Eine „Gender-Debatte“ …

Ja, die Piraten ignoriere ich auch schon lange. Natürlich gibt es Geschlechterunterschiede, wir diskutierten zum Beispiel vor ein paar Wochen Unterschiede bei der medizinischen Behandlung von Männern und Frauen (Apparate- vs. Pillen- und Psycho-Behandlung und -Diagnostik). Habe ich selbst gerade erlebt. Und doch: Auch wenn das Gender-Thema immer noch gut ist für „viel Lärm“, es kommt heute anders als früher, seit die Verteilung der Früchte sowieso nicht mehr von der Ausbildung und vom Können, sondern vor allem vom Zufall abhängt. Wer einmal das Hin und Her zwischen Frauen- und Schwerbehindertenbeauftragten bei einem Einstellungsverfahren im öffentlichen Dienst erlebt hat (als Betroffener, als Ausschreibender, whatever), wird solche aufgeregten Diskussionen, wie sie hier heute abend aufgeschlagen sind, mehr oder weniger kopfschüttelnd mitlesen …

Kommentar im Blog „Sammelmappe“ zu einer Diskussion um die Rolle, die die Frauen bei der Piratenpartei spielen, 1. März 2010.

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„Manufacturing Depression“

Ich kann mich noch gut an die Titelstories in den großen amerikanischen Zeitschriften erinnern, als in den 80er Jahren Prozac auf den Markt kam. Die Glückspille schien erfunden. Die Verordnungen nahmen zu. Umgekehrt wurde die Diagnose „Depression“ häufiger. Ein großes Geschäft. Heute umso mehr, in Zeiten der Krise, der Exklusion von immer mehr Menschen, die wirtschaftlich nicht mehr gebraucht werden, der „wasted lives“ (Bauman).

Bei Democracy Now erzählt der amerikanische Psychotherapeut und Autor Gary Greenberg („Manufacturing Depression: The Secret History of a Modern Disease“) über seine eigenen Erfahrungen bei der Teilnahme an klinischen Tests, in denen sich gezeigt hat, daß die modernen Antidepressiva nicht wirkungsvoller sind als Placebos:

„[…] What happened was that I returned to Mass General every other week for two months, and I was given the same battery of tests over and over again. And as the time went on, I appeared to be getting better on the tests that were being used to measure my depression. At the end of the trial, I asked if I could be told if I was on the placebo or the drug, and they told me no, but since it was the next to the last day of the trial, I still had some pills left. I sent them off to a lab, and it turned out I was on the placebo. […] I thought that was really interesting. […]“

Finanztest: Vermieterschutz statt Verbraucherschutz

Die Stiftung Warentest „wurde 1964 auf Beschluss des Deutschen Bundestages gegründet, um dem Verbraucher durch die vergleichenden Tests von Waren und Dienstleistungen eine unabhängige und objektive Unterstützung zu bieten“, heißt es auf der Website der Organisation.

Die Stiftung ist also auf dem Gebiet des Verbraucherschutzes tätig, und so war es eine Selbstverständlichkeit, daß sich auch Wohnungsmieter aus Finanztest über ihre Rechte informieren konnten. So war es jedenfalls bisher. Bei der Stiftung scheint es zu einem Paradigmenwechsel gekommen zu sein. Im aktuellen Heft Finanztest 3/2010 bekommen Vermieter, rechtzeitig zur Umzugssaison im Frühjahr, kurz vor Heftschluß auf Seite 98 in der Rubrik „Gewußt wie“ heiße Tips, wie sie lege artis in vier Schritten „Eigenbedarf anmelden“ können. Der Beitrag ist auch online abrufbar. Tips für den Mieter, wie er sich gegen eine ungerechtfertigte Kündigung des Vermieters erfolgreich wehren kann, fehlen dagegen.

Damit verstößt die Stiftung Warentest gegen ihren satzungsmäßigen Auftrag. Sie ist insbesondere dazu verpflichtet, „neutral, allgemeinverständlich und sachgerecht erläuterte Arbeitsergebnisse [zu] veröffentlichen“. Die einseitige Beratung von Vermietern zur Durchsetzung ihrer Interessen gegenüber Verbrauchern zählt dagegen nicht zu ihren Aufgaben. Die Aufklärung von Wohnraummietern fällt so ganz unter den Tisch.

Diese Entwicklung zeigt leider einen Trend bei den Veröffentlichungen der Stiftung Warentest, in denen beispielsweise auch die Rechte von Sozialleistungsempfängern, abgesehen von gesetzlich Krankenversicherten, kaum eine Rolle spielen, während sich Privatversicherte laufend und umfassend aus den Publikationen der Stiftung unterrichten können. Mit der aus Steuergeldern finanzierten Rechts- und Geldanlageberatung in Finanztest zielt sie auf eine finanzstarke Klientel und läßt sozial Schwache ganz außen vor, obwohl gerade sie in besonderer Weise darauf angewiesen sind, auch kleine finanzielle und rechtliche Vorteile wahrzunehmen, um ihre Lage zu erhalten und eventuell verbessern zu können.

Inkubationszeit und Geistesblitz

Lese gerade den Artikel „Phasen des kreativen Prozesses“ in der deutschsprachigen Wikipedia:

„Nach der Festlegung von Problem und Ziel erst beginnt das Suchen nach Ideen zur Problemlösung. Um möglichst viele, originelle Ideen zu finden, können Kreativitätstechniken angewendet werden. In dieser Phase ist jegliche Kritik an Ideen zu unterbinden. Es wird empfohlen, nach einer anstrengenden Denkphase zu entspannen und von dem Problem Abstand zu nehmen, um in der Inkubationszeit dem Unterbewusstsein die Möglichkeit zu geben, Geistesblitze zu entwickeln.“

Ja, gerne etwas Abstand, und dann einen Geistesblitz, bitte.