Der Wanderer IV

Zwischen offline und online. Wer am Computer liest, bedient dabei eine Maschine. Wer ein Buch liest, versucht vor allem, den Text zu verstehen, den er vor Augen hat. Die technischen Voraussetzungen und die Anforderungen, die zu bewältigen sind, um an den Text zu gelangen, unterscheiden sich dabei grundlegend. Auch die Wirkungen sind verschieden. Der Buchleser ist sehr viel mehr bei sich, während der Computerleser in allererster Linie mit der Maschine beschäftigt ist, die er anstelle des Buchs und des Texts in seinen Händen hält. Weil ihm die Maschine die Möglichkeit zur weiteren Verarbeitung des Texts bietet, erwägt er, den Text zu speichern, ein Bookmark der Fundstelle abzulegen, lokal oder im Web oder auch dort, einen bibliographischen Nachweis anzulegen, Teile des Texts für die weitere Arbeit zu kopieren. Der Buchleser ohne Computer hat nur seinen Kopf und eventuell ein Blatt Papier und einen Stift zur Verfügung, um sich Notizen zu machen. Das Offline-Lesen führt zur Beruhigung und nimmt dem Denken die Flüchtigkeit. Es gibt dem Text die Würde zurück, indem sie ihn in seiner Ganzheit erkennbar macht. Ein Text ist mehr, ist etwas ganz anderes als nur eine bloße Sammlung von Daten. Ein Text will nicht bedient, er will vor allem verstanden werden.

Advertisements

6 Kommentare zu „Der Wanderer IV“

  1. Heute kann ich mich kurz fassen: Vielen Dank für diesen einfachen und gleichzeitig eindringlich schönen Text. Unterschiede sind festgehalten und bekommen endlich einmal den Raum und den Wert, den sie verdienen.

    Die Diskussionen, die es allenthalben in der Online-Welt gibt zum Thema „Ende des Buches“ lassen ahnen, dass viele Schreiber sich Gedanken wie die oben noch gar nicht gemacht haben. Vielleicht haben sie aber einfach auch kein Gespür dafür, was Lesen in seiner Vielfalt bedeuten kann (wenn der Leser nur hinreichend offen ist).

  2. Man sollte aber nicht vergessen, dass durch all die „geringe Wertschätzung“ beim flüchtigen, effizienten Online-Lesen ich meinen Horizont in kürzester Zeit regelmäßig erweitern kann. Beim Buch stecke ich fest (oder in der Bibliothek, bei 5-10 Büchern auf dem Arbeitsplatz).
    Wenn ich (persönlich) mir Zeit nehmen will, dann lese ich mal einfach nicht, sondern denke nach und grübele.
    Ohne die maschinelle Speicherung gehen mir auch immer mehr Gedanken verloren

  3. Beides hat seine Berechtigung; falsch ist – wie meistens – die Festlegung auf ausschliesslich eine Möglichkeit.
    Ich muss mich allerdings selbst disziplinieren, denn online verbraucht mehr Zeit – siehe oben im Artikel.

  4. Wie überall gilt auch hier: Die Übergänge sind fließend. Eine Wertung der verschiedenen Arten des Lesens sollte man nicht vornehmen. Man kann Bücher auch anders lesen, aus Büchern zitieren beim Abendessen, darüber diskutieren und lachen.
    Auch Buchleser können Bücher auf unterschiedliche Arten lesen, die unterschiedlichen Qualitäten des Lesens festgemacht am Medium kann ich nicht so stark erkennen. Für mich ist die Art des Lesens eher von der Situation abhängig als vom Medium.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.