Frankfurter Römerberggespräche zur Bildungsreform: „Bildung Bolognese – Wozu noch die Universität?“

von schneeschmelze

Wer nach den Unruhen im vergangenen Herbst an der Frankfurter Universität erwartet hatte, am gestrigen Samstag auf demonstrierende Studenten zu treffen, wurde enttäuscht. So leer wie heute war der Veranstaltungsort noch nie zur Mittagspause, seitdem ich die Römerberggespräche besuche. Völlig leere Reihen fand ich vor im Chagallsaal des Frankfurter Schauspiels. Alles war geflüchtet in die laue und frische Frühlingsluft, die auf einmal ins Rhein-Main-Gebiet strömte. Man kehrte erst in allerletzter Minute ins Innere zurück. Das gab mir Gelegenheit, einmal ohne Ablenkung den wirklich sehr schönen Chagall zu betrachten, der den hellen, hohen Saal beherrscht und der ihm seinen Namen gab. Es wurde 1959 als Auftragsarbeit für das Opernfoyer gemalt.

Es war also ein frühlingsmüder Nachmittag, und irgendwie lag angesichts des strahlenden Sonnenscheins ein gewisser Unwille in der Luft, sich mit dem drögen Thema der Bologneser Bildungsreform an den Universitäten zu beschäftigen.

Die Ersetzung der Diplom- und der Staatsexamensprüfungen durch Bachelor- und Masterabschlüsse kam bekanntlich seit 1999 unterschiedlich zügig voran. Und die sogenannte Exzellenzinitiative war letztlich der Versuch, wirklich gute wissenschaftliche Standards durch einen blendenden Namen nur vorzuspiegeln. Es sei heute nicht mehr Geld im Universitätssystem, es werde nur anders verteilt als früher. Und die besten Studenten seien sowieso auf der Suche nach Statusstationen im Lebenslauf, erzählte der Münchener Physiker Ulrich Schollwöck. Er verbringe einen erheblichen Teil seiner Arbeitszeit mit dem Abfassen von Empfehlungsschreiben für Studenten, die es an englische, amerikanische oder französische Universitäten ziehe, während 85 Prozent der Studierenden angesichts des neuen Leistungsdrucks lieber „in der Nähe der mütterlichen Waschmaschine“ blieben und jegliche Mobilität – ein Hauptanliegen der Reform – peinlichst vermieden. Schollwöck faßte sein Anliegen in der amerikanischen Redensart „people matter“ zusammen: Auf die Köpfe komme es an, die sich in der Universität träfen und miteinander neues lernten.

Im übrigen, erfuhr man, sei es – trotz all der Beschleunigung allenthalben – immer noch zu früh, um die Auswirkungen der Reform auf die berufliche Praxis zu beurteilen. Der Architekt Michael Schumacher erntete aber auch erhebliche Kritik, als er nebenbei die Ausbildung der Bachelor-Studenten etwas abtat. Ein weniger prominenter Kollege im Saal wies darauf hin, daß der Abbau an Bildungsinhalten letztlich gerade dazu diene, die Qualifikation der Betroffenen trotz guter Studienleistungen kleinzureden und sie einem bis dahin auch in diesem Beruf nicht gekannten Lohndumping zu unterziehen. Einig war man sich jedenfalls, daß man in der sehr viel kürzeren Studienzeit natürlich nicht dasselbe vermitteln kann wie früher, als es länger dauerte. Wer alle paar Wochen Prüfungen zu absolvieren hat, kann weder weiterbildende Praktika absolvieren noch könnte er seinen Unterhalt selbst erwirtschaften. Das von den Unternehmen vollmundig angekündigte Stipendienprogramm lasse auch weiterhin auf sich warten, ergänzte Schollwöck.

