In Wikipedia schreiben II

von schneeschmelze

Der SPIEGEL hat in einem längeren Beitrag die gruppendynamischen Prozesse beschrieben, zu denen es im Wikipedia-Projekt immer wieder kommt. Am Beispiel der umfangreichen Diskussion um den Artikel Donauturm wird anschaulich, wie Beiträge für die Wikipedia entstehen und wie die meist leider mehr verklärte als verstandene Schwarmintelligenz in der Praxis funktioniert: In langwierigen Diskussionen zwischen solchen, die sich auskennen, und bloßen Besserwissern wird um einen vertretbaren Inhalt gerungen. Das ist oft mehr ein Diskussionsergebnis als eine Wahl zwischen „Richtig“ und „Falsch“.

Der SPIEGEL-Artikel ist hervorragend recherchiert, und er beschreibt ausführlich, was jeder, der lange genug an Wikipedia mitschreibt, aus eigener Erfahrung kennt. Die Gruppendynamik, die man dort beobachten kann, schwankt beständig zwischen Wissenschaft, gutem wikipedianerischem Handwerk und „ganz großem Kino“. Und trotzdem, auch das wird beschrieben, bleibt man dabei und nimmt weiterhin an dem Projekt teil. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Problematisch ist es, daß ausgerechnet Henriette Fiebig wegen ihrem Statement, mit dem sie zitiert wird, insoweit nun angegriffen worden ist, wo sie die einzige war, die in der Diskussion, um die es ging, wissenschaftlich gearbeitet hatte: Sie hat Quellen herangezogen, hat sie gelesen und dies in die Diskussion wieder einfließen lassen. Wahrscheinlich hätte ich mich an der Stelle gewählter ausgedrückt als: „Du kriegst natürlich irgendwann auch einen Hass auf so jemanden, du denkst: Ich will dem das Maul stopfen“, aber wenn man es dann tatsächlich besser weiß als andere, kann man es jemand nicht verdenken, daß er wütend reagiert, wenn es diese anderen nicht zur Kenntnis nehmen wollen, und man sich dann weiterhin mit deren Ignoranz auseinandersetzen muß. C’est la vie.

Ergänzter und bearbeiteter Text. Posting in der Mailingliste VereinDE-l, 23. April 2010.