Im Datenbad

Die Times und die Sunday Times haben angekündigt, den Zugriff auf ihre Websites ab Juni diesen Jahres nur noch gegen Entgelt zu ermöglichen. Man wird die Texte aus diesen beiden Zeitungen dann nur noch für £1 pro Tag bzw. für £2 pro Woche lesen können. Es ist der Versuch, das Gemeingut „Information“ künstlich zu verknappen. Wie sinnvoll das sein könnte, mag sich jeder selbst überlegen. Wir baden in Daten. Genauer: In kostenlos verfügbaren Daten. Die Nachrichtenmaschine läuft als Teil der Kulturindustrie rund um die Welt rund um die Uhr. Als Blogger stelle ich auch selbst ständig welche her. Und auch die Wikipedia ist so ein Textkorpus, in den ständig soviel Arbeit einfließt, daß er schon heute einen gehörigen Wert erreicht haben dürfte. Geld zahle ich dagegen für wirklich originelle Produkte, die ich nicht anderweitig erhalte und von denen ich irgendwie profitiere. Wenn jemand meint, daß das für die Times gelte, möge er dafür etwas zahlen. Aber grundsätzlich glaube ich weiterhin nicht, daß der kommerzielle Vertrieb von Journalismus online funktionieren wird, eben weil es möglich ist, sich über den Kanal „Internet“ aus einer sehr großen Zahl von Quellen ohne weitere Kosten zu informieren.

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Diskussion im Literaturhaus Frankfurt: Heribert Schwan, Tony Judt und Jean-Michel Palmier

Wenn man als Vierzigjähriger zu einer Veranstaltung im Literaturhaus Frankfurt geht, ist man ganz sicherlich der jüngste Besucher im Publikum. Es war trotzdem (oder gerade deswegen?) ein interessanter Abend. Unter der Leitung von hr2-Redakteur Peter Kemper diskutierten (von links nach rechts auf dem Podium plaziert) Martin Lüdke, Franziska Augstein und Micha Brumlik pointiert und lebendig über drei neuerschienene Sachbücher. Der vierte Diskutant war Heribert Schwan, der zusammen mit Rolf Steininger eine neue Biographie über Helmut Kohl zu dessen 80. Geburtstag vorgelegt hatte.

Schwan verteidigte, auf mich ein bißchen wichtigtuerisch wirkend, sein Werk tapfer, er konnte letztlich aber nicht überzeugen. Er gab an, viele bisher unbekannte Dokumente, die für die historische Forschung noch lange Zeit nicht zugänglich sein werden, in den Archiven eingesehen zu haben. Dies sei notwendig geworden, weil ein ausführliches Interview, das er mit Kohl geführt habe, von dessen Frau nachträglich nicht freigegeben worden war. Man habe sich dem Jubilar also auf andere Weise nähern müssen. Kohl habe drei schwere Operationen an der Gallenblase hinter sich. Er habe sein Sprachvermögen so gut wie verloren und werde mittlerweile von seiner Frau ebenso beherrscht wie umsorgt. Schwan ist der Ansicht, die Geschichtswissenschaft werde ein gänzlich anderes Bild von Kohl zeichnen als das heute vorherrschende, wenn all diese Quellen, die im Buch nicht näher bezeichnet werden, erst einmal gewürdigt worde seien.

Die überzeugenden Einwände der Mitdiskutanten ließ er nicht gelten. Brumlik wies darauf hin, daß die Geschichte niemals nur von einer zentralen Gestalt beherrscht werde, sondern daß diese immer in bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhängen wirke. Alle übrigen Teilnehmer äußerten zudem, daß die diversen Schwarzgeldaffären der CDU, die von Kohl zu verantworten waren, der Partei bis heute anhingen. Martin Lüdke führte den offenen Verfassungsbruch an, als jener sich unter Bezugnahme auf ein sogenanntes „Ehrenwort“ weigerte, den ominösen Großspender öffentlich zu nennen. Er werde dieses Geheimnis nun wohl mit ins Grab nehmen. Franziska Augstein rief dazwischen: „Leo Kirch!“

Schwans Erwiderung hierauf läßt an seiner Sachverständigkeit zur Beurteilung politischer Zusammenhänge nachhaltig zweifeln, denn er verwies das doch sehr verwunderte und an dieser Stelle zunehmend unruhiger werdende Publikum allen Ernstes darauf, Kohl habe dieses Geld ja nicht für sich selbst behalten, sondern es unter den CDU-Landesfürsten verteilt, damit diese ihren Landtagswahlkampf damit finanzieren konnten. Dieser Satz ausgerechnet in Hessen, wo bis heute die einst mit Ausländerfeindlichkeit und mit sehr viel Schwarzgeld an die Macht gekommene Gruppe um Roland Koch regiert! Brumlik erinnerte zudem an den Bitburger Skandal, als Kohl Gräber von gefallenen SS-Angehörigen ehrte, und auch das Wort von der „Gnade der späten Geburt“ wurde erwähnt. Kohl scheute sich eben gerade nicht, als geistiger Brandstifter zu wirken, wenn es seinen Zielen dienlich war.

So wurde deutlich, daß es sich bei Kohl, gerade auch im nachhinein, um einen ausgesprochen problematischen Politiker handelte, und daß seine zeitgenössische satirische Beschreibung als „Birne“ dies eher noch verharmloste.