Zur der dann folgenden Diskussion mit dem Präsidenten der Frankfurter Universität Werner Müller-Esterl, der Frankfurter AStA-Vorsitzenden Nadia Sergan und einem Vertreter von McKinsey, Nelson Killius, wurde es voller im Saal, jetzt kamen auch einige Studenten, die sich engagiert an der Diskussion beteiligten. Killius wurde denn auch von hr2-Moderator Alf Mentzer gleich gefragt, welche Anforderungen „die Wirtschaft“ denn an Universitätsabsolventen heutzutage hätten, worauf dieser im Unternehmensberaterdeutsch antwortete, fachliche Kenntnisse würden stillschweigend vorausgesetzt, worauf es letztlich ankomme, seien die soft skills. Aufgabe des Studiums sei es vor allem, eine Persönlichkeit herauszubilden und dabei zur „Herzensbildung“ der Absolventen beizutragen. Wenn man Killius zuhörte, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß er das Studium an einer Universität mit der Gruppentherapie in einer psychosomatischen Tagesklinik verwechselt haben mag. Möglicherweise hat er hierbei tatsächlich etwas den Überblick verloren, denn was der gelernte Mathematiker und Philosoph dann im weiteren vortrug, war nicht nur, wie ein Diskutant aufmerksam beobachtete, von fehlendem Problembewußtsein gekennzeichnet, es paßte in seiner statistischen Kälte so gar nicht zu seinem herzlichen Anspruch: Die Zahlen (Zufriedenheit mit dem Studium, durchschnittliche Verweildauer im Ausland, Mobilität, Studienabbrecher etc.) hätten sich seit Beginn der Reformen vorteilhaft entwickelt, und das sei eine Folge der Reform. Allein, diese Kausalität ist doch sehr fraglich. Frau Sergan wies in ihrer substantiierten Kritik unter anderem darauf hin, daß die Zahl der Studierenden schon deswegen im Laufe der Zeit ansteige, weil die Zahl der Abiturienten zunehme. Sie forderte auch, mit der Ausbildung der Persönlichkeit nicht erst an der Universität zu beginnen, schon in den allgemeinbildenden Schulen müsse es hierzu Gelegenheit geben. Schon ein Tag pro Woche, an dem die Schüler sich einmal besinnen könnten, was sie denn eigentlich interessiere und was sie gerne einmal lernen möchten, könnte dazu ein erster Schritt sein. Vor allem aber wünsche sie sich, an den Uni-Präsidenten gewandt, daß die Mängel des Systems nicht länger schöngeredet werden sollten, nachdem Müller-Esterl von seinen vielfach vergeblichen Bemühungen berichtet hatte, private Gelder zur Finanzierung der Universität einzutreiben. Vor allem in den für die Unternehmen attraktiven Fächern habe es hier Erfolge gegeben, was ja tatsächlich alles andere als unproblematisch ist: Wes‘ Brot ich ess‘, des‘ Lied ich sing, ist das Motto, das unausgesprochen über dem neuen Frankfurter Campus liegt. Müller-Esterl hatte keinen leichten Stand auf dem Podium, als er einerseits die bisher erfolgten Neuerungen als vorteilhaft pries, andererseits jedoch ausführte, daß es auch Fächer gebe, in denen gute Gründe gegen Veränderungen sprächen. Zu der zweiten Gruppe rechnete er pauschal die Staatsexamensfächer, in denen auch weiterhin alles beim alten bleiben solle.

Der abschließende Vortrag von Sascha Spoun über das Reformprogramm an der Universität Lübeck, das unter anderem in Zusammenarbeit mit Personalwirtschaftlern und Unternehmensberatern erarbeitet worden sei, sollte einen positiven Akzept setzen. Das Studium beginne dort seitdem, ganz im Sinne Killius‘, mit einer allgemeinen Einführung u. a. in die wissenschaftliche Methode und in die empirische Sozialforschung, bevor man sich dem eigentlichen Bachelorstudium zuwende. Der Weg führe jedenfalls in die Spezialisierung der Hochschulen. Die großen, breit angelegten Unis, an denen man den gesamten Fächerkanon an Geistes- und Naturwissenschaften studieren könne, müßten sich auf einige wenige Fächer konzentrieren. Überhaupt: Es gebe auch ein Recht auf Irrtum, auch und gerade bei Studienentscheidungen. Deren Konsequenzen trage letztlich der einzelne, es müsse aber einen gesellschaftlichen Rahmen geben, um mit solchen Fehlern umgehen zu können.

