Soldaten sind …

… nach den Worten von Bundespräsident Köhler dazu da, den Weg freizuschießen für deutsche Kapitalinteressen: „Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“ Der Spiegel hat es zwar erst heute bemerkt, aber immerhin. Die Sätze fielen schon vor mehreren Tagen in einem Interview im Deutschlandfunk, und das dortige Archiv hält drei Versionen des Gesprächs bereit, von denen zwei um eben diese Passage gekürzt worden sind. Man sagt es wieder offen heraus: Es besteht Interesse daran, daß Geld hereinkommt (so einst Brecht in den Gedichten zum Lesebuch für Städtebewohner). 20 Jahre nach den Frankfurter Soldatenurteilen und 15 Jahre nach den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, als es um den Satz Tucholskys ging: „Soldaten sind Mörder.“ Und ausgerechnet der gewaltige Außenhandelsüberschuß Deutschlands, der neben der deutschen Niedriglohnpolitik ganz wesentlich zur derzeitigen Eurokrise beigetragen hat, wird von dem Ökonomen Köhler als Begründung für den Militarismus angeführt – der natürlich keine Lösung für die Probleme sein kann, die sich aus der Transformation des internationalen politischen Systems nach 1989 und 2001 ergeben haben. Ich meine jedenfalls, man sollte den Wunsch des Bundespräsidenten aufnehmen und eine breite gesellschaftliche Debatte führen. Widerspruch ist nötig. Es wäre eine Debatte um Interessen und Profiteure, um Blut und Öl und Geld. Und Opfer. Wenn das gelänge, wäre es ein Zeichen für eine funktionierende Demokratie. Da ist er wieder: Der tiefe Graben.

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Facebook is a closed shop XV

Die Abwendung von den sozialen Netzwerken und die Konzentration auf Bookmarkdienste und Blogs hat sich bisher bewährt. Allerdings bin ich schnell von Delicious zu Mister Wong gewechselt, daneben beobachte und durchsuche ich BibSonomy für wissenschaftliche Quellen. Das dürfte die beste Lösung sein, um Bookmarks beim Surfen im Netz zu speichern und um sie an andere weiterzugeben, jedenfalls ist es eine in jeder Hinsicht intelligentere Lösung als Microblogging oder Facebook. Der Import von Bookmarks aus Delicious in Mister Wong dauerte zwar ziemlich lange (wesentlich länger als die in Aussicht gestellten zwei Stunden), funktionierte letztlich aber problemlos. Sehr aufmerksamer Support per E-Mail. Die Technik zur Vernetzung der User untereinander bleibt RSS. Es geht auch anders.

Nichts zu verbergen II

Heute habe ich bei Google Widerspruch eingelegt gegen die Aufnahme der Liegenschaft, in der ich wohne, in den Dienst Google Street View. Meine Mail wurde dort mit der Nummer 648714146 versehen. Merke: Google kaschiert anscheinend die Anzahl der Widersprüche aus Deutschland, indem es eine Nummerierung verwendet, die sämtliche dort je eingegangenen Widersprüche zählt. Wolfgang Sander-Beuermann danke ich für die Verteilung eines Musterbriefs des Bundesverbraucherministeriums sowie für die Initiative zur Aktion.

Der Datenschutz am Ende des Monats

Dirk Schneider weist auf einen Bericht der FAZ hin, wonach der RMV gedenke, ab 2015 sämtliche Fahrkartenautomaten abzuschaffen und durch ein elektronisches Bezahlsystem per Smartphone zu ersetzen:

„Die elektronische Zukunft sieht so aus: Ein Fahrgast steigt im Frankfurter Hauptbahnhof in einen Zug. Sein elektronisches Ticket – ein entsprechend konfiguriertes Handy oder eine Chipkarte – stellt beim Eintreffen am Bahnhof fest: Der Nutzer befindet sich am Hauptbahnhof Frankfurt. Beim Betreten des Zuges aktiviert eine Weck-Antenne im Fahrzeug das E-Ticket, und eine Raumerfassungs-Antenne registriert während der Fahrt die Anwesenheit. In Langenselbold verlässt der Kunde den Zug. Ein Bordrechner registriert automatisch den Ausstieg, gibt die Daten per Funk an ein elektronisches Hintergrundsystem weiter, das die Fahrt abrechnet. Der Fahrgast muss rein gar nichts tun. Nur am Ende des Monats seine Rechnung zahlen.“

Die Zeitung erklärt, auch die Die Bahn und andere Verkehrsverbünde in Deutschland wollten so verfahren.

