Die Krise

von schneeschmelze

Bei der jüngsten, 42. Veranstaltung der Diskussionsreihe „Streitfall“, die hr2 regelmäßig im Literaturhaus Frankfurt veranstaltet, ging es gestern abend vorwiegend um das, was man derzeit gemeinhein als „Die Krise“ bezeichnet. Zwei der drei vorgestellten Sachbücher handelten mehr oder weniger davon.

Leo Müllers Buch „Bank-Räuber“ ist eine Nacherzählung der Ereignisse, deren Beginn der Autor übrigens bereits im Jahre 2003 entdeckt hat. Damals sei, u.a. auf Betreiben von Deutsche-Bank-Chef Ackermann, damit begonnen worden, „schlechte“ Risiken in Schattengesellschaften zusammenzuziehen, Briefkastenfirmen seien gegründet worden, so habe alles angefangen. Der Aufzählung vieler individueller Fehler stellte das Podium (Martin Lüdke, Franziska Augstein, Peter Kemper, Gunther Hofmann und Micha Brumlik) aber das systematische und das systemische Versagen der Finanzbranche gegenüber. Die Vorwürfe, die Müller erhebe, gingen nicht weit genug. Und Hofmann (ehemals DIE ZEIT) wies darauf hin, daß eine Ursache für die Betroffenheit der deutschen Landesbanken in der Lage zu sehen sei, in die die damalige rot-grüne Bundesregierung durch die Presse gedrängt worden sei. Weil man sich nicht mehr als modernisierungsfeindlich habe hinstellen lassen wollen, habe man die in öffentlichem Besitz befindlichen Landesbanken genutzt, um windigste Geschäfte abzuwickeln. Neue Finanzprodukte seien zugelassen worden, „und Schröder hat sein Hartz IV gemacht“. Damit wurden erfreulicherweise einmal Zusammenhänge benannt, die in den Massenmedien üblicherweise nicht auftauchen und die vom Mainstream gerne den Verschwörungstheorien zugeschrieben werden. Die Wirtschaftspresse jedenfalls hat versagt, sowohl im Vorfeld als auch danach. Während in den amerikanischen Medien immerhin Selbstkritik geübt worden sei, herrscht hierzulande weiterhin die kapitalfreundliche Hofberichterstattung vor.

Die zweite Neuerscheinung, die im weitesten Sinne zu diesem Thema gehörte, war das neue Buch von Hardt/Negri „Common Wealth“, das – trotz Sympathie – gewogen und für zu leicht befunden wurde. Hier habe ein Berg gekraist, und eine Maus sei geboren worden, meinte Brumlik. Augstein verwarf die Ansicht der Autoren, es brauche eine neue Theorie für die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre, der Marxismus sei als Theorie hierfür immer noch ausreichend. Hardt/Negri eigneten sich vorwiegend als Erbauungslektüre für Globalisierungskritiker, die von der Sozialdemokratie nichts mehr hören wollten, ein Werk, das eben auch eher sozialromantisch endet, wie Kemper mit einer Lesung aus dem Schluß eindrucksvoll demonstrierte.

Die neue Biographie Richard von Weizsäckers, die Gunter Hofmann geschrieben hat, stand zwar am Anfang des Abends, und sie wurde allenthalben gelobt, abgesehen davon, daß man sich von Hofmann eher etwas weniger Sympathie für seinen Gegenstand gewünscht hätte. Sie trat aber gegenüber den Wirtschaftsthemen trotz des zeitlichen Rahmens, der dem Buch gewährt worden war, etwas zurück. Die Bewertung Gustav Seibts dürfte zutreffen, wonach die Weizsäckers nach dem Faschismus und den damit einhergegangenen Verbrechen nicht nur darum bemüht gewesen seien, eine „neue Bürgerlichkeit“ in Deutschland mitzubegründen, und zwar „von oben“ (Augstein). Es ist auffällig, daß die Mitglieder der Familie (durchweg Männer, von den Frauen ist nie die Rede) „immer auf der ‚richtigen‘ Seite gestanden“ hätten, vor dem Kriege ebenso wie danach. Martin Lüdke wies – unter einem relativierenden Widerspruch Augsteins – auf die Netzwerke, auf die Verbindungen hin, an denen die Weizsäckers teilgehabt hätten und die eine gewisse Kontinuität in der gesellschaftlichen Entwicklung zeigten.

Eine gekürzte Aufzeichnung der Veranstaltung soll am 30. Mai 2010 um 12.05 Uhr in hr2 gesendet werden.