Nach diesem etwa einstündigen Auftakt stellte Franziska Augstein, auf mich etwas fahrig wirkend, Tony Judts Essaysammlung „Das vergessene 20. Jahrhundert“ vor und wies zunächst einmal darauf hin, daß der Hanser-Verlag den Untertitel „Die Rückkehr des politischen Intellektuellen“ sehr frei sich ausgedacht habe: Der Originaltitel laute: „Reappraisals: Reflections on the forgotten twentieth century“. Judt wurde insbesondere als bemerkenswerter Stilist gewürdigt. Die Textsammlung sei auch im nachhinein überaus lesenswert, auch wenn die einzelnen Stücke ursprünglich nicht im Zusammenhang entstanden seien und auch nicht aufeinander Bezug nähmen. Kontrovers werde vor allem seine Haltung zum israelisch-palästinensischen Konflikt diskutiert, vor allem in Israel, ergänzte Brumlik. Schade war, daß Schwan auch in diesem Teil der Diskussion seine dauernden Nadelstiche gegen Augstein weiter fortsetzte.

Martin Lüdke, der gelöst mit einem Glas Rotwein auf dem Podium Platz genommen hatte, referierte schließlich über Jean-Michel Palmiers opus magnum über Walter Banjamin, „Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein; Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin“, das mit über 1300 Seiten schon heute als neues Standardwerk gefeiert werde – zurecht, wie Lüdtke meinte, und niemand widersprach dem ernstlich, wenn auch Rolf Wiggershaus hieran Zweifel geäußert habe, die sich wohl vor allem auf den Umfang des Buches und dessen Angemessenheit gründeten. Augstein outete sich als Leserin, die früher große Probleme mit Benjamins Texten gehabt habe. Selbst Foucault habe sie im Vergleich zu Benjamin noch als wesentlich einfacher zu lesen empfunden. Und Lüdke warf ein, „selbst Horkheimer“ habe Benjamins Arbeiten teils nicht verstanden. Die Haltung zu Benjamin, der als Angehöriger der Frankfurter Schule in den 60er und 70er Jahren eher zu monumental „aufgebaut“ worden war, ändere sich. Man erkenne mittlerweile auch die Grenzen seines Werks, etwa einige Mängel seiner Marx-Lektüre, und frage sich mittlerweile, was von ihm denn schließlich bleiben werde. Brumlik lobte die übersetzerische Leistung von Horst Brühmann. Es sei außerordentlich schwer, einen „gelehrten französischen Text“ so ins Deutsche zu übertragen, daß man ihn immer noch verhältnismäßig leicht lesen könne. Währenddessen interessierte sich Schwan eher für die bekannteren Aspekte wie etwa den Spekulationen über Banjamins Todesursache. Gelangweiltes Abwinken aus der ersten Reihe (saß dort Wilfried F. Schoeller?).

Und so wurde auch zum Ende des Abends deutlich, daß der alte 68er-Konflikt bis heute weiterschwelt, auch wenn man es kaum noch hören kann. Zumindest als Vierzigjähriger. „Es waren zwei Königskinder,| die hatten einander so lieb,| sie konnten beisammen nicht kommen,| das Wasser war viel zu tief.“

Eine gekürzte Aufzeichnung der Veranstaltung soll am 11. April 2010 um 12.05 Uhr in hr2 gesendet werden.

Drei Monate später

Habe schon lange nichts mehr getwittert. Aber es hat sich nicht viel geändert seit damals, habe mich gerade umgesehen: Identi.ca hat immer noch die interessanteren User und die spannenderen Features. Über XMPP kann man über die mitausgelieferte MID jetzt direkt einzelne dents und conversations im Browser öffnen. Das Webinterface ist jetzt vollständig ins Deutsche übersetzt worden. Habe Avatar und Legende meines Accounts mal auf den neusten Stand gebracht. Identi.ca rockt, und Twitter, Facebook, Xing sind sozusagen der röhrende Hirsch des social networking

Die Panne

Man kennt die Erzählung von Dürrenmatt aus den 50er Jahren über die Autopanne und ihre fatalen Folgen. Heute ist das alles sehr viel weniger aufregend. Ist mir heute passiert: Mein Wagen fuhr nicht mehr weiter. Der Motor ging aus, als ich an der roten Ampel hielt, und er war nicht mehr zu starten. Zu den Verwicklungen, die der Schweizer Dichter beschrieben hat, kam es aber glücklicherweise nicht, denn heutzutage hat man ein Handy dabei. Man ruft die Hotline des Autoherstellers an, der innerhalb einer halben Stunde einen Abschleppdienst in die nächste Vertragswerkstatt organisiert. Jetzt ist mein Auto also sozusagen in der Autoklinik, es wird morgen untersucht werden, und ich bin sehr gespannt, was ihm jetzt wohl fehlt. In der halben Stunde, die ich aufs Abschleppen wartete, hielten übrigens nur zwei Autofahrerinnen und ein Fahrer an und erkundigten sich, ob ich eventuell Hilfe bräuchte. Und es fuhren sehr viele vorbei an dieser sehr belebten Kreuzung am Neu-Isenburger Stadtrand.

Frühlingsvögel

Das Zwitschern der Vögel hat in den letzten Wochen immer mehr zugenommen. Es ist jetzt so allgemein geworden, daß man sich kaum noch an die Stille erinnern kann, die im Winter vorhanden war. Die Stille gehörte zu Schnee und Eis. Jetzt blühen schon die ersten Sträucher, und an manchen Baumzweigen sieht man Knospen.