Nachdenken über den Fahrradwärter am Bahnhof

von schneeschmelze

In der „Sternstunde Philosophie“ des Schweizer Fernsehens hat sich vor einer Woche Roger de Weck mit Walter Schmid, dem Präsidenten der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe und Rektor der Luzerner Hochschule für soziale Arbeit, über die Zukunft des Sozialstaats unterhalten. Dabei ist ein ausgesprochen hörenswertes Gespräch herausgekommen. Ein bürgerlicher Diskurs über den Vertrauensverlust durch die Sozialreformen der letzten Jahre, die ihren Namen zu Unrecht tragen, nicht nur in Deutschland. Auszüge:

„… Die soziale Infrastruktur eines Staatswesens kann man durchaus vergleichen mit anderen Infrastrukturen, die eine moderne Gesellschaft braucht. … Es hat mich eigentlich immer überrascht, daß man immer nur von Lasten spricht. Und wenn man einen Tunnel baut, ist das eine Investition. … Dieses Denken ist für mich eigentlich widersprüchlich. Wir sollten auch soziale Leistungen sehen als eine Investition in eine Gesellschaft, die eben darauf angewiesen ist. …“

Und am Ende:

„… Die Trennung der Gesellschaft in solche, die Arbeit haben, und solche, die keine Arbeit haben, kommt die Gesellschaft auch ziemlich teuer zu stehen. … Wie effizient ist eine sogenannte ‚effiziente Gesellschaft‘? … Wenn ich mein Fahrrad am Bahnhof einstelle, dann ist dort ein Beschäftigungsprogramm damit beschäftigt, mein Fahrrad entgegenzunehmen und zu hüten, den Tag durch, zu bewachen, und ich kann es dann wieder holen. Da wurde mir dann erzählt, daß eigentlich die [Schweizerische Bundesbahn] früher diesen Dienst angeboten habe. Da gab es Bähnler in Uniform, die taten eben gerade das: Die nahmen die Fahrräder der Bahnkunden entgegen am Morgen, wenn die aus der Fabrik zurückkamen mit der Bahn, dann haben sie ihr Fahrrad wieder bekommen. Damals waren das Angestellte der Bundesbahn. Die hatten eine Uniform, die waren Teil der workforce, die waren integriert. Natürlich waren das nicht Top-Jobs, aber sie waren klar Angestellte des Bundesbetriebes. Und heute wird die identische Tätigkeit wahrgenommen von Programmteilnehmern der Sozialhilfe, die dann für sechs Monate, gewissermaßen, diese Aufgabe machen. Im einen Fall waren diese Lohnkosten irgendwie im Betrieb integriert. Heute sind sie im Sozialbudget einer Stadt integriert. Von der Wertschätzung her, die die Leute hätten, von der Anerkennung, die sie haben, wäre es natürlich besser, sie wären irgendwo normal angestellt als in einem Programm. Auch in ihrer eigenen Wahrnehmung sind sie, wenn sie in einem Beschäftigungsprogramm sind, eben eigentlich Verlierer, die man jetzt noch beschäftigen muß. Sie haben nicht dasselbe Selbstwertgefühl wie damals die Bahnangestellten, die das noch im Betrieb gemacht haben. …“

Das ist die bekannte Milchmädchenrechnung, die daran erinnert, worum es eigentlich geht. Und in Richtung der rechtspopulistischen Westerwelle-FDP-Richtung gewandt:

„… Und das übelste daran ist eigentlich, daß es keine klaren Signale gibt, daß die oben, die viel verdienen, effektiv bereit sind, auch Verantwortung zu übernehmen für die Gesellschaft und für die, die weniger gut situiert sind. …“

Das Gespräch kann noch drei Wochen online angehört werden.

© Schweizer Fernsehen 2010.