Uwe Lausen in der Frankfurter Schirn

von schneeschmelze

Erinnerung an den Besuch der Ausstellung Uwe Lausen in der Schirn

Das „Wahre, Schöne, Gute“ wird einem hier nicht gezeigt, auch wenn die Ausstellung den Titel trägt: „Ende schön, alles schön.“ Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt derzeit eine Retrospektive zum Werk von Uwe Lausen, die einen in die 60er Jahre versetzt, als in Deutschland vielerorts noch die alten Nazis in Amt und Würden waren. Kurt-Georg Kiesinger war Bundeskanzler, Hans Filbinger war baden-württembergischer Ministerpräsident, und als die Studenten 1967 in Berlin gegen den Schah protestierten, schoß ein Polizist und tötete einen von ihnen. Und auch im privaten Haushalt ging es eher makaber zu: Die legendäre Musikanlage von Braun trug den Beinamen „Schneewittchensarg“. Und die Pop-Art war in.

Das Thema, das die Arbeiten Lausens durchgängig verbindet, ist die latente Gewalt in der Gesellschaft: Im Muster des Teppichs verbirgt sich dezent, aber deutlich sichtbar ein Hakenkreuz in zeitgenösischem Design. Und die genormten Wohnzimmer sind kalt und leer. Es ist eine Welt voller Leichen, die immer wieder auftauchen, mit „blondem Teppich“ und Dackel. Nackte Gewalt. Aber auch gewaltige Nacktheit, in dem Bild „Die Wiederholung“, wo die anonymen Liebhaber neben der lasziv daliegenden Frau stehen, mit einem schwarzen Balken vor den Augen sind sie unkenntlich gemacht, ist ihnen die Individualität genommen.

Am meisten beschäftigt hat mich Lausens Bild „Besuch bei König Blaubart“ mit dem Untertitel „Weihnachtsfest in Utopia City“. Es nimmt Bezug auf das ursprünglich französische Märchen von König Blaubart, das in der bildenden Kunst, in der Musik und in der Literatur bekanntlich vielfach verarbeitet worden ist, unter anderem auch von den Gebrüdern Grimm. Das Bild zeigt einen roten Salon, in dessen hinterem Teil eine Volksmenge von Soldaten mit Gewehren in Schach gehalten wird, während sich zwei Herren im Vordergrund am Buffet gütlich halten. Über alledem throhnt König Blaubart in betont lockerer Rocker-Pose mit Sonnenbrille und mit einer schrecklichen gewalttätigen Ausstrahlung, die Szene überblickend. Eine Versinnbildlichung der Gewalt unter dem dunklen Tuch, das die eigentlich Mächtigen ritualisiert und vertuschend zur Schau tragen. Wenn man das Märchen kennt, ahnt man den revolutionären Impuls, denn das Volk ersetzt in diesem Bild das Mädchen, das am Ende nicht getötet, sondern befreit wird und allen Reichtum gewinnt, während der Blaubart durch die Hand ihrer Brüder stirbt.

Darstellungen vom Drogengenuß hängen neben Darstellungen der kalten Spießerwelt, in der die Gewalt vor dem Hintergrund der kleingeblümelten Rosentapete stattfindet. Der Flokati-Teppich ist echt: Als ich über ihn laufe, bleiben Flocken an meinen Gummisohlen hängen. Das dunkelgrüne Zimmer im Retro-Look lädt zum Chillen ein, es bleibt aber unheimlich und kalt, trotz der gedimmten Beleuchtung. Alle Teile sind so alt wie ich selbst.

Im Spätwerk dominiert die coole Pose des Desperados mit der Maschinenpistole. Aber so weit wie manch andere ging Lausen auch am Ende nicht. Er wendete die Gewalt gegen sich und beendete sein Leben selbst. „Ende schön, alles schön“? Es ist die „unwirtliche“ Welt, von der Hans-Magnus Enzensberger gesagt hat, sie, die 68er, hätten sie doch überhaupt erst bewohnbar gemacht. Wenn man diese Ausstellung gesehen hat, glaubt man ihm.

Uwe Lausen – Ende schön, alles schön, Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main, bis 13. Juni 2010.