„Du hast nur 1000 Witze“

„Du meinst, Du hast nur 1000 Witze?“, wurde F. K. Waechter in einem großen Interview von seinen Redaktionskollegen auf der TITANIC gefragt, als er seine gezeichnete Kolumne „Das stille Blatt“ 1992 einstellte. So ist es vielleicht. Und mir kommt es auf einmal so vor, als hätte ich nur 500 Blogbeiträge. Denn das ist genau die Zahl an Texten, die die schneeschmelze derzeit umfaßt, wenn ich der Blogstatistik von WordPress.com glauben darf (und warum sollte ich das nicht). Ich weiß nicht, ob es ein Abschied ist oder nur eine Unterbrechung, eine erneute Pause. Ich meine jedenfalls, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt dafür, und das rät mir auch mein Gefühl heute abend. Vieles bleibt unvollendet, zum Beispiel die Schilderung des langen Frühlings[1][2][3]. Und auch der Wanderer[4][5][6][7][8][9] hat sein Ziel noch nicht gefunden, jedenfalls nicht hier in diesem Blog. Aber er zieht weiter. Es waren 15 aufschlußreiche Monate für mich, an denen erstaunlich viele andere teilhatten, die meisten nur virtuell, sehr wenige auch persönlich. Meinen Lesern danke ich sehr für ihr Interesse sowie für die engagierten und oft auch lieben Kommentare. Das hatte mich sehr gefreut. Wenn mir der 501. Blogbeitrag einfällt, schreie ich. Ganz bestimmt. Ganz laut. Aber jetzt muß ich mich um etwas wichtigeres kümmern. Denn vom Kleinen Prinzen wissen wir ja: « Au matin du départ il mit sa planète bien en ordre. »

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Rot-schwarze Diskussion zur Landtagswahl in NRW

Heute abend fand im WDR-Fernsehen und im Hörfunkprogramm WDR5 eine Diskussion mit den Spitzenkandidaten von SPD und CDU zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen statt. Ein sogenanntes TV-Duell zwischen Hannelore Kraft und Jürgen Rüttgers. Was man selten sieht: Journalisten fragten konzentriert, und die Politiker argumentierten. Trotzdem erkenne ich aus dem Verlauf des Gesprächs heraus keine wirkliche politische Alternative zwischen den beiden Kandidaten. Soziale Themen dominierten, vielfach waren es aber Politikbereiche, die gar nicht in die Landespolitik fielen, wie zum Beispiel die Renten- oder die Gesundheitspolitik, die Kopfpauschale. Hierauf würde man erst Einfluß nehmen können, wenn man die Bundespolitik über den Bundesrat bei entsprechendem Wahlausgang blockieren könnte. Die Bildung nahm überhaupt einen großen Raum ein: gegliedertes vs. einheitliches Schulsystem. Und die unsozialen Studiengebühren. Es hat aber ein Geschmäckle, wenn die SPD-Kandidatin gleich zu Anfang der Sendung und dann wieder zum Schluß gegen die von Rot-Grün eingeführte Soziale-Kälte-Gesellschaft namens Hartz IV anredet und plötzlich entdeckt, daß die von ihrem Vorgänger Clement als Bundesminister eingeführte Förderung der Zeitarbeit von „den Firmen mißbraucht“ werde. Tenor: Es war doch alles so gut gemeint, es hätte so schön werden können. Andererseits entdeckte der CDU-Amtsinhaber fünf Minuten vor Schluß – wie peinlich – das Schreckgespenst Rot-Rot und sagt, er „möchte nicht mit den Grünen koalieren“. Um das auszuschließen, ist er zu vernünftig. Und am Ende gab es eine Gutenachtgeschichte vom Landesvater. Natürlich wurde die Live-Sendung auf Twitter begleitet. Die Twitter-Suche lieferte ständig zu dem Tag #tvduell Meinungen zum Verlauf. Auffällig war, daß bei dem Twitter-Konkurrenten Identi.ca über die Suchfunktion nicht eine Meldung hierzu sich finden ließ. Die dortige Suche ist bekanntlich problematisch. Aber Twitter ist auch sehr viel politischer, das wird leider immer deutlicher. – Welche Ansichten haben eigentlich die anderen Parteien, die zur Wahl stehen?

Facebook is a closed shop IX

Die Menschen verschenken zwar nicht ihre Seele an Facebook, aber ihre Gedanken, ihre Beziehungsstrukturen. Was tun? Völlige Abstinenz ist keine Lösung. Und jeder Versuch, irgendwie teilzuhaben, spielt dann doch wieder Facebook in die Hände. Das Dilemma ist nicht zu lösen. […]

Die Abstinenz vom social web ist keine Lösung, weil sich die Öffentlichkeit schon verändert hat. Man muß sich fragen, ob man hieran teilhaben will. Cems Vergleich mit den Glasperlen der Conquistadoren ist richtig. Ich habe die Hoffnung, daß die Menschen klüger sind als die planenden Technokraten und daß es letztlich darauf ankommt, was man daraus macht. Man kann sich auch über eine böse[tm] Plattform für Gutes[tm] zusammentun. Früher gab es Usenet und Mailinglisten. Das gibt es heute noch, wird aber sehr viel weniger genutzt als die sozialen Netzwerke. Die nächste Plattform kommt bestimmt.

Bin mir übrigens auch nicht so sicher, ob Facebook in jedem Fall „eine Bedrohung“ ist. Ich beobachte, daß Menschen grundlegend unterschiedlich mit Facebook umgehen: drei-/vierstellige Freundeszahl vs. 20 Freunde; keine Einträge auf der Pinnwand vs. ständige Twitter-Updates; eingehende Angaben im Profil vs. gar nix usw. Dementsprechend unterschiedlich durchsichtig ist der User und seine Umgebung. Das ist sehr heterogen und sehr individuell.

Kommentare auf der Facebook-Pinnwand von Cem Basman, 26. April 2010.