Der meines Erachtens nachdenklichste Beitrag kam letztlich von einem Besucher, der schräg hinter mir im Publikum saß. Er führte die neuere Entwicklung auf den gesellschaftlichen backlash zurückführte. Da war er also wieder, auch und gerade hier: der Bezug zu „68“. Während man seinerzeit an den Universitäten sich die Köpfe heißdiskutiert habe und einen Seminarschein auch schon mal für ein Referat „über das Liebesleben der Maikäfer“ erhalten habe, würden die Studenten heutzutage – das andere Extrem – so umfangreich beschäftigt, daß sie überhaupt nicht mehr zur Reflexion irgendwelcher Zusammenhänge kämen. So schlage das Pendel heute auf die andere Seite aus. Die Leidtragenden dieser Entwicklung seien die Studierenden.

Ich war heute gekommen, um zuzuhören, denn mein Bezug zur Hochschule liegt ja nun auch schon etwas zurück, und ich habe die Auswirkungen des Bologna-Prozesses, die in Frankfurt während der Schlußphase meiner Promotion begannen, nicht mehr so eingehend mit eigenen Augen verfolgen können. Wenn ich aber die heutige Reform mit den Reformen zu meiner Studienzeit vergleiche, so fällt mir auf, daß es damals darum ging, ein Fach wie die Rechtswissenschaft durch den Abbau des Prüfungsstoffes überhaupt wieder in einer vertretbaren Zeit studierbar zu machen, während heute die Diskussion vor allem um die ökonomische „Verwertbarkeit“ des Gelernten sich dreht – auch wenn sich hiergegen gerade bei den anwesenden Studierenden Widerstand regte. So war das Podium verräterisch, auf dem die Vertreterin des AStA in der Mitte zwischen dem verbeamteten Hochschulpräsidenten und dem ganz im kapitalistischen Paradigma argumentierenden McKinsey-Associate saß und sich mit beiden Seiten kritisch auseinanderzusetzen hatte, was auf Kosten der Entwicklung eigener Konzepte ging.

Natürlich dient die Bildung zur gesellschaftlichen Teilhabe. Davon ist die wirtschaftliche Teilhabe aber nur ein Aspekt. Eine aus öffentlichen Mitten finanzierte Universität sollte in erster Linie zum Ziel haben, ihre Absolventen zur Emanzipation und zum kritischen Denken und damit zum fortschrittlichen politischen Handeln in der Demokratie zu befähigen, denn wie sonst sollte die Gesellschaft sich von dem ganzen neoliberalen Irrsinn der letzten Jahre befreien können, der in kapitalistischen Agenturen wie McKinsey kultiviert und weiterhin um Rat gefragt wird? Die Impulse hierzu können nur von den Universitäten ausgehen, das Prekariat wird hierzu auch heute nicht in der Lage sein. Die Universitäten sind also die natürlichen Gegner des rechten, ökonomistischen Mainstreams und müssen diesem vom Rande her begegnen, statt sich ihm unterzuordnen und sich dabei aufzugeben. Die Rationalität der Unternemensberater ist das genaue Gegenteil von Intellektualität. Die Universität ist ein Ort, an dem die Gesellschaft über sich selbst reflektiert. Sie darf kein Ort sein, an dem die Gesellschaft letztlich ihre eigene Bewußtlosigkeit pflegt. Sie wird emanzipatorisch und kritisch sein, oder sie wird ihren Namen nicht mehr verdienen. Um nicht weniger geht es.