Risikogesellschaft reloaded

von schneeschmelze

In der gegenwärtigen Diskussion um „die Krise“ zeigt sich, daß das ernsthafte Wirtschaften des „ordentlichen Kaufmanns“ immer mehr durch einen Umgang mit Risiken ersetzt worden ist. Nachdem der Staat den privaten Marktteilnehmern diesen Paradigmenwechsel zugestanden hatte, indem er die hierzu benötigten Finanzprodukte zuließ, tritt er nun selbst in dieses Geschäft ein. Schon zum zweiten Mal in kurzer Zeit wurden nun hunderte von Milliarden Euro an Steuergeldern bereitgestellt, um Banken, Versicherungen und jetzt auch ganze Staaten vor dem Bakrott zu bewahren – größtenteils in Form von Bürgschaften und in der Hoffnung, diese würden sehr wahrscheinlich nicht benötigt. Das ist wichtig, denn soviel Geld wäre natürlich nicht vorhanden, wenn es denn tatsächlich gebraucht würde. Die diesbezüglichen Beschlüsse haben deshalb größtenteils beschwichtigenden Charakter gegenüber dem Markt und gegenüber den Wählern. Es ist eine Dimension der Risikogesellschaft im Sinne Ulrich Becks, die bisher noch nicht diskutiert worden ist, und falls es mir entgangen sein sollte, so wurde sie jedenfalls nicht in ausreichendem Maße diskutiert: Nach der Zunahme der Umweltgefahren und dem unwiderbringlichen Verschwinden der Arbeitsgesellschaft ist das Finanzsystem der dritte mächtige Faktor geworden, der gleichzeitig die Moderne zu einer Gesellschaft des bloßen risk management transformiert hat und dadurch die Demokratie sehr ernsthaft gefährdet. Denn die insoweit angesprochenen Lasten sind natürlich so umfangreich, daß sie im Ernstfall wirklich niemand mehr bezahlen könnte, nicht nur insgesamt, sondern bereits für sich genommen. Ebenso wie auch die Lasten eines atomaren GAU oder der Klimaveränderung oder eines Unfalls an einer gentechnischen Anlage aufgrund der Beschränkungen durch die Gefährdungshaftung letztlich und zum allergrößten Teil von der Allgemeinheit aufzubringen wären. Der Finanz-GAU ist also auch in dieser Hinsicht ein Präzedenzfall. Es gibt sie noch, die Risikogesellschaft.