Facebook is a closed shop XII

Das Unbehagen an den sozialen Netzwerken nimmt zu. Sie bringen die Menschen dazu, Glasperlen gegen Perlen zu tauschen, wie Cem Basman zutreffend geschrieben hat. Es geht aber noch weiter. Genaugenommen ist es so: Die Stasi 2.0 muß nicht mehr schnüffeln, abhören, IMs gewinnen etc. Wir liefern ihr all unsere Gedanken, Links, Interessen, Abneigungen und Meinungen und viele sozialen Kontakte frei Haus und lassen sie von den Datenkraken verwalten. Der Staat hat das ourgesourct und kann bei Interesse auf diese privaten Sammlungen zugreifen, sei es legal oder illegal.

Wem das nicht paßt, der muß sich dort ausklinken. Ganz kann man das aber auch nicht mehr, weil die sozialen Netzwerke jetzt schon einen erheblichen Teil der Netz-Öffentlichkeit organisieren. Wer da ganz wegbleibt, ist mehr „draußen“, als wenn er keinen Fernseher mehr hätte. Also ist ein Mittelweg gefordert zwischen Teilhabe an dieser Form von Öffentlichkeit und Privatheit. Der ist nicht leicht zu finden. Beschränkung auf das Wesentliche tut jedenfalls not: E-Mail statt soziales Web. Blogs statt Statusmeldungen und Timelines. GnuPG statt „Privatsphäre-Einstellungen“.

Genug gespielt. Es ist an der Zeit, erwachsen mit den „sozialen Medien“ umzugehen.

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7 Kommentare zu „Facebook is a closed shop XII“

  1. Gefordert ist ein erwachsenes Handeln der User. Allerdings habe ich wenig Hoffnung, dass man da ein Erwachsenwerden beobachten können wird. Ob ich auf das nervöse Zucken der Apple Fanboys schaue, die bei jeder noch so kleinen Ankündigung neuer Produkte oder Features sofort und nachhaltig alles Denken auszublenden scheinen oder ob an anderen Stellen im Netz sichtbar wird, dass sinnvolles erwachsenes Handeln zumeist nicht der Normalfall ist: „Eigentlich“ sollten gerade die Viel-Nutzer bzw. die Leute, die sich beruflich mit Netz-Themen befassen, sinnvoll handeln. Leider kann ich innerhalb der betroffenen Gemeinde dieses sinnvolle Handeln zumindest bei den meisten Leutchen nicht wirklich erkennen.

    Anfangen kann man und sollte man immer bei sich selber. In den letzten Tagen überlege ich, ob ich mich bei Facebook abmelden soll. Dabei ist es schon so, dass ich FB stark nutze und es für mich an vielen Stellen sehr effektiv ist. Andererseits finde ich mich an genau der Front, die ich oben beschreibe: lasse ich mich wegen ein wenig mehr Bequemlichkeit dazu verleiten, das Falsche zu tun? Und das Unterstützen (durch Nutzung) ist gerade im Fall von FB ein Hauptübel. Ich bin noch nicht fertig mit meiner Meinungsbildung. Momentan fühlt es sich richtig an, sich bei FB abzumelden, weil ich die Haltungen eines Mark Zuckerberg absolut nicht anerkennen will. Hmm ..

  2. Derzeit wird viel gespielt, und dabei wird viel Freiheit verspielt. Datenverschleudern statt Datenschutz. Gedankenlosigkeit statt Kritik. Unmengen von Zeit werden auf den sozialen Plattformen vertrödelt, statt zu leben. Komm raus!

  3. Selbst wenn man sich als Einzelperson aus den sozialen Netzwerken herauszieht, bleibt man doch transparent. Denn Facebook und Co. wissen längst mehr, als einem lieb ist. Auch ohne eigenen Account ist man Teil eines sozialen Graphen, und die Vorlieben, Interessen und politischen Anschauungen etc. sind bekannt. Wer einmal eine Facebook-Einladungsmail bekommen hat, weiß das: Facebook nennt Mitglieder, die man selbst kennt, die mit dem einladenden Mitglied aber in keiner Verbindung stehen.

    Ein individueller Rückzug bringt daher m. E. nichts. Was fehlt, ist eine Alternative zu Facebook. Ein soziales Netzwerk, bei dem jeder Teilnehmer die Kontrolle über seine Daten behält und in dem private und öffentliche Kommunikation nebeneinander bestehen können, und — vor allem — nicht privatisiert werden.

    Deshalb bin ich noch bei Facebook: um es mit möglichst vielen Leuten zu verlassen. Ob das neue soziale Netzwerk dann Diaspora oder OneSocialWeb heißen wird, ist mir dabei herzlich egal.

