Worum es eigentlich geht II

von schneeschmelze

Bei der erneuten Lektüre der „Minima Moralia“[1] fällt mir immer mehr auf, wie sehr manche Stücke gegenwärtig sind in dem Sinne, daß man meinen könnte, sie beschrieben die Gegenwart. Natürlich ist das ein Trugschluß. Adornos Frühwerk hat einen sehr konkreten Hintergrund und eine sehr bestimmte Aussage, die sich auf seine Zeit und auf seine ganz persönliche Situation der Flucht vor den Nazis und der Emigration nach Amerika bezog. Woher kommt also das Eindruck, daß uns die „Minima Moralia“ heute etwas sagen? Freilich sind sie, wie jeder etwas bessere Text und jedes Kunstwerk, in gewissem Sinne „zeitlos“, allgemeingültig. Aber damit hat es nicht sein Bewenden. Man merkt an den Bildern, die Adorno zeichnet und die sich gerade an der bürgerlichen Gesellschaft reiben, was wir mittlerweile an gesellschaftlichem Fortschritt schon wieder verloren haben: Durch den Verlust an Rechtstaatlichkeit[2] und an sozialer Sicherung nämlich. Die sozialen Sicherungssysteme hatten die Unsicherheit, die der Moderne und der bürgerlichen Gesellschaft innewohnt, zu einem guten Teil verdeckt, indem sie sie kompensierten. Sie hatten die Menschen beruhigt und ihnen ein Dasein in Würde gegeben. Sie hatten die Gesellschaft egalisiert, weil sie diese Sicherheit jedem gaben; die Reichen bedurften ihrer nicht, sie konnten sich schon immer alles selber besorgen. Das Ergebnis war die sogenannte „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ in der Blütezeit der alten Bundesrepublik, sozusagen. Das alles ist den Bürgern nun in den letzen Jahren Schritt für Schritt – und übrigens ohne Not – wieder entzogen worden. Beschädigt und zunehmend unbehaust bleiben die Habenichtse zurück und frieren im kalten Wind der Globalisierung, die, da hatte Albrecht Müller in seiner publizistischen „Nachdenk“-Kampagne von Anfang an recht, fürwahr nichts Neues ist, sondern „ein alter Hut“, ein ganz alter, sogar. Sehr viel älter immerhin als die „Minima Moralia“. Eines haben die Sozialsysteme nämlich niemals bewirkt: Sie haben den uralten Gegensatz von Arbeit und Kapital nicht beseitigt, nicht aufgehoben. Denn sie waren ein Ausdruck des „sozialdemokratischen Jahrhunderts“, in dem gerade dieses nicht vorgesehen war. Die derzeitigen sozialen Verwerfungen im Überbau ebenso wie an der Basis sind auch eine Folge dieses sehr grundlegenden Fehlers der bundesdeutschen Politik.