann.

  2. Ja. Aber nun war der Rücktritt ja nur ein Aufhänger für meinen Beitrag. Darin zeigt sich ein grundsätzliches Problem. Nur was wir über ihn erfahren, prägt unser Bild von einem prominenten Menschen. Wenn die Alkoholfahrt nicht bekannt geworden wäre, wäre sie heute noch in ihren Ämtern. Trotzdem wäre sie unglaubwürdig, wenn es um moralische Dinge geht, denn sie hätte ja etwas Unrechtes von einigem Gewicht getan. Ich denke beispielsweise auch an den Journalisten Franz Alt, der jeglichen Unterhalt für seine behinderten nichthehlichen Kinder versagt haben soll. Darüber wird nicht (mehr) berichtet. Ist er als Sachbuchautor („Jesus“) glaubwürdig?

  3. Das ist lustig, dass Du gerade Franz Alt als Beispiel nennst. Ich habe manche seiner Bücher gelesen und war sehr enttäuscht, als ich von seinem Verhalten bzw. von seinem Nicht-Verantwortung-Tragen gelesen habe.

    Es ist wohl auch deshalb so „interessant“ für Leute mit „Schwächen“ zu überlegen, ob sie überhaupt Konsequenzen ziehen müssen, weil man daran arbeiten könnte, dass manche Fakten die Öffentlichkeit gar nicht erreichen oder eben nur in einer Form, die als „nicht so schlimm“ empfunden wird. Die große gedankliche Klarheit, die Käßmann an den Tag legt, wirkt da beinahe schon unmodern.

    Ich bin altmodisch. Wer Werte vorgibt, muss sich an genau diesen Werten auch messen lassen. Gleichzeitig bin ich persönlich nicht bereit dazu, meine (auch offen) gelebten“Werte“ so niedrig anzusetzen, dass ich da jederzeit drüber komme. Auch diese Stellschraube wird ja von öffentlichen Personen heutzutage allzu gerne genutzt. 😉

  4. Ich weiß nicht recht. Für mich stellt sich die Sache ganz andes dar. Da ist ein Mensch – prominent oder nicht – mit einem Alkoholproblem. Dafür spricht für mich die Höhe des Blutwertes. Für mich wäre es durchaus auch glaubwürdig gewesen, sich diesem Problem zu stellen und trotzdem im Amt zu bleiben.

    Aber vielleicht wäre es zuviel verlangt gewesen, sozusagen vor laufender Kamera auf Entzug und in Therapie zu gehen.

  5. Zwei Anmerkungen:
    Sie ist ja nicht nur „einfach so“ erwischt worden – sie wurde kontrolliert, weil sie eine rote Ampel überfahren hat. Glücklicherweise ist nichts passiert.
    Die angesprochene „Glaubwürdigkeit dahin, ohne das jemand die Verfehlung kennt“ ist ein interessantes Problem. Das, was sie im Amt propagiert hat, ist ja erst einmal für sich zu bewerten – unabhängig von der Person, die dies verkündet. Wenn sie z.B. sagt, die Bundesrepublik sollte die Soldaten aus Afghanistan sofort abziehen, dann wird diese Aussage meiner Ansicht nach nicht von ihrer Trunkenheitsfahrt tangiert. Selbst wenn sie öffentlich gesagat hätte, wer Alkohol trinkt, soll dann nicht selbst ein Auto führen, bleibt diese Behauptung richtig. Wir könnten ihr in diesem Fall vorwerfen, das sie „Wasser predigt, aber Wein trinkt“ (was hier wohl sogar wörtlich zutreffen könnte), womit wir bei ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit wären. Die ist erst einmal beschädigt. Ob dies einen Rücktritt rechtfertigt, kann nur sie selbst entscheiden. Sieht man ihr bisheriges Auftreten ins Kalkül, wäre zu erwarten gewesen, das sie anders, konstruktiver damit umgeht – im Amt bleibt, und das Problem löst. Diese schnelle Knall-und-Fall-Entscheidung lässt ein größeres Problem vermuten. Wir werden sehen.

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