  4. Fein fein, der Herr Rühmkorf. Über den habe ich mal was geschrieben im Studium. 🙂

    Abgesehen von Rühmkorf, teile ich den Hang zum Realen nur teilweise. Ich habe meine Festanstellung vor vielen Jahren aufgegeben, weil ich nur noch „reale Treffen“ hatte. Von vier Wochen eines Monats war ich gute drei Wochen unterwegs. Ich wusste tatsächlich irgendwann nicht mehr wirklich, wo ich war, wenn ich morgens im Hotel aufwachte und ich begrub meine Beziehung wegen dieses aufwendigen und von Außen toll aussehenden Lebens. Ich beschloss, mein Leben zu ändern ..

    .. heute gibt mir das Leben als Webworker die Möglichkeit genau das zu machen, was ich machen will. Ich habe mehr Freiheitsgrade, allerdings natürlich auch eine deutlich höhere Fallhöhe. Ich arbeite viel von zuhause und bin vielleicht an fünf sechs Tagen pro Monat unterwegs. Treffen im realen Leben werden an vielen Stellen überschätzt. Die Logik, die dem realen Treffen per se eine höhere Qualität zubilligt, hat offenbar endlos sinnlose Gespräche und Abende auf Kickoffs, Konferenzen und Messen noch nicht erlebt. Reale Treffen _können_ toll sein. Das Zusammentreffen im Netz kann ebenfalls toll sein oder eben knorke. Ein anderer Aspekt ist: Wieviel Kohlendioxid wird in die Welt geblasen, weil wichtige Manager (oder auch Privatmenschen) meinen, dass sie für ein zwei Stunden Meeting mal eben quer durch Europa fliegen müssen? Ich könnte jetzt damit beginnen, mich weiter über unzureichende Firmenpolicies aufzuregen, die den Dienstwagengebrauch einseitig fördern, kein bisschen darauf achten, dass die Nutzer der Dienstwagen wenigstens sinnvoll fahren (Stichwort: Methode Bleifuss) und das alles oft nur, weil man bestimmte Sachen angeblich nicht Online regeln kann. Nein, ich denke partout nicht, dass das sogenannte reale Leben per Konstruktion besser ist, als der Teil, der im Netz ausgelebt wird. Prägend sind die Menschen, ob Offline oder Online. Man könnte es sehr sehr kurz halten und sagen: der Fehler sitzt meist _vor_ dem Rechner (der Autor des Kommentares nimmt sich selbstredend nicht aus von dieser Analyse).

    Derzeit wird viel gespielt

    Die Zeit des Spielens ist spätestens seit Anfang 2009 vorbei. Die drei vier Jahre davor, waren, ganz subjektiv und aus meiner Sicht, toll. Vollkommen unterschiediche Menschen sind sich oft ohne Erwartungshaltungen, begegnet. Es ist richtig, es ist viel probiert und gespielt worden. Nur so kann man, ehrlich gesagt, überhaupt lernen. Vieles davon ist schon lange wieder vorbei, manches andere ist schon heute als Prozess bzw. Gewohnheit, Alltag geworden. Übrigens haben sich nicht unbedingt die besten Ideen durchgesetzt. Auch dies ist ja eher ein Standard als eine Ausnahme. Erst als Geldgeber mit dem großen Geld gewunken haben, starb die Szene so schnell wie sie entstanden war. Leute mit Ideen sind nicht notwendergerweise gute Kaufleute. Meist sind die Kreativen im sonstigen Leben sogar eher Chaoten. Auch hier wäre wieder erwachsenes Handeln sinnvoll, aber auch innnerhalb dieser Szene kommt sinnvolles und konsequentes Handeln nicht als öfters vor als anderswo (das ist durchaus dem ähnlich, was man in anderen Mikro- und Markroszenen sehen und erleben kann).

    Verzeih, wenn es ein wenig mit mir durchging .. 😉

  5. @oheins: Ein individueller Rückzug bringt daher m. E. nichts. – Das meine ich ja auch. Ich bin aber skeptisch, ob der Wechsel zu einem freien Netzwerk, wenn es das denn einmal geben sollte, klappen würde, denn bis dahin wäre FB ein alter Hut. Identi.ca entstand und steht nun neben Twitter, parallel dazu. Ich werde mich schon in der nächsten Zeit mehr (aber nicht ausschließlich) auf die Beobachterposition zurückziehen.