Man fragt man sich unwillkürlich: Wer zahlt die Handys? Die Teilnahme am öffentlichen Personennahverkehr vom Besitz eines dementsprechenden Geräts abhängig zu machen, ist eine so absurde Idee, daß ich mich über den unkritischen Artikel in der FAZ nur wundern kann. Es gibt übrigens einen Präzedenzfall: Bei der Einführung des Digitalfernsehens mußten die entsprechenden Geräte für die Bezieher von Alg II und Sozialhilfe vom Staat übernommen werden, weil die Betroffenen sonst von dieser Infrastruktur abgeschnitten worden wären. Um die Kirche im Dorf zu lassen, mal ein Blick in meinen Gerätepark: Ein so aufwendiges und in Betrieb und Anschaffung teures Handy, wie es für dieses System erforderlich wäre, habe ich nicht und werde es auch nicht haben, weil auch ich es mir gar nicht leisten könnte. Mein Handy hat 6 Euro im Telekomladen gekostet und läuft auf Karte. Ich telefoniere damit für maximal 10 Euro im Jahr. Funktioniert zuverlässig, mehr braucht kein Mensch. Hier geht es aber nicht nur um die bekannte Milchmädchenrechnung, es geht um mehr: Wie „betrugssicher“ ist dieses neue Bezahlsystem? Wer kann denn da sonst noch auf meine Handynummer zugfahren? Wie soll die Abrechnung größerer Beträge über ein Handy auf Guthabenbasis erfolgen, wo kein Kredit bis zur Bezahlung der Rechnung gewährt wird? Muß der Fahrgast am Ende seines Guthabens aus dem fahrenden Zug springen? Und wie steht es, schließlich, mit dem Datenschutz des gläsernen Fahrgasts „am Ende des Monats“?

Hessischer Abgang

Schon bei der letzten Landtagswahl wurde er gefragt, wie lange er noch Ministerpräsident sein wolle. Damals wurde ihm unterstellt, er wolle ins Bundeskabinett wechseln. Niemand rechnete mit einer ganzen Legislaturperiode als Ministerpräsident. Roland Koch gibt es nicht allein, er hat alles in der Gruppe gemacht, mit der er erst gemeinsam studiert und dann gemeinsam regiert hatte, und das ist bis heute eine ganz blasse Truppe geblieben. Sein Adlatus Bouffier war schon Hinterfigur zum Fall Daschner. Fiele Bouffier nun im erneuten Polizeichefskandal, wäre auch Koch gefallen. Also ging er jetzt, bevor er gegangen worden wäre. Und es drängelt sich keiner nach vorn. „Das wäre jetzt auch eine gute Gelegenheit für die CDU, sich von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu distanzieren“, schrieb Holger Klein heute mittag mit Blick auf die vielen Skandale, die Kochs Weg säumen, inszeniert zum Wohle seiner Partei, zum Schaden der politischen Kultur: Spalten, statt zu versöhnen. Immerhin: „Roland Koch hat Stil. Er wirft am Towelday das Handtuch“ (via F!xmbr).

[Update] Facebook is a closed shop XIV

Genug gespielt. Es ist an der Zeit, erwachsen mit den „sozialen Medien“ umzugehen.

Mein Fazit: Für jeden Zweck das richtige Werkzeug. Wer Bookmarks weitergeben möchte, nutzt dazu am besten einen dementsprechenden Dienst. Ich mache das ab jetzt nicht mehr bei Identi.ca oder auf Twitter, sondern bei Delicious bei Mister Wong; es gibt ein sehr praktisches Add-on für Firefox, das die Benutzung wesentlich vereinfacht. Daneben führe ich einen Account auf BibSonomy für die etwas ernsthafteren Nachweise; dort stelle ich auch bibliographische Angaben zu Literatur bereit. BibSonomy bietet einen ganz hervorragenden Export und Import mittels BibTeX. Auf beiden Plattformen kann man übrigens Netzwerke bilden, wenn man es möchte, und natürlich stehen auch mehrere RSS-Feeds zum Mitlesen zur Verfügung. Wer online diskutieren möchte, sollte das weiterhin im freien Netz tun. Es stehen mehr als ausreichend Mailinglisten, Newsgroups und andere Foren zur Verfügung. Und wer meint, mehr zu sagen zu haben, verwende dazu ein Blog, etwa wie dieses hier. Für die individuelle Kommunikation gibt es E-Mail und Telefon. Alles weitere ist entbehrlich.

Und selbstverständlich teile ich dies nur hier in meinem Blog mit, denn das ist der richtige Ort dafür.