Das Usenet schrumpft

Immer weniger Postings im Usenet, nun auch in den TeX-Newsgroups. Sie waren sozusagen eine letzte Bastion im Usenet, neben den Linux- und den Macintosh-Gruppen. Nur 20 oder 30 neue Postings an einem Tag sind ungefähr ein Drittel oder ein Fünftel von dem früheren Aufkommen.

Der eigentliche Bruch kam bereits im Jahre 2003, als der bis dahin nur registrierpflichtige und providerunabhängig nutzbare Newsserver des Deutschen Forschungsnetzes news.cis.dfn.de unter der neuen Bezeichnung news.individual.de kostenpflichtig wurde. Damals wechselten wir zunächst zum Newsserver von Arcor. Seit ich eine DSL-Flatrate habe, nutze ich den Newsserver meines Providers, und ich hoffe, daß dies noch lange so bleiben möge. Denn in den USA gehört das Usenet seit kurzem nicht mehr zu den Standardleistungen eines Internet-Providers.

Obwohl der Traffic im Usenet insgesamt ständig zunimmt, geht der größte Teil des Anstiegs auf die Zunahme in den Binaries-Gruppen zurück, und der Traffic in den deutschsprachigen Newsgroups sinkt seit Jahren stetig. Er verteilt sich mittlerweile auf mehrere Kanäle. Webforen, Chats und Instant-Messaging werden rege genutzt, in den letzten Jahren zunehmend auch die „sozialen Netzwerke“, insbesondere Twitter und Facebook. Viele kennen heute das Usenet nur noch über das Web-Interface von Google Groups und bemerken den Unterschied zum Webforum gar nicht mehr. Wahrscheinlich meinen die meisten, vor allem die jüngeren User, die de-Hierarchie im Usenet wäre ein Dienst von Google.

Und Mailinglisten sind ebenfalls fast nur noch für technische Themen gefragt. Die Arno-Schmidt-Mailingliste ist zwar ein prominentes Gegenbeispiel, was aber am Trend insgesamt nichts ändert. Auch auf dieser Liste nehmen die passiven Nutzer zu, immer weniger User tragen den Betrieb und posten Neuigkeiten. Die man im Usenet häufig umsonst sucht, gerade wenn man – um bei der Literatur zu bleiben – die Newsgroup de.rec.buecher als Beispiel nimmt. Früher erfuhr man hier zuerst, wer einen Literaturpreis erhielt, auf welche neue Werke einen Blick zu werfen sich lohnen könnte, teils wurden Interpretationen im Vergleich diskutiert. Es war ein richtiger kleiner Literaturteil als virtuelle Gruppe organisiert. Kollektive Intelligenz, sozusagen, denn hier war viel literarischer Sachverstand versammelt. Heute erschien in dieser Gruppe nicht ein einziges Posting. Die damaligen Regulars bloggen mittlerweile oft sehr gehaltvoll vor sich hin, diskutieren auch auf sozialen Netzwerken miteinander und mit anderen, meiden aber offenbar die alte Newsgroup. Sie ist mittlerweile sehr viel weniger lesenswert geworden.

Auch auf dem Newsserver von Microsoft lassen die Anfragen nach. Die dortige deutschsprachige Mac-Newsgroup ist schon seit langem so gut wie tot.

Was aber nicht heißt, daß die technisch versiertesten Anwender nicht weiterhin im Usenet erreichbar wären. Deshalb ist eine Google-Groups-Recherche ganz sicherlich auch heute noch sinnvoll, wenn sich auch die Informationen heutzutage über sehr viel mehr Kanäle verteilen, die man über die mehr oder weniger spezialisierten Suchmaschinen abdecken muß.

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4 Kommentare zu „Das Usenet schrumpft“

  1. Nu ja. Fehlenden Anklang haben sich viele Newsgroups selbst zuzuschreiben. Es ist ein wenig so wie mit Debian und Ubuntu: während ein Anfänger irgendwo im Ubuntuland immer Hilfe bekommen wird, bekommt er in den Debian-Listen/Groups allenfalls ein RTFM an Kopf geknallt. „Deine Einleitungszeile/Signatur ist zu lang.“ „Dein Zeichensatz…“ „Kammquoting!“ dürften so typische Begrüßungen sein.
    Dann sind da noch ein paar Spezialitäten, wie zum Beispiel das Biotop der Helmgegner de.rec.fahrrad oder das mittlerweile von Digitalos geschliffene Analogiker-Reservat in de.rec.fotografie, die für viele zurecht sehr abschreckend wirken und ein Medium, mit etwas pluralistischer Meinungsabbildung sinnvoller erscheinen lassen.
    Der andere Punkt ist, dass im Internet pro Tag mehr technische Kompetenz verloren geht als Wasser den Rhein runterfließt. Alles was Facebook etc. bieten bietet auch ein Blog mit einer Handvoll dedizierter Dienste drumherum. Die Fähigkeit sich so eine Kommunikationslösung zusammenzustellen, ist vielen verloren gegangen. Gleichzeitig sehen viele es nicht mehr ein, für einen Dienst einen Client zu installieren und dem Usenet fehlen viele essentielle Dinge, die z.B. eine Wave hat, darunter die Einbindung von Bildern und Multimedia (ein Link ist keine Einbindung) oder ganz banal Schriftarten und Fettdruck.
    Den Niedergang des Usenets sehe ich übrigens deutlich früher September 01 war der Höhepunkt usenet.dex.de und irgendwo März 05 ist der Wendepunkt

  2. Das Maximum 2001 stimmt, der Umschwung traf damals ziemlich genau mit „9/11“ zusammen. Von einem Wendepunkt 2005 ist dort aber nichts zu erkennen. Viele hatten sich vom Usenet abgewandt, als der kostenfreie Zugriff auf cis.dfn.de nicht mehr möglich war. Der Stimmungsumschwung in der Gemeinde war doch sehr deutlich damals. Und was „RTFM“ usw. angeht: Ich bin ein großer Fan der Netiquette, einschließlich technisch einwandfreier Postings, und habe diesbezügliche Hinweise immer gerne aufgenommen und auch umgesetzt. Es hat mir nicht geschadet.

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