    @Markus: Ich habe jedenfalls genug auf diesen Plattformen gespielt. Und mit Leben in meinem letzten Kommenar meinte ich ja auch genau dieses Leben, auf das Du auch mittlerweile umgestellt hast. Online kann dabei sehr hilfreich sein, keine Frage. Aber muß ich meine Inhalte dabei an einen Big Brother verkaufen, um mit „Freunden“ kommunizieren zu können? Muß ich die Schaffung eines closed shop fördern und mich dieses bedienen?

    Früher haben wir uns zum Austausch in Mailinglisten und in Newsgroups zusammengefunden. Die meisten Listen dienen heute nur noch dem technischen Austausch. Und das deutschsprachige Usenet, das ich mir in den beiden letzten Wochen mal wieder angeschaut habe, ist mittlerweile in weiten Teilen von Neonazis bevölkert (vor allem die juristischen und die politischen NGs), oder es wird zugespammt, wie man es früher nur im englischsprachigen Usenet kannte. Also bleiben die Blogs. Und ich meine, ein soziales Netzwerk kann man am ehesten als ein Netz aus Blogs abbilden.

    Und Cem Basman hat auch insoweit recht: Microblogging ist trotz aller Beschränkungen ein interessanter Dienst geworden. Wahrscheinlich werde ich in Zukunft vor allem Identi.ca bedienen und das zusätzlich über FB laufen lassen für diejenigen, die nicht auf Identi.ca direkt mitlesen wollen.

  6. Privatsphäre: Ich möchte mich gar nicht heraushalten. Ich suche als Webworker die Möglichkeit, andere Leuten kennenzulernen. Manchmal ist dieses Interesse berufsbedingt, manchmal fängt etwas beruflich orientiert an und dann stellt man fest, dass man ähnliche Ansichten hat und sich auch privat mag und manchmal hat das Kennenlernen im Netz rein gar keinen beruflichen Hintergrund. Es wäre in solchen und ähnlichen Situationen einfach schön, wenn man sich nicht auch noch permanent mit den monetär geprägten Träumen der Communitymacher abgeben müsste. Oder, alternativ, meldete man sich an einem Netzwerk an, zahlt einen Obulus und darf dann darauf vertrauen, dass der Anbieter vertrauensvoll umgeht mit meinen Daten und auch mit den Verbindungen, die zwischen Menschen sichtbar werden. Leider liest man täglich, dass Anbieter nicht seriös umgehen mit den Daten der Nutzer. Und leider ist der Umgang der Anbieter mit den Nutzerdaten nicht erkennbar abhängig davon, ob man für einen Service bezahlt hat oder nicht. Auch hier zeigt sich übrigens eine Ähnlichkeit zum „Rest des Lebens“: Auch im sogenannten Offline-leben hält sich hartnäckig das Märchen von den teuren Produkten, die umso besser sind, je teurer sie sind. Es ist und es bleibt aber ein Märchen. Natürlich gibt es andere Aspekte, die höhere Preise sinnvoll erscheinen lassen. Aber, das täte nun wirklich das Thema des oben begonnenen Beitragsthemas sprengen. 😉

    Der Big Brother & ich: Natürlich sollte ich meine Daten nicht abgeben müssen. Allerdings ist es ein komplexes Gefüge mit vielen Parametern, die Zusammentreffen müssten, damit ich in der aktuellen Situation die Hand auf meinen Daten behalten würde. Schafften wir die Mark Zuckerbergs dieser Welt ab, so bliebe noch Freund Google. Und wäre es nicht Google, dann täten sich schnell andere Anbieter finden, die diese Lücke voller Freude ausfüllen würde. Ohnedies ist die Frage, ob nicht unsere Daten auch ohne die Onlinewelt zur Genüge herumgereicht würden. Siehe Daten CD’s & Co. . Und jetzt haben wir über eine Seite geredet. Neben all diesen Aspekten lassen wir außer Acht, dass uns auch unser sogenannter Rechtsstaat derzeit kaum eine Chance lässt, unsere Rechte einzufordern. Viel zu anbieterfreundlich sind die Gesetze, viel zu lückenhaft der Gesetzesteppich und viel zu mächtig die Lobbyisten, die dafür sorgen, dass ausreichend Lücken bleiben, um mit Daten Geschäfte zu machen.

    Neben all diesen eher negativen Aspekten bleibt aber auch noch die Faszination Netz mit ihren bunten Vögeln, ruhigen, seriösen und von Innen für die Sache brennenden Überzeugungstätern. Wenn Zuckerberg & Co. mal wieder den Schnabel aufgemacht haben oder die Politik einmal mehr ihre aktive Dummheit bewiesen hat, dann denke ich an einen dieser Überzeugungstäter. Es ist dann nicht gleich wieder alles gut, aber das Positive ist eben auch immer noch und immer wieder neu da.

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