„Digitale Identität“, Username und soziale Netzwerke

Unter den etwas bekannteren deutschsprachigen Bloggern dürfte Mario Sixtus einer der schlaueren sein. Auch wenn die Machart seines Elektrischen Reporters mittlerweile schon ziemlich nervt und in der Gefahr steht, sich totzulaufen. Die neueste Folge beschäftigt sich mit dem „Ich im Netz“. Erzählt wird ein Stück gelebte Netzkultur: Von den Anfängen des anonymen Cyberspace bis zur überprüfbaren und somit geschäftstauglichen „digitalen Identität“, die im schlimmsten Fall zu einer eigenen „Marke“ werden kann. Wie beispielsweise das Outfit von Mario Sixtus selbst, denkt man beim Betrachten des Beitrags. Bei 2.01 min. ff. behauptet Sixtus gar, mit der Kommerzialisierung, insbesondere mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke seien die Pseudonyme aus dem Netz verschwunden.

Das ist aber nur eine sehr eingeschränkte Sicht der Dinge, zumindest diese Verallgemeinerung stimmt nicht. Pseudonyme sind immer noch gegenwärtig. Man betrachte sich nur die derzeit 19 Kommentare auf der YouTube-Seite des Beitrags im dortigen Kanal des ZDF: Sie wurden allesamt unter Pseudonym erstellt.

In der Diskussion zu dem Beitrag auf meiner Facebook-Seite kam dann auch schnell die Rede auf eine These (PDF; zugl. Berkeley, Diss., 2008) von Danah Boyd, wonach der Erfolg sozialer Netzwerke, in denen man üblicherweise comme il faut mit Realnamen auftritt, daher rühre, daß diese Plattformen es den Angehörigen der bürgerlichen Mittelschicht besser als andere ermöglichten, sich selbst zu inszenieren, als andere Plattformen, an denen man auch als no name teilnehmen kann. Das Webdesign tue ein übriges: MySpace scheine eher für die Unterschicht attraktiv, Facebook oder Xing wirken in ihrer Schlichtheit sehr viel seriöser. Xing ist ja das Netzwerk, das seine User in den Mitteilungen sogar durchgehend mit dem akademischen Titel anspricht – soweit vorhanden, auch mit mehreren Titeln, wie man hört. Auch die Microblogging-Dienste wie Twitter zählen wohl in diese „bürgerliche“ Gruppe der erfolgreichen Plattformen, denn auch dort tritt man bevorzugt mit Realnamen auf. Mit einem Account bei diesen Netzwerken kann man sich sehen lassen, mit ihnen kann man „firmieren“. User, die ihr Profil nur mit wenigen persönlichen Angaben versehen oder die beispielsweise als Profilbild nur einen anonymen Avatar oder die Abbildung eines Haustiers wählen, bestätigen als Ausnahme gerade diese Regel.

Daneben, so könnte man schlußfolgern, bleibt der Nickname die übliche Form des Webauftritts, wo es nicht auf bürgerliche Attribute ankommt oder wo es nicht darauf ankommen soll, also im Chat, in Wikis oder allgemein in allen browserbasierten Webforen. Dagegen galt in Mailinglisten und im Usenet schon immer das genaue Gegenteil. Dort fordert die Netiquette bekanntlich ein Handeln unter dem Realnamen. Aber das sind Sphären, mit denen sich Mario Sixtus niemals in seinem Videoblog beschäftigen würde: Web 1.0. Steinzeit. Aus dem Umstand, daß auf der Web-2.0-Plattform YouTube das Pseudonym weiterhin gepflegt wird (siehe oben), könnte man schließen, daß die dortigen User wohl doch noch nicht so ganz in der Gegenwart der sozialen Netzwerke angekommen sein dürften. Näheres bliebe aber einer weiteren Untersuchung vorbehalten.

Über meine Meinung zu der Diskussion „Nickname“ vs. „Realname“ hatte ich schon einmal geschrieben. Ich bin weiterhin der Ansicht, daß man online mit demselben Namen auftreten sollte, den man auch offline trägt. Zumindest sollte die Identität leicht aufzulösen sein, z. B. indem man mit dem Namen seines Blogs auftritt, in meinem Fall wäre das die „schneeschmelze“. Ich erinnere mich auch noch an den User „Pi“, von dem man leider seit einiger Zeit schon nicht mehr so viel gelesen hat. Soweit solch ein Name allgemein an Geltung gewonnen hat, steht die Identität ebenfalls nicht mehr in Frage. Er könnte dann unter Umständen sogar das Namensrecht beanspruchen.

