Es gibt keinen „irgendwie“ aufrechten Gang

von schneeschmelze

„Freitag“-Herausgeber Jakob Augstein erntete zurecht den Zorn der „Freitag Community“, als er einmal in einer Diskussion äußerte, der Standpunkt seiner Zeitung sei „irgendwie links“. Man bemängelte die dezidiert linke Haltung, die „den Freitag“ früher ausgezeichnet hatte. Die ist Augstein offenbar zu wenig mainstreamig, und das ist gerade das Problem, das weit über die Querelen rund um die Zeitung hinausweist: „Links“ ist es jedenfalls, einen kritischen Ansatz zu dem jeweiligen Gegenstand zu verfolgen.

Diese Haltung ist gerade in den letzten etwa 20 Jahren zunehmend verlorengegangen durch den immensen Anpassungsdruck, den das Kapital auf die Gesellschaft ausübt. Bei den Betriebswirten am Ende des Grundstudiums, die vor fünf Jahren an meinen Tutorien teilgenommen hatten, war es deutlich zu bemerken: Kein „unnötiger“ und später womöglich begründungsbedürftiger Schlenker abseits von den vorgegebenen Pfaden, der den Lebenslauf auch nur einen Hauch von der vermeintlich vorgegebenen Norm entfernen könnte, schien ihnen auch nur eine Erwägung wert zu sein, und die Angst davor, durch einen eigenen Fehler von der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen zu sein, prägte die Stimmung dieser Generation, die sich damit gerade beim Lernen den Weg zur eigenen Erkenntnis selbst versagt hat. Dabei geht der Abbau von Arbeitsplätzen im privaten und im öffentlichen Sektor auch so munter weiter, ohne daß sich jemand in irgendeiner Weise zurechtböge oder dies unterließe. Jüngstes Beispiel: Wieder einmal Siemens.

Das eigentliche Problem ist, daß die kritische Haltung in der Gesellschaft insgesamt abhanden gekommen ist. Sie muß wiederhergestellt werden, nicht nur in der Publizistik. Sie kann aber nicht der Gesellschaft übergestülpt werden, das muß von unten kommen. Wer den aufrechten Gang, den Ernst Bloch meinte, nicht gelernt hat, kann nicht „links“ sein. Wo er nicht geübt würde, könnten die Zeitungen schreiben, was sie wollten, es wäre nur publizistisches Theater. Dort muß man ansetzen, sonst ist alles eben nur „irgendwie“, aber nicht richtig.

Das Bildungswesen wäre also gefragt. Das aber wurde von der Politik zunehmend zu einem Agenten des Kapitals deformiert, indem es gerade den besagten Anpassungsdruck in der nachwachsenden Generation erst aufbaut. So wird das Bildungswesen zu einem Ort der Gegenaufklärung. Zu dem eine dezidiert linke Haltung aus dem „Überbau“ heraus immer weniger paßt.

Was ist das Gegenteil von „aufrecht“? Bloch nannte sie in seiner Friedenspreisrede 1967 die „Duckmäuser“: Sie „sagen nicht so und nicht so, damit es nachher nicht heißt, sie hätten so oder so gesagt“. Der Duckmäuser ist das eigentliche Leitbild unserer Bildung.