Es gibt keinen „irgendwie“ aufrechten Gang IV

von schneeschmelze

Der Frage, welches die „richtige“ Haltung sei,[1][2][3] kann man sich von vielen Seiten her nähern. Gesucht ist diejenige Haltung, die nicht beliebig, sondern bestimmt einzunehmen wäre, und die ist schwer zu finden in einer Gesellschaft, die die ständige Bereitschaft zur Flexibilität als wichtigste Anforderung formuliert hat, die auch die Individualität dem einzelnen abspricht und einen ganz erheblichen Anpassungsdruck ausübt.

Das wußte schon Adorno, der sein ganzes Leben seit der Emigration so eingerichtet hatte, daß er jederzeit wieder hätte gehen können. In einem Filmausschnitt, der in der Ausstellung über die Rückkehr der Frankfurter Schule zur letzten Jahreswende im Jüdischen Museum in Frankfurt gezeigt worden war, erzählte Alexander Kluge, daß auch das ganze Institut für Sozialforschung, das Adorno und Horkheimer seinerzeit neu begründet hatten, so organisiert worden war, daß es jederzeit wieder hätte verlegt werden können, falls das noch einmal notwendig gewesen wäre.

Die „Minima Moralia“, die Adorno aus dem Exil mitbrachte, sind ein Zeugnis des intensiven Nachdenkens über ein gebrochenes oder „beschädigtes Leben“, dem jede Gewißheit und Planbarkeit, jeder sichere Bezugspunkt genommen worden ist und das unsicher sich vorwärtstastend versucht, die Konturen einer „richtigen“ Haltung zum Leben zu wähnen, wo es aus ganz grundsätzlichen Gründen heraus keine Gewißheiten mehr geben kann. Insofern ist das Buch auch für die Gegenwart ein nützlicher Ausgangspunkt für die Reflexion über die eigene Verortung in der Unsicherheit.

Wahrscheinlich das bekannteste Zitat aus den „Minima Moralia“ ist der letzte Satz aus dem 18. Text „Asyl für Obdachlose“: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Es ist wahrscheinlich auch der am häufigsten falsch verstandene Satz Adornos, geade weil er so eingängig ist und weil er für sich allein stehen kann, aber auch weil er so vieldeutig ist und auf alles mögliche paßt. In dem Stück geht es eigentlich um die Unmöglichkeit, sich „richtig“ in seiner Wohnung einzurichten: nur nach der Tradition, das geht nicht mehr, nur modern wäre auch nichts, und kleinbürgerlicher Kitsch wäre erst recht keine Lösung, das erwägt er nicht einmal. Keine denkbare Lösung scheint noch zu funktionieren, jede ist auf ihre Weise problematisch, letztlich führt jedenfalls keine zum Ziel, dem Asyl, das der Unbehauste sucht, der der „Möglichkeit des Wohnens“ beraubt worden ist, die er doch immer wieder herbeizuführen sucht, auf die alles irgendwie hinausläuft. Gerade auch das Verhältnis des einzelnen zum privaten Eigentum, an dem er nicht vorbeikommt, „solange er überhaupt noch etwas besitzt“, ist „schwierig“ geworden. Die Auflösung von These und Antithese gelingt nicht – gelingt nicht mehr? Letztlich kann man sich nicht einrichten in einem Leben, in dem alles „falsch“ ist. So endet es brüsk. Und vorab, im 17. Text, erkennt der Autor, daß das nicht nur für ihn, den Exilanten und damit Außenseiter, gelte, sondern „im Prinzip“ für jeden.

Auch das gilt es im Blick zu behalten, wenn man die Möglichkeit des „aufrechten Gangs“ heute weiterhin einfordert. Der grenzenlos flexible Mensch könne jedenfalls nicht mündig sein, sagte – wiederum – Adorno in einer Diskussion über die „Erziehung zur Mündigkeit“ 1969 im Hessischen Rundfunk.