Es ist ein Aspekt von bürgerlicher Seriosität, aber auch des „aufrechten Gangs“, wie ich schon einmal schrieb, daß man seinen Namen trägt. Wer sinnvolle Dinge tut, dem können daraus auch keine Nachteile erwachsen.

Für Hinweise danke ich Lambert Heller.

Ein Gedanke zu „„Digitale Identität“, Username und soziale Netzwerke“

  1. Mich freut ja, dass Sie Ihre Einstellung zu Avataren zumindest etwas modifiziert haben. Für mich gibt es verschiedene Gründe, Avatare legitim zu finden.

    1. ist Anonymität im Internet mitunter vergleichbar damit, dass ich es beim Flanieren in der Stadt durchaus genieße, anonym zu sein, und das auch als ein legitimes Bedürfnis empfinde. Man muss auch nicht gleich wikileaks bemühen, um auch soziale Gründe für die Anonymität oder Maskerade als Rechtfertigung zu akzeptieren. (Das gilt jetzt für mich selbst nicht, aber für viele, die eine Trennung zwischen ihrer Persona im Internet und ihrem Berufsleben/Chef/whatever vollziehen wollen). Es ist dann eben wichtiger, /was/ gepostet wird, als /von wem/. Da finde ich es nebenbei — gerade, was die klassischen anonymen Blogs angeht — immer wieder faszinierend, wie man lernen kann, sich eher an die Handschrift von jemandem zu halten als an sein Avatar. Wiedererkennbarkeit ist da eher durch den Stil, durch Wortwahl, Position markiert.

    2. finde ich das Spiel mit Avataren auch unterhaltsam. Ein Avatar stellt ja auch ein Gedankenspiel, einen Möglichkeitsraum dar. Wie ich den bewerte, hängt davon ab, wer das wie benutzt, das lässt sich pauschal nicht verurteilen/belobigen, aber das geht ja mit allem so.

    3. Ein Avatar ist nicht unbedingt dazu da, die „wahre Identität“ zu verbergen, sondern ist /Teil/ der Identität. Auch hierhin passt das Wort vom Möglichkeitsraum, oder einfach, dass man auch im Nicht-Internet-Leben in verschiedenen sozialen Kontexten mit verschiedenen Seiten seiner Persona auftreten kann, ohne die miteinander zu verbinden. Das hat nichts mit Inkonsequenz zu tun oder mit Nicht-Geradlinigkeit, sondern Vielschichtigkeit, zum Teil grundsätzlicher Heterogenität.

    4. Prinzipiell denke auch ich, man muss bestimmte Positionen offen und identifizierbar einnehmen können, sonst könnte man das, was man „öffentlichen Diskurs“ nennt, gleich aufgeben. In meinem konkreten Fall würde ich das eher als goncourt, gerade weil man mich dann wiedererkennt. Ich erinnere mich an irgendeine der vielen Realnamen-Diskussionen im Usenet, wo ein Webdesigner mit ausgefallenem Namen oder Künstlernamen mit genau diesem Namen gepostet hat. Das haben viele nicht verstanden, war aber ein völlig richtiger Weg, schließlich war er mit diesem Namen auch beruflich tätig. Was, wenn nun einer mit dem Namen „Hans Udo Lämmer“ nur einen Avatar gewählt hat, weil er mit seinem bürgerlichen Namen „Trixie Pumpernickel“ nicht für voll genommen würde? Und was ist mit „Jürgen Fenn“? 😉 — Nebenbei übrigens empfinde ich diese ganzen Cluster von Business- und Marketing-Accounts auf Twitter, wo jemand neben bürgerlichem Namen und Krawattenbild auftaucht, als eine einzige Avatar-Hölle. Mir geht dann immer der spannende marxistische Begriff „Charaktermaske“ durch den Sinn. (Welche historische Stellung hatte eigentlich die Einführung der bürgerlichen Namen in der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft?)

    5. Klar: Pseudonym ist natürlich nicht immer gleich Avatar. Was die myspace-/youtube-Seiten angeht – das sind oft nur Geräusche, Spuren etc., durch die das Internet aber wesentlich spannender wird. Ich muss immer an Faulkners „Sound and Fury“ denken, wo man lange nicht genau weiß, wer eigentlich welche Stimme hinterlassen hat. Eben: es sind Stimmen, es ist Grundrauschen. Wenn man verstehen will, was heute Jugendkulturen, Subkulturen etc. sind (oder was anderes unter ganz anderem Label), wird sich nicht nur an personalen Standpunkten orientieren können, sondern eben daran, was hier, in all dem Trash, federt.

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