Ernst Ludwig Kirchner im Frankfurter Städel

von schneeschmelze

Souvenirs vom heutigen Besuch der Kirchner-Ausstellung im Frankfurter Städel

Sex and drugs and rock’n’roll also – Ernst Ludwig Kirchner war von dem Thema besessen: „Sein Atelier in Berlin und auch vorher in Dresden war ausstaffiert als eine Art Sextempel. Sogar die Ofenkacheln zeigten kopulierende Paare. Er war in dem Zusammenhang schon ziemlich manisch“, erzählt Kurator Felix Krämer in der Tagesschau. Gefühlte 60–70 Prozent der gerade im Städel gezeigten Bilder zeigen Akte in mehr oder weniger ungewöhnlicher Pose, stehend, liegend, knieend. Vieles kennt man, zumindest irgendwie meint man, sich daran zu erinnern, wenn man davorsteht: Die Berliner Straßenszenen mit den hochgschlossen gekleideten Prostituierten und ihren zylinderbehuteten, abgewandten Freiern, vor allem. Das „Soldatenbad“ auch, das wegen der isländischen Vulkanasche verspätet eingetroffen war. Das „englische Tanzpaar“. Die Davoser Bergwelt. Fehmarn. Insgesamt gut 180 Bilder umfaßt die Ausstellung auf zwei Ebenen, und man sollte genügend Zeit mitbringen, denn hier wird ein enzyklopädischer Überblick über das Werk gegeben, der es wert ist, in Ruhe betrachtet zu werden.

Man wird mit einer Zitatesammlung empfangen. Kirchners Tagebücher und Briefe wurden ausgeschlachtet. Soundbites. Nolde mochte er. Und sich selbst auch. Beckmann aber nicht, obwohl mich manche seiner Bilder durchaus an Beckmanns Stil erinnerten. Niemand habe solche Farben verwendet wie er. Je bekannter er werde, desto weniger trauten sich andere, ihm etwas Unangehemes zu sagen. Seine Psychiater seien „erstklassige Menschenschinder“ gewesen. Und: „Ich liege meist im Bett und verbringe die Tage mit Träumen von neuen Bildern.“

Kirchner malte keine Berufsmodelle, sondern, wie auch die anderen Maler der „Brücke“, die jeweilige Lebensgefährtin. Die Tänzerin Erna Schilling begegnet einem schon im ersten Ausstellungsraum, wo er sich in einem melancholischen Selbstporträt mehr hinter ihr versteckt. Erna sitzt nackt vor ihm, dem Betrachter zugewandt, und ihr Gesicht zeigt die Depression, die Kirchner Zeit seines Lebens eigen war. Bohème-Szenen der Zeitenwende: Ende des Kaiserreichs, erster Weltkrieg, Beginn der Weimarer Republik. Kirchner hebt bei seinen Selbstbildnissen, aber auch später bei anderen Porträts, die Augen hervor, vor allem die Wimpern. Die Landschaftsbilder sind in dumpfen Farben gehalten, und ich frage mich, ob sie im Laufe der Zeit verblaßt sein mögen? Immer wieder grün: Am Himmel, im Main des Frankfurter Westhafens, in den Gesichtern. Soziale Probleme sucht man allerdings vergebens, die haben ihn nicht interessiert. Die Straßenszenen zeigen kein realistisches Abbild der damaligen Gesellschaft, sondern nur Ausschnitte, die Unterschicht fehlt.

Nach dem kurzen Kriegseinsatz war Kirchner psychisch erkrankt und begab sich zur Behandlung in ein Sanatorium in Königstein, wo er u.a. mit dem Schriftsteller Carl Sternheim, einem anderen Patienten, zusammentraf, von dem er ein Porträt fertigte. Krankenhausszenen entstanden. Der Mensch kann schön sein und scheußlich. Die Schmerzen des Krankseins deformieren den Leib, die Gesichtszüge, das Fühlen immer mehr. Schnitt: Die Zuflucht in Davos war eine andere Welt. Die Bilder werden größer, erhalten ein anderes Format, und auch die dargestellten Motive füllen das Bild besser, auch sie werden mächtiger. Eindrucksvoll fand ich die „Alpküche“, ein äußerst unruhiges Bild mit mehreren Fluchtpunkten, auf dem alles um die niedergeschlagene Figur am Tische herum sich in Bewegung befindet. Nicht ein rechter Winkel ist in dem Bild zu sehen. Und die rote Alphütte hebt sich, in den Berg gebaut, schützend und trotzig von der sanft-hügeligen Umgebung ab, in warmem Rot strahlt sie in der Nacht.

Sehr angetan war ich auch von den wenigen Plastiken aus Holz, vor allem „Mutter und Kind“, aber auch das späte „Akrobatenpaar“ gefiel mir.

Der „Neue Stil“ des Spätwerks machte auf mich dagegen insgesamt einen deprimierenden Eindruck. Es schien mir, daß Kirchner bei dem Versuch, sich noch einmal weiterzuentwickeln, gescheitert ist. Die Farben werden immer kraftloser. Viele Nachtszenen. Anleihen bei Picasso weisen nur umso mehr darauf hin, daß die Motive und die Technik keine eigenen mehr waren. Es gelang ihm nicht mehr, an den früheren – auch kommerziellen – Erfolg anzuknüpfen. Das späte Bergbild von der „Schafherde“ zeigt naturalistische Farben. Kirchner erschoß sich, als die Nazis nach dem Anschluß Österreichs 25 km Luftlinie von Davos entfernt standen, mit zwei Schüssen ins Herz.

So unmittelbar wie hier war ich vorher noch nicht mit dem Expressionismus in Berührung gekommen. Der Eindruck im Bild und in der Plastik ist unmittelbar und sehr viel direkter als in der Literatur, mit der ich mich bisher beschäftigt hatte.

Angenehm empfand ich, daß sehr viel weniger Publikum anzutreffen war als bei meinem letzten Besuch im Städel, damals zur Botticelli-Ausstellung. Weil Tageskarten verkauft werden, konnten wir die Ausstellung auch für eine Kaffeepause verlassen und wieder zurückkommen. Dazu bietet sich vor allem das Café im nebenan liegenden Liebighaus an. Das offizielle Video eignet sich gut für eine erste Einführung.

Ernst Ludwig Kirchner, Städel Museum, Frankfurt am Main, bis einschließlich 25. Juli 2010.

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